Eines Tages werden wir uns zu erin­nern ver­su­chen, wann es los­ging. War es, als wir nicht mehr wussten, wie die Grup­pen­gegner von Bayern und Dort­mund in der Cham­pions League heißen? War es, als wir nicht mehr genau wussten, ob heute die Bun­des­liga spielt? Oder als der FC Bayern in diesem Herbst zum Spiel gegen Ingol­stadt erst­mals noch Karten an der Tages­kasse ver­kaufte? Als in Mainz die Ränge löchrig besetzt waren, obwohl St. Eti­enne in der Europa League doch kein unat­trak­tiver Gast war? Oder als beim Län­der­spiel gegen Finn­land in Mön­chen­glad­bach viele tau­send Plätze leer blieben? Waren das die Momente, in denen wir ahnten, dass die Ära des Fuß­balls, wie wir ihn kannten, vorbei war? 

Der kana­di­sche Autor Mal­colm Glad­well hat im Best­seller Tip­ping Point“ das Phä­nomen von Trends und sprung­haften Ver­än­de­rungen unter­sucht. Er beschreibt darin den rasanten Rück­gang der Kri­mi­na­lität im New York der neun­ziger Jahre oder wie Bücher zuvor völlig unbe­kannter Autoren in Win­des­eile zu rie­sigen Best­sel­lern werden. Solche Erschei­nungen haben laut Glad­well einen Tip­ping Point. Einen Moment des Umkip­pens, von dem aus sich die Dinge plötz­lich und rasant ver­än­dern. Glad­well ver­gleicht das mit Epi­de­mien: Ideen und Pro­dukte und Bot­schaften und Ver­hal­tens­weisen ver­breiten sich genauso wie ein Virus.“

Ist der Fuß­ball also von einem Virus befallen, das zu seinem Unter­gang führen könnte? Auf den ersten Blick ist das eine abwe­gige Vor­stel­lung. Die Bun­des­li­ga­sta­dien sind voll, und die TV-Quoten haben sich nicht erwäh­nens­wert ver­schlech­tert. Die Fern­seh­rechte an der Bun­des­liga sind gerade sogar erst­mals für mehr als eine Mil­li­arde Euro pro Saison ver­kauft worden, und die Spon­soren rennen den großen Klubs die Bude ein. 

Der Fuß­ball ändert sich

Doch wer Fans, aber auch Manager, Trainer oder Spieler fragt, ob sich gerade grund­sätz­lich was ändert, der sieht sie alle nach kurzem Nach­denken nicken. Aus der Fuß­ball­branche will das nie­mand laut bestä­tigen, wer will schon sein Geschäft schlecht reden. Aber alle finden, dass etwas vom Zauber des Fuß­balls ver­fliegt. Das hat mit dem bizarren Zustand der großen Fuß­ball­ver­bände Fifa und Uefa zu tun, der Kor­rup­tion oder den absurden Plänen zu einer Welt­meis­ter­schaft mit 40 oder 48 Teil­neh­mern. Doch das wesent­liche Thema ist ein anderes: Der sport­liche Wett­be­werb funk­tio­niert nicht mehr!

Die Leute gehen zum Fuß­ball, weil sie nicht wissen, wie es aus­geht“, war einer der gol­denen Sätze Sepp Her­ber­gers. Doch er gilt heute viel zu oft nicht mehr. Immer öfter haben wir das Gefühl, im Prinzip schon zu wissen, wie es aus­geht. Wir kennen natür­lich nicht das genaue Ergebnis, aber mächtig schiebt sich eine andere Wahr­heit in den Vor­der­grund: Geld schießt Tore.“

Einen direkten Zusam­men­hang zwi­schen finan­zi­ellem Ein­satz und sport­li­chem Ertrag gibt es überall, wo pro­fes­sio­nell Fuß­ball gespielt wird. Legt man die Tabelle einer Liga und die Rang­liste der Per­so­nal­kosten der Klubs neben­ein­ander, sind sie im Schnitt von zehn Jahren deckungs­gleich. Das ist nicht nur so behauptet, der Wirt­schafts­wis­sen­schaftler Stefan Szy­manski hat es 2009 am Bei­spiel Eng­land nach­ge­wiesen. Dort müssen die Klubs in den Geschäfts­be­richten näm­lich diese Kosten offen­legen. Laut Szy­manski zeigt sich: Je mehr Gehälter man bezahlen kann, desto weiter oben in der Tabelle wird man landen.“ Nicht in jedem Moment und jedem Jahr, aber auf Dauer.

