Es gibt nur noch wenige aktive Ver­treter jener Genera­tion, die das Erbe von Real Madrid quasi mit der Mut­ter­milch auf­ge­sogen haben: das Erbe einer offen pater­na­lis­ti­schen Dok­trin, wie sie typisch war für die Nach­kriegs­jahre eines von einer Dik­tatur geprägten Landes. Die Füh­rungs­struk­turen im Ber­nabéu waren stets per­so­nen­be­zogen und bescherten dem Klub eine ein­fache Ideo­logie, die eher der eines reli­giösen Ordens als der einer poli­ti­schen Orga­ni­sa­tion ent­sprach. Deren Grund­ele­mente waren Nüch­tern­heit, Arbeit, Beschei­den­heit und Ehr­bar­keit. Real Madrid ver­brei­tete diese Werte, die sich unter dem Begriff des señorio (über­setzt etwa: herr­schaft­liche Würde) zusam­men­fassen lassen, auf dem Spiel­feld und unter seinen Aktiven. Jahr­zehn­te­lang wurden sie wei­ter­ge­tragen, vom Trainer zum Spieler, vom Manager zum Ange­stellten, von Miguel Munoz zu Luis Molowny zu Vicente del Bosque. Del Bosque hätte viel­leicht nach seiner aktiven Kar­riere dem Fuß­ball den Rücken gekehrt, doch etwas von dieser Beru­fung steckte noch in ihm, als er vom Spieler zum Trainer wurde und später dann zum Leiter der Fuß­ball­schule von Real Madrid. Und noch heute umgibt ihn die Aura eines Leh­rers der alten Schule, selbst unter den außer­ge­wöhn­li­chen Rah­men­be­din­gungen einer Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft.



Real Madrid selbst hat dafür gesorgt, dass sein urei­genes Wesen durch die Schi­zo­phrenie seiner letzten Manager ver­lo­ren­ge­gangen ist. In einer Welt, in der Fuß­ball nur noch ein Geschäft ist, hat der señorio keinen Platz mehr. Ein Groß­teil der Männer der alten Schule hat sich still und heim­lich zur Ruhe gesetzt, oft ohne warme Worte zum Abschied, doch immer dis­kret. Das bit­tere Ende als ein­fa­cher büro­kra­ti­scher Akt, unter­schrieben von einem Ver­wal­tungs­an­ge­stellten, dem die his­to­ri­sche Rolle des Schei­denden völlig gleich­gültig war. Dabei ver­standen diese Leute noch etwas von ihrem Hand­werk, sie betrieben es von Grund auf, Woche für Woche, von mon­tags bis sonn­tags. Sie trai­nierten ihr Gedächtnis, um sich die Namen und jedes per­sön­liche Detail von jedem ein­zelnen jungen Spieler zu merken, der in die Ciudad Depor­tiva, das his­to­ri­sche Klub- und Trai­nings­zen­trum von Real Madrid, kam. Man fer­tigte sogar hand­ge­schrie­bene Per­so­nal­bögen für das Klub­ar­chiv an.

Eine Schule, deren Ver­falls­datum abläuft

Viele der alten Recken sind mitt­ler­weile gestorben, wie etwa Miguel Malbo, eine der Schlüs­sel­fi­guren der Talent­schmiede von Real Madrid und ein treuer Mit­ar­beiter Vicente del Bos­ques. Er zog in eine Senio­ren­re­si­denz gleich beim Ber­nabéu, um in der Nähe des Sta­dions sterben zu können. Die alte Ciudad Depor­tiva wurde mitt­ler­weile von Bag­gern dem Erd­boden gleich­ge­macht, auf ihrem Grund und Boden sind vier ultra­mo­derne Wol­ken­kratzer ent­standen. Am neuen Standort der Schule, in Val­de­bebas, hat jede Anfän­ger­mann­schaft ihre eigene Fünf-Sterne-Kabine, und es gibt so viele Ange­stellte, dass den 12-Jäh­rigen nach dem Trai­ning die Sachen hin­ter­her­ge­tragen werden können.

