Er war der wohl fraglos größte Glücks­fall für Borussia Mön­chen­glad­bach seit vielen, vielen Jahren: Marco Reus hatte nicht nur erheb­li­chen Anteil am Last-Minute-Klas­sen­er­halt, er schoss die Borussia auch zurück nach Europa. Doch nach seinem Wechsel zum BVB hat sich sein Name im Borussia-Park fast schon zu einem Fluch ver­wan­delt. Wie ein Damo­kles-Schwert schweben die eins­tigen Gala-Auf­tritte des Rolls Reus“ über einer Mann­schaft, die neben ihrem Shoo­ting­star mit Roman Neu­städter und Dante noch zwei wei­tere Säulen verlor.

Trainer Lucien Favre will über den Ver­lust seines Lieb­lings­schü­lers schon gar nicht mehr reden und hat ihn zum Tabu-Thema erklärt. Sobald ein Jour­na­list auch nur ver­sucht dessen Namen aus­zu­spre­chen, grätscht der Schweizer galant dazwi­schen. Das ist vorbei. Wir dürfen nicht mehr dar­über spre­chen“, säu­selt er dann mit seinem char­manten fran­zö­si­schen Akzent und ver­sucht seine sicht­liche Genervt­heit zu über­spielen. Die Trauer ver­birgt sich viel­mehr hinter den Lieb­lings­be­griffen aus dem Fuß­ball-ABC des eins­tigen Mit­te­feld-Vir­tuosen von Ser­vette Genf. Von feh­lender Durch­schlags­kraft“ und Spiel­in­tel­li­genz“ ist dann die Rede.

Haus­manns­kost statt Haute cui­sine“

Wie sehr der Ästhet und Bar­ce­lona-Ver­ehrer unter dem der­zei­tigen Ergeb­nis­fuß­ball seiner Mann­schaft leidet, ist ihm am Spiel­feld­rand anzu­merken. Mit hek­ti­schen Hand­be­we­gungen ver­sucht er immer wieder Ein­fluss auf die tak­ti­sche Ord­nung zu nehmen. Denn statt fuß­bal­le­ri­scher Haute cui­sine“ mit Tem­po­fuß­ball und Kurz­pass­spiel, ser­viert die Borussia der­zeit deut­sche Haus­manns­kost in Form von mann­schaft­li­cher Geschlos­sen­heit sowie Tugenden wie Effek­ti­vität und Moral. Stan­dard­si­tua­tionen, die vom Schweizer noch vor einem Jahr als nicht so wichtig“ ange­sehen worden, sind in dieser Saison zur Lebens­ver­si­che­rung geworden. Trotz der Tat­sache, dass den Glad­ba­chern momentan ledig­lich drei Punkte auf einen Euro­pa­po­kal­platz fehlen, ist der Fuß­ball-Per­fek­tio­nist dem­entspre­chend nur bedingt zufrieden: Ola­lala… Es gibt viel zu tun“, sagt er des­halb selbst nach erfolg­rei­chen Spielen.

Die Ursa­chen für diese ästhe­ti­sche Rück­ent­wick­lung liegen neben dem Ver­lust der drei Leis­tungs­träger ebenso in den per­so­nellen Ver­än­de­rungen im letzten Sommer begründet. Denn mit Aus­nahme von Alvaro Dom­in­guez konnten bis­lang weder Luuk de Jong noch Granit Xhaka an die Leis­tungen ihrer Vor­gänger anknüpfen. Dass solche jungen Spieler aus eher unter­klas­sigen euro­päi­schen Ligen eine gewisse Ein­ge­wöh­nungs­zeit benö­tigen, steht dabei außer Frage. Nicht umsonst hat die Glad­ba­cher Füh­rung bereits vor Sai­son­be­ginn ver­sucht, die Erwar­tungs­hal­tung ein­zu­dämmen und somit die kom­mende Spiel­zeit zu einer Auf­bau­saison“ dekla­riert. Den­noch haben sich nicht nur die Anhänger, son­dern auch die Ver­ant­wort­li­chen mehr von ihren mil­lio­nen­schweren Neu­zu­gängen ver­spro­chen.

Dass sich bis­lang nicht alles so ent­wi­ckelt hat, wie man es sich von Seiten der sport­li­chen Füh­rung viel­leicht erhofft haben mag, kann auch Sport­di­rektor Max Eberl nicht mehr ver­leugnen: Es ist eine Ent­wick­lung ein­ge­treten. Wir wollen einen anderen Weg beschreiten, als wir es noch im Sep­tember geplant hatten“, sagte er, als die Borussia vor zwei Wochen offi­ziell bekannt gab, dass der aus­lau­fende Kon­trakt von Stürmer Mike Hanke nun doch nicht ver­län­gert wird. Zuvor hatten sich die Ver­trags­ver­hand­lungen mit dem ehe­ma­ligen Natio­nal­stürmer und kon­ge­nialen Partner von Marco Reus fast ein halbes Jahr hin­ge­zogen.

Eine gewisse Kurs­kor­rektur hatte sich aber bereits in der Win­ter­pause ange­deutet. Kurz vor Laden­schluss wurde mit Igor de Camargo ein wei­terer Stürmer abge­geben. Zu ähn­lich“ seien sich de Jong, Hanke und de Camargo, bemän­gelte Favre bereits zu Sai­son­be­ginn. Auch die Kauf­op­tionen für Alex­ander Ring und Tolga Cigerci zogen die Glad­ba­cher nicht. Wäh­rend der Abgang des Finnen beschlos­sene Sache ist, darf Wolfs­burg-Leih­gabe Cigerci trotz mäßiger Leis­tungen noch hoffen. Denn sein Trainer sieht großes Poten­zial beim Deutsch-Türken.

Kommt Robbie Kruse aus Düs­sel­dorf?

Nach dem Früh­jahrs­putz arbeitet Sport­di­rektor Eberl nun mit Hoch­druck an der Ver­pflich­tung von schnellen Angrei­fern, die den lah­menden Fohlen in der Offen­sive neues Leben ein­hau­chen sollen. Als hei­ßester Kan­didat gilt laut Kicker-Infor­ma­tionen Flü­gel­flitzer Robbie Kruse von For­tuna Düs­sel­dorf. Mit dem erst 19-jäh­rigen Amin Younes haben die Glad­ba­cher zudem eine interne Alter­na­tive gefunden. Zumin­dest deu­tete der deut­sche Junioren-Natio­nal­spieler bis­lang an, dass die Borussia bereits über einen schnellen, drib­bel­starken und spiel­in­tel­li­genten Spieler ver­fügt.

Auf Max Eberl und auf Lucien Favre wartet also auch nach dem Umbruch im letzten Sommer wei­terhin viel Arbeit. Dass es bei der Zusam­men­stel­lung einer jungen Mann­schaft jedoch zu Kurs­kor­rek­turen kommen kann, liegt in der Natur der Sache und ist eben­falls der rasanten sport­li­chen Ent­wick­lung in den letzten beiden Jahren geschuldet. Für Phra­sen­dre­scherei à la Geld schießt keine Tore“ ist es am Nie­der­rhein defi­nitiv zu früh, denn wie jeder weiß: Am Ende kackt die Ente.