Jer­maine Jones, täuscht der Ein­druck oder waren Sie noch nie so wert­voll wie heute?
Es gab immer wieder Höhen und Tiefen, inso­fern fällt es mir schwer, das zu bewerten. Aber Sie haben Recht, seit der letzten Sperre läuft es ganz gut bei mir.

Ihr Ver­hältnis zum FC Schalke 04 war nicht immer so har­mo­nisch. Felix Magath mus­terte Sie 2010 zu den Ama­teuren aus, so dass Sie sich gefrustet zu den Blackburn Rovers aus­leihen ließen.
Mag sein, aber ich spiele heute mit Schalke Cham­pions League und Magath ist nicht mehr hier.

Auch Ralf Rang­nick plante nach Ihrer Rück­kehr aus Eng­land nicht mit Ihnen.
Er hat mitt­ler­weile zuge­geben, dass es ein Fehler war. Sehen Sie: Ich habe mich immer wieder durch­ge­setzt, auch wenn ich manchmal sicher zügiger ans Ziel gekommen wäre, wenn ich meine Klappe gehalten hätte.

Wider­stände gehören bei Ihnen irgendwie dazu. Auch als Kapitän hielten einige im Klub Sie vor der lau­fenden Saison für nicht geeignet.
Im Som­mer­trai­nings­lager hatte ich ein langes Gespräch mit Huub Ste­vens dazu. Er war auf meiner Seite in der Ange­le­gen­heit, den­noch teilte er mir mit, dass ich aus bestimmten Gründen nicht Kapitän werde.

Der Auf­sichtsrat soll sich gegen Sie aus­ge­spro­chen haben. 
Ich habe dem Trainer jeden­falls mit­ge­teilt, dass ich dann auch nicht mehr in den Mann­schaftsrat wolle, son­dern mich lieber ganz darauf kon­zen­triere, gut Fuß­ball zu spielen.

Warum wollte der Auf­sichtsrat Sie nicht als Kapitän?
Kon­kret hat mir dazu nie­mand etwas gesagt.

Manche Wege der Herren sind uner­gründ­lich.
Dank­bar­keit gibt es in diesem Beruf nicht. Als ich 2011 in Blackburn war und Schalke den Pokal gewann, hat sich auch keiner bei mir gemeldet. Ich hatte das Gefühl, dass sich zu diesem Zeit­punkt hier nie­mand gefragt hat, wie es mir wohl geht.

Wie fühlte es sich an, in Eng­land im TV zu ver­folgen wie der FC Schalke 04 im Jahr 2011 den DFB-Pokal gewinnt?
Ehr­lich gesagt, habe ich mir das Spiel nicht ange­sehen. Ich hatte zu diesem Zeit­punkt mit dem Klub abge­schlossen.

Im Fuß­ball ist kein Platz für Freund­schaften.
In diesem Geschäft gibt es nur Kol­legen. Und mit man­chen ver­stehe ich mich sogar ganz gut – aber nicht so wie mit meinen besten Freunden.

Was war das Pro­blem mit Felix Magath?
Die Kom­mu­ni­ka­tion war kata­stro­phal. Er hat meis­tens gar nicht gespro­chen – und wenn, dann nur mit Raul.

Er soll Ihnen mitten in Ihrer Rekon­va­les­zenz gesagt haben, dass Sie wieder trai­nieren sollen, was Sie als grob gesund­heits­ge­fähr­dend ein­ge­stuft haben.
Ich habe ihm dar­aufhin klar meine Mei­nung gesagt – und musste mit den Kon­se­quenzen leben.

Warum sind Sie nicht in der Pre­mier League geblieben?
Die wenigsten wissen: Ich bin zu den Blackburn Rovers gegangen, weil ich spielen wollte. Ich habe durch die Leihe auf viel Geld ver­zichtet. Als die sechs Monate dort vorbei waren, bekam ich einige Ange­bote aus der Pre­mier League. Doch mein Ver­trag auf Schalke lief noch drei Jahre, Magath war inzwi­schen nicht mehr da, Schalke hatte sich für die Cham­pions League qua­li­fi­ziert. Also haben meine Frau und ich ent­schieden, wieder zurück­zu­kommen. 