Vicente del Bosque ent­stammt einer Schule, deren Ver­falls­datum abläuft. Seine Uni­ver­sität war Real Madrid. Etwas anderes kann man nicht sagen über einen Mann, der seit seinem 16. Lebens­jahr im weißen Haus“ gelebt hat. Zieht man seine acht Monate bei Bes­iktas Istanbul und die letzten zwei Jahre als Natio­nal­trainer ab, so ist die Bio­grafie von Vicente del Bosque ein blü­ten­weißes Blatt Papier. Wie bei vielen anderen war auch sein Abgang eine trau­rige Ange­le­gen­heit: Man ver­ab­schie­dete ihn eilig im Stehen auf dem Flur. Dabei ist es Vicente del Bosque, der sich nicht von seinem Platz bewegt hat, genau wie sein Schnurr­bart. Belei­di­gende Worte und abfäl­lige Gesten sind ihm fremd.

Das scheinbar Anti­quierte ist wieder modern


Vicente kam mit 16 aus Sala­manca zum Klub. Er stammte aus einer Familie von Eisen­bah­nern. Sein Vater Fermin war nach Aus­sage seines Sohnes ein recht­schaf­fener und ehr­li­cher Mann“, der nach dem spa­ni­schen Bür­ger­krieg aus poli­ti­schen Gründen nicht mehr in seinen Beruf zurück­kehren konnte und als Ver­wal­tungs­an­ge­stellter in einer Fabrik arbei­tete. Nur ältere Ange­stellte erin­nern sich noch an Fer­mins ein­zigen Besuch in der Ciudad Depor­tiva, als sein Sohn Vicente noch in der Jugend spielte. Ich setze mein Ver­trauen in Sie“, sagte er und kam nie wieder.

Eine der her­vor­ste­chendsten Eigen­schaften von Vicente del Bosque ist seine schlichte Herz­lich­keit, für die er oft genug kri­ti­siert wurde. Und es ist schon iro­nisch, dass er nun, im Ange­sicht des Erfolges, genau dafür bewun­dert wird. Das scheinbar Anti­quierte ist wieder modern, das glaubt auch Fran­cisco Meso­nero, Vor­sit­zender der Stif­tung Adecco und Experte für Human­res­sourcen: Man kann sagen, dass del Bosque ganz und gar dem Anfor­de­rungs­profil für Füh­rungs­kräfte im 21. Jahr­hun­dert ent­spricht. Er unter­jocht nie­manden, son­dern schafft es zu über­zeugen, wobei er durch sein maß­volles Auf­treten ein Klima schafft, in dem sich seine Leute sicher und geborgen fühlen. Ihm ist es gelungen, die Rollen so zu ver­teilen, dass sich jeder Ein­zelne ver­ant­wort­lich für Sieg und Nie­der­lage fühlen konnte. Damit erfüllte er eine der wich­tigsten For­de­rungen des modernen Per­so­nal­ma­nage­ments: die Ein­bin­dung aller Kräfte, seien es Spieler, Ser­vice­leute, Fans, Jour­na­listen, ja sogar die Gegner, denen er stets größten Respekt gezollt hat.“


Ein anderer Experte von Adecco, Pedro Fernández, der eine enge Bezie­hung zu meh­reren spa­ni­schen Natio­nal­spie­lern pflegt, ist der Ansicht, dass es ent­schei­dend war, wie die Mann­schaft eine gemein­schaft­liche Iden­tität ent­wi­ckelt hat, mit einer Auf­gabe und einer Vision. Wir konnten beob­achten, wie andere Teams zu Ver­lie­rern der Welt­meis­ter­schaft wurden: durch das Aus­ein­an­der­bre­chen der Gruppe wie bei Frank­reich, durch man­gelnde Beschei­den­heit wie bei Argen­ti­nien oder weil es ihnen nicht gelang, sich von einer Nie­der­lage zu erholen, wie bei Ita­lien. Spa­nien hin­gegen blieb stets stabil, nicht allein durch sein Spiel, son­dern durch pro­fes­sio­nalles Auf­treten und gutes Benehmen.“ Der Experte ist davon über­zeugt, dass der Anteil del Bos­ques am Erfolg gewaltig ist. Er machte sich all das zunutze, was vor seiner Zeit positiv war“, sagt Fernández, und ver­zich­tete darauf, Dinge nur des­halb zu ver­än­dern, um seine Auto­rität zu beweisen. Später gelang es ihm, die Stärken des Kaders zu ver­in­ner­li­chen, außerdem war er ein aus­ge­zeich­neter Kri­sen­ma­nager und schaffte es, im Spiel der Mann­schaft ein Gleich­ge­wicht zwi­schen Domi­nanz und Zurück­hal­tung her­zu­stellen.“