Unter­schiede in der Liga sind wett­be­werbs­ver­zer­rend

In Deutsch­land sind die Per­so­nal­kosten der Pro­fi­mann­schaften ein gut gehü­tetes Geheimnis. Um an aus­sa­ge­kräf­tige Zahlen zu kommen, haben wir daher mit zahl­rei­chen Bun­des­li­ga­ma­na­gern, Spie­ler­be­ra­tern und etli­chen anderen Insi­dern gespro­chen. Durch diesen Schwarm von Experten ent­stehen ver­läss­liche Schät­zungen, was die Klubs für die Profis und das Trai­ner­team ihres Bun­des­li­gaka­ders in der lau­fenden Saison aus­geben. Erfolgs­prä­mien sind dabei so wenig ein­ge­rechnet wie Aus­gaben für Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren, die zweiten Mann­schaften oder das nicht-sport­liche Per­sonal. 

Über­ra­schend bei den Zahlen ist, mit welch beschei­denen Mit­teln der FC Ingol­stadt und der FC Augs­burg nach wie vor arbeiten müssen und wie wenig von der frü­heren wirt­schaft­li­chen Kraft bei Werder Bremen übrig­ge­blieben ist. Erstaun­lich zudem, wie groß die sport­li­chen Unter­schiede zwi­schen Borussia Mön­chen­glad­bach und dem Ham­burger SV sind, obwohl die Klubs bei den Per­so­nal­kosten nah bei­ein­an­der­liegen. Die wich­tigste Erkenntnis jedoch: Die Unter­schiede in der Liga sind wett­be­werbs­ver­zer­rend. Hertha BSC hat das Dop­pelte von Darm­stadt zur Ver­fü­gung, Schalke 04 das Dop­pelte von Hertha und der FC Bayern wie­derum das Dop­pelte von Schalke. Wäre die Bun­des­liga ein Auto­rennen, würden nagel­neue Fer­raris und Por­sches gegen ange­jahrte Golfs und Kadetts fahren. Hin­ten­dran tuckert das Pre­ka­riat von Frei­burg bis Augs­burg im Klein­wagen, dann kommt die Mit­tel­klasse, und die Spit­zen­gruppe der Ent­eilten rast vor­neweg. Sie macht die euro­päi­schen Plätze unter sich aus – einsam ange­führt vom FC Bayern Mün­chen. 

Dass die Tabelle der Per­so­nal­etats mit der durch­schnitt­li­chen Plat­zie­rung der letzten fünf Jahre weit­ge­hend über­ein­stimmt, ist kein Wunder. Geld schießt viel­leicht keine Tore, die am besten bezahlten Fuß­baller aber tun es. Zahl­reiche depri­mie­rende Zahlen sind der Beleg dafür. So wat­schen die Bayern das Fuß­volk der Liga immer tor­rei­cher ab. Siegten sie zwi­schen 2000 und 2011 ins­ge­samt elf Mal mit fünf oder mehr Toren Unter­schied, gab es in den letzten fünf Spiel­zeiten schon 18 dieser deklas­sie­renden Münchner Siege. Ähn­lich geht es in der Cham­pions League zu, wo die Bayern in den letzten fünf Spiel­zeiten stolze zehn Siege mit vier und mehr Toren Unter­schied fei­erten, bei den fünf vor­an­ge­gan­genen Teil­nahmen waren es nur halb so viele.