Aber Sie passten auch nicht ins System von Ralf Rang­nick.
So war das gar nicht. Er hat mich gleich nach meiner Rück­kehr wieder ein­ge­setzt. Ich habe damals noch im Hotel am Ver­eins­ge­lände gewohnt und nach einem Spiel habe ich dort in der Bar mit einigen Fans ein biss­chen gefeiert. Rang­nick bekam Wind davon und setzte mich auf die Bank.

Und wer am nächsten Tag Zei­tung las, dachte bloß: Typisch, wieder der Jones“?
Ich lebte im Hotel, meine Familie war noch in Eng­land und ich habe mit ein paar netten Leuten ein Bier getrunken und mich unter­halten. Mehr nicht.

Haben Sie nicht langsam eine Kin­der­si­che­rung im Kopf, die Sie vor solch schlag­zei­len­träch­tigen Aktionen schützt?
Die Kin­der­si­che­rung habe nicht ich im Kopf, son­dern meine Frau. (lacht) Die passt auf, dass ich pünkt­lich zuhause bin.

Hat Sie zuhause die Hosen an?
Defi­nitiv. Sie schmeißt den ganzen Laden mit fünf Kin­dern alleine.

Inzwi­schen sind Sie längst wieder Stamm­spieler auf Schalke. Und dem Ver­nehmen nach weit mehr als nur der Aggres­sive Leader“.
Nach der Ent­schei­dung um den Kapitän habe ich mich eine Zeit­lang zurück­ge­zogen. Dann gab es ein aus­führ­li­ches Gespräch mit Horst Heldt, in dem er mir sagte, wie wichtig ich als Typ für das Team sei. Seitdem ver­suche ich, wieder mehr Füh­rungs­auf­gaben zu über­nehmen.

Mussten Sie in den tur­bu­lenten letzten Wochen oft auf den Tisch hauen?
Nein. Das ist nun mal Schalke. Man darf hier nicht immer alles so hoch hängen – es geht immer weiter.

Sie stehen im Team gerade jungen Spie­lern bera­tend zur Seite. Zuletzt haben Sie Joel Matip Schüt­zen­hilfe in seiner Krise gegeben. Wie müssen wir uns das vor­stellen?
Joel ist ein Super­ta­lent, aber er ist zuletzt durch ein tiefes Tal gegangen. Er hadert sehr mit den Dingen, denkt viel über sich und seine Fehler nach. Also habe ich ihm geraten, sich davon zu lösen. Er muss lernen, dass sich die Dinge im Fuß­ball täg­lich ändern und, dass er die Ver­gan­gen­heit nicht ändern kann.

Leichter gesagt als getan.
Jeder muss sehen, wie er das hin­be­kommt. Ab und zu hilft in sol­chen Situa­tionen auch mal ein Bier­chen, um auf andere Gedanken zu kommen – solange man es nicht über­treibt.

Wo haben Sie die Gelas­sen­heit gegen­über dem all­täg­li­chen Chaos des Pro­fi­fuß­balls gelernt?
Viel­leicht liegt die Ursache schon in meiner Her­kunft…

…Sie wurden in der Frank­furter Sozi­al­sied­lung Bonames groß.
Dort achtet man in erster Linie darauf, dass es der eigenen Familie und einem selbst gut geht. Und alles andere ist auf deutsch gesagt scheiß­egal. Das Leben – beson­ders das eines Profis – besteht nur aus Moment­auf­nahmen. In einem Moment bist du der Größte, im nächsten hauen die Medien wieder drauf. Das habe ich leid­voll erfahren müssen. Wenn ich mit 19 mit meinen Kum­pels Party gemacht habe, prü­gelten die, die mir eben noch auf die Schulter geklopft hatten, auf mich ein. Da wird man zwangs­läufig gelas­sener.