Del Bosque passte nicht in das Pérez-Kon­zept

Ähn­li­ches könnte man über seine vier Jahre als Trainer von Real Madrid sagen: vier Jahre, vier Titel, zweimal die Meis­ter­schaft und zweimal die Cham­pions League. Damals, um das Jahr 2000 herum, fing der Verein an, Stars zu sam­meln, obgleich del Bosque gar keine neuen Füh­rungs­fi­guren benö­tigte. Doch die Anfor­de­rungen des Mar­ke­tings waren andere: Unter der Prä­si­dent­schaft von Flo­ren­tino Pérez strebte Real Madrid danach, ein glo­baler Klub mit Anhän­gern auf allen fünf Kon­ti­nenten zu werden. Del Bosque passte nicht in dieses Kon­zept: Er sprach kein Eng­lisch und trug weder ita­lie­ni­sches Design noch Sei­den­kra­watten.

Wenn es eine Epi­sode im Leben von Vicente del Bosque gibt, in der ihm seine Diplo­matie und Gut­mü­tig­keit abhanden kamen, dann war es sein Raus­schmiss bei Real Madrid, am Tag nach der zweiten Meis­ter­schaft. Der Jour­na­list Fran­cisco-José Sán­chez Can­a­mero beschreibt ihn in seiner Bio­grafie Vicente del Bosque: La Serenidad“ als trau­ma­ti­sches Erlebnis. Am Nach­mittag des 23. Juni 2003 bestellte man ihn eilig auf die Geschäfts­stelle, als er gerade auf dem Weg zu einem Fern­seh­in­ter­view war. Die wollen mich bestimmt raus­werfen“, war sein Kom­mentar. Kurz nach del Bos­ques Auf­tritt in den Nach­richten von Antena 3 kom­men­tierte der Jour­na­list J. J. Santos bereits, dass der Trainer Real Madrid ver­lassen müsste, und dass die Klub­spitze für den­selben Abend eine Ver­samm­lung ein­be­rufen hätte.

24 Stunden zuvor war es auf der Meis­ter­feier zu einem unschönen Zwi­schen­fall gekommen, als einige Spieler, allen voran Kapitän Fer­nando Hierro, und Klub­prä­si­dent Flo­ren­tino Pérez anein­an­der­ge­raten waren; del Bosque hatte sich nicht ein­ge­mischt. Als er nun einen kurzen Stopp im Ber­nabéu ein­legte – seine Frau Trini war­tete solange im Auto –, traf er auf dem Weg zu seinem Büro Vor­stands­mit­glied Carlos Mar­tínez de Albornoz und Sport­di­rektor Jorge Valdano. Man setzte sich nicht einmal hin und ließ del Bosque auch nicht mehr in sein Büro. Du kannst nicht wei­ter­ma­chen“, sagte Valdano. So etwas habe ich mir schon gedacht“, war die Ant­wort del Bos­ques. Danach kamen hohle Phrasen wie: Wenn du willst, können wir was für dich finden. Was, ist noch nicht klar, aber uns wird schon was ein­fallen.“ Das ganze Gespräch dau­erte nur wenige Minuten. Auf der anschlie­ßenden Auto­fahrt erhielt del Bosque einen Anruf von Fer­nando Hierro: Die haben mich raus­ge­schmissen!“ Fünf Jahre später rief Hierro, mitt­ler­weile Sport­di­rektor des spa­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes, erneut bei del Bosque an und fragte: Kann ich dich als Natio­nal­trainer vor­schlagen?“ Solche Über­ra­schungen gibt es manchmal im Fuß­ball.

