Seite 2: Er sank in die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen

Den Weg zum Erfolg ebnete der­weil die tak­ti­sche Fle­xi­bi­lität des Teams, in dem jeder Akteur blitz­schnell vom vor­sich­tigen Defen­siv­spiel auf gefähr­liche Offen­siv­ak­tionen umschalten konnte. Der zweite Vor­teil war die Zusam­men­set­zung der Elf: teils erfahren und abge­brüht, teils jung und erfolgs­hungrig. Gemein war allen Spie­lern, dass sie gierig darauf waren, sich zu beweisen – weil es ent­weder ihre erste oder ihre letzte Chance auf inter­na­tio­nalem Par­kett war. Ein­ge­schworen auf mar­tia­li­sche Schlag­worte wie Ehre und Natio­nal­stolz, ließ die Mann­schaft ihre Nicht­türken den­noch nicht außen vor.

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Road to Kopen­hagen: Im Ach­tel­fi­nale wirft Gala­ta­saray den BVB raus.

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Die Gelb-Roten schwangen sich auf der Welle der Euphorie, die sich im Land aus­brei­tete, zu Höchst­leis­tungen auf: Neben dem UEFA-Cup und der vierten Meis­ter­schaft in Folge gewann Gala­ta­saray 2000 auch noch den tür­ki­schen Pokal und den euro­päi­schen Super-Cup gegen Real Madrid. Eine Leis­tung, die der Rumäne Popescu unter Tränen als his­to­ri­schen Moment für die gesamte Türkei“ bezeich­nete.

Vor dem Bra­si­lianer Taf­farel im Tor, dem Welt­meister von 1994, ver­traute Terim auf eine Vie­rer­kette: wahl­weise der Bra­si­lianer Capone oder Ümit Davala, daneben Bülent Korkmaz, der beid­fü­ßige Hakan Ünsal und der WM-erprobte Popescu. Das Mit­tel­feld sicherten Ergün Penbe, Tugay Keri­moglu, und Okan Buruk.

Dreh- und Angel­punkt der Istan­buler war jedoch ihr alternder Star: Gheorghe Hagi, der ebenso exzen­tri­sche wie bril­lante Regis­seur der rumä­ni­schen Natio­nal­mann­schaft. In Bar­ce­lona oft wegen dis­zi­pli­na­ri­scher Ver­gehen sus­pen­diert und in zwei Jahren mit gerade mal 21 Ein­sätzen, erlebte Hagi in der Türkei eine regel­rechte Leis­tungs­ex­plo­sion. Die Mann­schafts­kol­legen tole­rierten die Eigen­heiten ihres Spiel­ma­chers, für die Fans war er eine Ikone. Im Sturm setzte Terim auf den lauf- und zwei­kampf­starken Arif Erdem, der sich die Bälle auch gern mal im Mit­tel­feld vom Gegner zurück­holte, und auf den viel­leicht gefähr­lichsten tür­ki­schen Stürmer über­haupt, Hakan Sükür, der inner­halb des Sech­zeh­ners aus nahezu jeder Posi­tion gefähr­lich abschließen konnte.

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Der Impe­rator im Ber­liner Olym­pia­sta­dion. Gala­ta­saray qua­li­fi­zierte sich als Dritter der Cham­pions-League-Grup­pen­phase für den Uefa-Cup.

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Die Mann­schaft brach am Ende der Saison weit­ge­hend aus­ein­ander – ein Groß­teil emp­fahl sich bei der EM 2000 und nutzte die Bühne, um ins Aus­land zu wech­seln, so Sükür zu Inter oder Tugay Keri­moglu zu den Glasgow Ran­gers. Capone ver­ließ den Klub im Streit um aus­ste­hende Gehälter. Auch Terim ging nach Ita­lien, obwohl sogar im tür­ki­schen Par­la­ment sein Bleiben erfleht worden war. Dass dieses Team seinen Zenit erreicht hatte, war ihm ver­mut­lich bereits klar, als Popescu den letzten Elf­meter ver­wan­delte. Wäh­rend Spieler und Betreuer das Feld stürmten, blieb Terim allein. Er ballte für einen Moment die Fäuste, bevor er in die Knie sank und sein Gesicht in den Händen ver­grub. Der Druck, unter dem er und seine Mann­schaft in den ver­gan­genen Wochen gestanden hatten, entlud sich in einer ein­zigen Geste.