Zlatan Ibra­hi­movic sagt, er braucht die Kon­fron­ta­tion, um Top-Leis­tungen abzu­rufen.
Nega­tive Dinge können mich auch pushen. Ich finde es geil, in ein Sta­dion ein­zu­laufen, in dem mir von der Tri­büne der Hass ent­ge­gen­schlägt. Es for­dert mich heraus, in so einer Situa­tion nicht zusam­men­zu­fallen und den Leuten zu signa­li­sieren: Freunde, ich bin durchaus in der Lage, Euch sehr weh zu tun.“

Der schwe­di­sche Ex-Natio­nal­spieler Henrik Larsson hat gesagt, das erste, was er denkt, wenn er den Platz betritt, sei: Gleich wird es wahn­sinnig weh tun.“ Woran denken Sie, wenn Sie den Platz betreten?
Bestimmt nicht, dass es gleich weh tun wird. Das denken eher die anderen. (lacht) Im Ernst: Ich ver­suche mich auf die schönen Dinge zu kon­zen­trieren. Uns Profis geht es doch wahn­sinnig gut. Ich bin von ziem­lich weit unten gekommen – und jetzt messe ich mich in der Cham­pions League mit den besten Spie­lern der Welt. Warum sollte ich da an Schmerzen denken?

Gefällt Ihnen die Rolle als Mann fürs Grobe?
Das ist nun mal auch meine Auf­gabe. Wenn ich das tak­ti­sche Foul machen muss – und die Mann­schaft am Ende der Saison oben steht – dann mache ich es halt. Da bin ich ehr­lich und lebe mit den Kon­se­quenzen.

Ent­spricht das auch Ihrer gene­rellen Lebens­ein­stel­lung?
Ich kann ein­fach nicht lügen. Wenn ich Mist gebaut habe, stehe ich dazu. Aber ich lege diese Maß­stäbe eben auch bei anderen Men­schen an.

Manche legen diese Eigen­schaft als Mangel an Diplo­matie aus.
Nochmal: Solange Sie meine Familie und mich in Ruhe lassen, bin ich privat völlig unkom­pli­ziert. Auf dem Platz ist das anders.

Das heißt?
Dort bin ich eine Person, die dem Verein einen Vor­teil ver­schaffen muss. Und natür­lich kommt es vor, dass ich am Abend, wenn ich manche Szenen im Sport­studio“ sehe, die Hände über dem Kopf zusam­men­schlage und denke: Was hast Du da nur wieder ange­stellt?“.

Bei­spiels­weise als Sie Marco Reus im ver­gan­genen Jahr im Pokal­spiel gegen Glad­bach auf den gebro­chenen Zeh stiegen?
Das Foul war schlicht und ein­fach aso­zial. Mein Umfeld kann mich völlig zurecht für sowas kri­ti­sieren. Ande­rer­seits nervt es, von Leuten, die in ihrem Leben noch nie gekickt haben, zu hören: Sowas gehört sich nicht.“

Das Kli­schee des Bad Boy“ wieder mal bestä­tigt.
Als ich in der Kabine saß, schwante mir, dass da was kommen würde. Aller­dings nicht in den Aus­maßen, wie es dann kam.

Was meinen Sie?
Mich als Fuß­baller kann man gerne kri­ti­sieren, aber das eine Zei­tung schrieb, die Aktion sei eine Folge davon, dass ich aus einem sozialen Brenn­punkt stamme; dass öffent­lich gefor­dert wurde, ich solle die Höchst­strafe vom DFB bekommen und dass meine Mutter von Hartz IV leben würde – dazu wie­derum sage ich: Sowas gehört sich nicht.“

Wie gehen Sie mit dieser Art von Bericht­erstat­tung um?
Ich habe den Kon­takt zu diesen Zei­tungen gekappt und auch mal kurz über­legt, ob ich gegen jemand, der sowas über meine Mutter schreibt, Schritte ein­leite. 

Können Sie erklären, wie es dazu kommt, dass Sie Reus auf den ver­letzten Zeh treten?
In dem Augen­blick, in dem es pas­siert, habe ich leider gar nicht nach­ge­dacht. Aber natür­lich gehe ich auf den Platz, um zu gewinnen. Da ist mir – blöd gesagt – fast jedes Mittel recht. Doch dabei bin ich leider über die Stränge geschlagen.