Wie kaum ein anderer achtet del Bosque immer noch auf die ethi­schen Werte des Fuß­balls, die mehr und mehr ver­lo­ren­gehen. Selten sah man ihn so empört wie beim WM-Finale in Süd­afrika, als Mark van Bommel den Spa­niern einen Ball zurückgab, den Xavi zuvor ins Aus geschossen hatte, um die Behand­lung eines Mit­spie­lers zu ermög­li­chen. Van Bommel aber drosch den Ball so forsch nach vorne, dass er den Pfosten des Tores von Iker Cas­illas streifte. Was als sport­liche Geste erwartet wurde, ent­puppte sich end­gültig als Angriff von Oranje, als Puyol anschlie­ßend sofort nach dem Abstoß bedrängt wurde. Der spa­ni­sche Coach war außer sich.

Vicente del Bosque – der Mann, der die spa­ni­sche Natio­nalelf zur besten der Welt gemacht hat – erweckt oft den Anschein, als käme er aus einer anderen Welt. Sein Aus­sehen erin­nert an Pantuflo Zapa­tilla, den auf­rich­tigen und strengen Vater der Comic­fi­guren Zipi und Zape, die der Zeichner Ibánez zum Leben erweckte, als del Bosque noch ein Kind war. Man sagt, Ibánez habe sich dabei von Max und Moritz, den Figuren des deut­schen Zeich­ners und Dich­ters Wil­helm Busch, inspi­rieren lassen. Doch im Gegen­satz zum gestrengen Vater aus der Comic­serie gelingt es del Bosque, seine Spieler auf Linie zu halten, ohne dass er dabei laut werden und seinen Schnurr­bart zwir­beln muss.

Ein beschei­dener, schlauer, tem­pe­ra­ment­voller Mensch

Spa­niens Fuß­ball­fans pflegten lange das Vor­ur­teil, dass del Bosque nicht einmal dann in der Lage wäre, richtig sauer zu werden, wenn es darum ginge, das Team unter Span­nung zu halten und den Kon­kur­renz­kampf zu schüren. Wir alle wollen das­selbe und jeder von uns ver­sucht, auf seine Weise ans Ziel zu gelangen“, hat del Bosque dazu gesagt. Er ließ sich nie in die Falle locken, in die sein Vor­gänger Luis Ara­gonés immer wieder getappt ist. Anders als der Mann, der den Roten bei der EM 2008 den ersten Titel nach 40 Jahren bescherte, hatte del Bosque nie Pro­bleme mit den Medien. Im Gegen­teil: Die für die WM-Bericht­erstat­tung in Süd­afrika zustän­digen Jour­na­listen schenkten dem Trainer vor dem Halb­fi­nale gegen Deutsch­land einen Ball mit ihren Unter­schriften, um sich für die gute Zusam­men­ar­beit zu bedanken. Hin­gegen gibt es Reporter, die noch immer kein Wort mit Luis Ara­gonés spre­chen.

Der Unter­schied liegt darin, dass Luis aus der Stadt kommt, del Bosque aber vom Land“, sagt einer, der mit beiden gear­beitet hat. Toni Grande betont immer wieder, dass del Bosque ein beschei­dener, lie­be­voller, schlauer und tem­pe­ra­ment­voller Mensch sei: Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, aber wenn es drauf ankommt, kann er ganz schön stinkig werden.“ Grande ist die rechte Hand des Natio­nal­trai­ners, wie auch zuvor schon bei Real Madrid. Mit Aus­nahme seiner Frau Trini gibt es kaum jemanden, der del Bosque so gut kennt wie er. Die beiden sind seit Jahren befreundet und haben unzäh­lige Bier­chen mit­ein­ander getrunken. Zum Bier gibt es fast immer Mee­res­früchte aus Sala­manca“, sprich: Wurst­waren und Schinken. Abge­sehen von seiner Familie gibt es kaum etwas, was del Bosque lieber mag als ein paar Biere und leckere Häpp­chen in Beglei­tung von Freunden.

Als Fuß­baller war er seiner Zeit voraus“, findet Carles Rexach, ein ehe­ma­liger Trainer und Spieler des FC Bar­ce­lona, der gemeinsam mit del Bosque im spa­ni­schen Natio­nal­team stand. Das Spiel war damals unge­stüm, man schwitzte, gab alles. Es waren schlechte Zeiten für Leute wie ihn, die richtig gut Fuß­ball spielten.“ Obwohl Rexach sich der Unter­schiede bewusst ist, ver­gleicht er den Spieler del Bosque mit Xavi oder Guar­diola. Viel­leicht war dessen Losung für die WM des­halb so ein­deutig: Ich möchte Xavi Frei­raum bieten, damit er die ganze Ver­ant­wor­tung auf sich nimmt.“ Mit Iniesta als bestem Ver­bün­deten ließ er Xavi stets selbst ent­scheiden, was er auf dem Spiel­feld zu tun hatte. Es klappte wie am Schnür­chen, und nun hat Spa­nien end­lich einen Stern auf dem Trikot.


Dank seiner offen­siven Fähig­keiten spielte del Bosque selbst immer im Mit­tel­feld oder noch weiter vorn. Er bestach sowohl durch eine aus­ge­zeich­nete Physis als auch durch seine Spiel­in­tel­li­genz. Del Bosque kickte lange unter dem legen­dären Trainer Luis Molowny, dem spä­teren ersten Leiter der Sport­schule von Real Madrid, dessen Credo sich mit einem ein­zigen Satz zusam­men­fassen lässt: Der Spieler muss mit Liebe behan­delt werden.“

Nur wenn Sie den Schnurr­bart abnehmen, Sir!“


Genau das hat del Bosque über­nommen“, ver­si­chert Fer­nando Hierro. Er geht lie­be­voll mit seinen Spie­lern um.“ Unge­achtet der pro­fes­sio­nellen Distanz und einer unter­schied­li­chen poli­ti­schen Ideo­logie hat del Bosque den berühmten Real-Prä­si­denten San­tiago Ber­nabéu als mora­li­sche Füh­rungs­per­sön­lich­keit geschätzt. Er war ein guter und intel­li­genter Mensch, mit groß­ar­tigen Fähig­keiten und ein Vor­bild für uns alle. Ein beschei­dener Mann mit wenig Geld, auch wenn er der Vor­sit­zende des mäch­tigsten Klubs der Welt war.“ Trotz einiger anders­lau­tender Hin­weise in den Zei­tungs­ar­chiven hatte del Bosque keine Pro­bleme wegen seiner langen Haare und seinem dichten Schnurr­bart, denn Ber­nabéu wusste, dass es gegen die Mode kein Ankommen gab. Viele Jahre später, als Vicente del Bosque schon Trainer bei Real Madrid war, sagte er einmal zu seinem Spieler Guti: Du bist so ein netter Junge, aber immer diese langen Haare! Warum lässt du sie nicht abschneiden?“ Worauf Guti ant­wor­tete: Nur wenn Sie den Schnurr­bart abnehmen, Sir!“

Vicente del Bosque war schon über 30, als er vor den Trau­altar trat. Seine Frau Trini und er haben drei Kinder: Vicente (23), Gema (17) und Alvaro, mit dessen Geburt am 6. August 1989 sich das ganze Leben der Familie änderte. Wenige Tage nach der Geburt stellte sich heraus, dass der kleine Alvaro mit dem Down-Syn­drom zur Welt gekommen war. Anfangs haben wir viel geweint“, sagt del Bosque. Wenn ich ihn mir jetzt so anschaue, denke ich: Waren wir damals däm­lich.“

Ala­varo ist ein bezau­bernder Junge, was nicht heißt, dass er seinen Vater nicht kri­ti­siert. Als del Bosque noch Trainer von Real Madrid war, hielt er dem Vater auf das Hef­tigste vor, Iker Cas­illas auf der Bank gelassen zu haben. Und bevor er den WM-Kader nomi­nierte, drängte ihn sein Sohn tag­täg­lich, ja nicht Daniel Güiza zu ver­gessen. Er war ganz schön sauer, als er erfuhr, dass der Spieler aus Jerez nicht mit zur WM fahren würde“, weiß man aus dem Umfeld del Bos­ques zu berichten. Alvaro saß mit in dem Bus, der die Welt­meister quer durch Madrid chauf­fierte, weil sein Vater es ihm ver­spro­chen hatte. Unzäh­lige Male hatte er seinen Vater darum gebeten, ihn mit­zu­nehmen, er wollte unbe­dingt Iniesta, Xavi, Fàb­regas und die anderen ken­nen­lernen.

Del Bosque saugt Infor­ma­tionen auf wie ein Schwamm

Doch del Bosque, der sich streng an den Kodex hielt, kein Unbe­tei­ligter dürfe die Kabinen betreten, wusste dies stets zu ver­hin­dern. Aber sein Sohn, der größte Fuß­ballfan von allen, blieb hart­nä­ckig. Um ihn ruhig zu stellen, ver­sprach del Bosque schließ­lich: Wenn wir den Titel holen, kommst du mit in den Bus.“ Und so geschah es: Im blauen Trikot, das die spa­ni­sche Mann­schaft beim Finale in Soccer City getragen hatte, mit seinem Namen und der Nummer sechs – der Rücken­nummer seines Vaters als Natio­nal­spieler – kut­schierte er Seite an Seite mit den Welt­meis­tern durch Madrid. Wäh­rend der Tour im offenen Fahr­zeug, die von einer Mil­lion Spa­niern an den Straßen der Haupt­stadt beju­belt wurde, wich del Bosque nicht von seiner Seite. Mit einem Auge beob­ach­tete er die Fei­er­lich­keiten, mit dem anderen seinen Sohn, der kom­plett hin­ge­rissen war von dem, was um ihn herum geschah.

Die Natio­nal­spieler beschreiben del Bosque als kom­mu­ni­kativ und humor­voll. Er ist nicht wie Luis, aber wir können auch über Vicente lachen“, sagen sie. Seinen Mit­ar­bei­tern erscheint er äußerst gewis­sen­haft. Del Bosque saugt Infor­ma­tionen und unter­schied­liche Ansichten auf wie ein Schwamm. Hat er aller­dings einmal eine Ent­schei­dung gefällt, ist sie unum­stöß­lich, weil das Pro­dukt reif­li­cher Über­le­gung. An der Sei­ten­linie trifft er seine Ent­schei­dungen schnell und mit großer Sou­ve­rä­nität. Dank seines Cha­rak­ters fällt es del Bosque nicht schwer, eine Mann­schaft zu formen, doch seine Art, mit dem Team umzu­gehen, ist nicht nur eine Frage mensch­li­cher Eigen­schaften. Alles ist gut durch­dacht und Teil eines aus­ge­klü­gelten Plans, bei dessen Umset­zung natür­lich auch etwas Glück nötig war. Sein Freund Piri, der mit ihm zusammen gespielt hat und später bei Real Madrid gear­beitet hat, hält del Bosque für die per­fekte Füh­rungs­per­sön­lich­keit: Er ist seinen Spie­lern ein Vor­bild, und das stei­gert ihr Enga­ge­ment. So ent­steht eine Art mora­li­scher Schuld gegen­über dem Trainer, und er wird zu jemandem, den man auf keinen Fall ent­täu­schen darf.“


Auch wenn er nicht leicht aus der Rolle fällt und es selten vor­kommt, dass er wegen Schieds­rich­ter­ent­schei­dungen lamen­tiert, leidet del Bosque bei jedem Spiel und kaut es am nächsten Tag wieder und wieder durch. Am fol­genden Morgen, manchmal auch schon in der Nacht, sieht er sich das Match noch einmal in voller Länge an und ent­wi­ckelt dabei oft eine ganz andere Mei­nung zum Geschehen als jene, die er unmit­telbar nach dem Schluss­pfiff geäu­ßert hat. Mit seinen Spie­lern soli­da­ri­siert er sich lei­den­schaft­lich; umso schlimmer war es, mit ansehen zu müssen, wie beim WM-End­spiel auf seine Leute ein­ge­dro­schen wurde. War es wirk­lich del Bosque, der da aufs Spiel­feld lief, um beim Schieds­richter zu pro­tes­tieren? Nun, er tat es aus einem Kame­rad­schafts­ge­fühl heraus.

Cruyff: Er ist ein Señor“

Es liegt auf der Hand, dass ein his­to­ri­scher Erfolg wie der Gewinn einer Welt­meis­ter­schaft dazu führt, die Prot­ago­nisten zu ver­klären. Doch die Lobes­hymnen, die auf del Bosque ein­pras­selten, gingen weit über die Prei­sung seiner hand­werk­li­chen Arbeit als Trainer hinaus. Johan Cruyff beschrieb es so: Er ist ein Señor.“ Noch nie hatten Sport­kom­men­ta­toren nach einem Groß­ereignis ihr Augen­merk so sehr auf per­sön­liche Aspekte gerichtet. Unab­hängig vom ele­ganten Spiel­stil seiner Elf, ver­strömt del Bosque eine cha­rak­ter­liche Noblesse, die selten geworden ist. Ist er also ein Pro­dukt dieses anti­quierten señorio aus dem weißen Haus“? Natür­lich ist er das, denn hier liegen seine Wur­zeln und hier hat er seine Erzie­hung genossen. Wie sich doch die Werte im Fuß­ball wan­deln: In schwie­rigen Zeiten für die spa­ni­sche Nation und durch den Sieg bei der WM kommt plötz­lich die Marke del Bosque in Mode.

In Spa­nien pas­siert sehr viel Gutes“, sagte del Bosque nach dem Sieg über Deutsch­land, als er sein Land zum ersten Mal in der Fuß­ball­ge­schichte in ein Welt­meis­ter­schafts­fi­nale geführt hatte. Unser Land hat sich in den letzten 30 Jahren sehr ver­än­dert, und als Bürger dürfen wir stolz darauf sein, so gute Sportler unter uns zu haben.“ Vicente hat zwei Jahre lang mit ange­sehen, wie ver­schie­dene gesell­schaft­liche Grup­pie­rungen ver­suchten, Profit aus der Wirt­schafts­krise zu ziehen; er hat mit ange­sehen, wie die Rating-Agen­turen Spa­nien fast so sehr scha­deten wie der kon­ser­va­tive Oppo­si­ti­ons­führer im Par­la­ment, und dass pes­si­mis­ti­sche Kom­men­tare von aus­län­di­schen Poli­ti­kern wie Angela Merkel das depres­sive Klima noch ver­stärkten. Viel­leicht dachte er des­halb am 7. Juli, nach dem Einzug ins Finale, dass seine Fuß­ball­spieler der Welt gezeigt hatten, dass es in Spa­nien immer noch welche gibt, die zu ganz großen Dingen fähig sind. Seine Worte haben den Spa­niern ein wenig von ihrem Stolz zurück­ge­geben.

Sein Vater lehrte del Bosque, jeden Morgen auf­zu­stehen und seinen Weg zu gehen, egal wie unge­recht das Leben sein mochte. Sein Vater lehrte ihn, dass man Stolz braucht, um Leid ertragen zu können. Nur so kann man wahr­schein­lich so glück­lich sein wie Vicente del Bosque aus Kas­ti­lien, der Sohn eines Eisen­bah­ners, der den Krieg verlor, aber nie seine Werte.