Gab es eine Vor­ge­schichte zu dieser Aktion?
Gar nichts. Auf dem Platz wird ja viel pro­vo­ziert, wovon die Zuschauer nichts mit­be­kommen. Aber in dieser Szene war rein gar nichts vor­ge­fallen. Ich wusste nur, das Marco ein sehr guter Fuß­baller ist, der uns als Klub gefähr­lich werden kann. Punkt. Eine sau­dumme Sache, für die ich mich am selben Abend noch bei ihm ent­schul­digt habe.

Ihr frü­herer Trainer Fried­helm Funkel sagt, Sie seien auch des­halb so oft ver­letzt gewesen, weil Sie selbst im Trai­ning keinem Zwei­kampf aus dem Wege gingen.
Seit unserer gemein­samen Zeit bin ich ruhiger geworden. Im Trai­ning springe ich jetzt auch mal hoch, bevor es kracht. Aber es kann nicht mehr soviel kaputt gehen. Im linken Knie habe ich zwei Schrauben und im Schien­bein eine wei­tere. Da sitzt alles fest.

Kör­per­liche Aus­ein­an­der­set­zung gehört für Sie aber zum Fuß­ball dazu.
Wenn ich in einer Spiel­si­tua­tion die theo­re­ti­sche Chance habe, egal wie groß sie auch ist, an den Ball zu kommen, würde ich nie zurück­ziehen. Des­wegen ist das Foul an Reus auch so unty­pisch, weil es keinen Sinn ergibt.

Sehnen Sie sich manchmal zurück nach seligen Stürmer-Zeiten, als Sie noch nicht der Mann fürs Grobe waren?
Nein, die Sechser-Posi­tion ist ideal. Ich muss viel laufen, viel arbeiten. Na gut, den Ruhm ste­cken manchmal andere ein. Aber ich wäre froh gewesen, wenn ich von Beginn meiner Kar­riere dort gespielt hätte.

Merken Sie mit 31 Jahren den Ver­schleiß?
Ich fühle mich sehr fit. Chris­toph Met­zelder ist genauso alt und redet von Kar­rie­re­ende. Soweit bin ich noch nicht. Aber natür­lich gab es Phasen, in denen ich sehr viel Vol­taren genommen habe, das tue ich nicht mehr.

Auf Ihrer Home­page nennen Sie Klaus Augen­thaler einen Ihrer prä­gendsten Trainer. Dabei haben Sie nur fünf Spiele unter ihm gemacht.
Viel­leicht war das der ent­schei­dende Faktor. Er hat mir zu einer Zeit die Leviten gelesen, als ich der Über­zeu­gung war, ich sei das Super­ta­lent. Ich wech­selte 2003 mit einer Ver­let­zung zu ihm nach Lever­kusen. Dort gab er mir die Chance, Cham­pions League zu spielen, was mich schnell zu der Über­zeu­gung brachte, es nun geschafft zu haben. Da ver­passte er mir einen Denk­zettel.

Wie sah der aus?
Er sagte klipp und klar: Du wirst es hier nicht schaffen, weil Dir die Ein­stel­lung fehlt.“ Augen­thaler nahm mich aus der Mann­schaft, setzte mich auf die Bank und sagte mir, dass er nicht mehr mit mir plane. Wenn das nicht pas­siert wäre, hätte ich erst viel später ver­standen, was es heißt, Profi zu sein. Wahr­schein­lich wäre ich sonst heute nicht beim FC Schalke 04, son­dern irgendwo in der zweiten Liga.

Das Schei­tern als Chance.
Es war die erste echte Hürde, die ich in meinem Leben nehmen musste. Ich machte damals den Fehler, fünf meiner Frank­furter Freunde mit nach Lever­kusen zu nehmen, bei mir wohnen zu lassen und durch­zu­füt­tern. Wenn ich kaputt vom Trai­ning nach Hause kam, war da schon Hal­li­galli. Mit 22 ist es nicht so leicht, den Kum­pels am Frei­tag­abend zu erklären, dass man ins Bett muss, wenn die Party machen wollen. In dieser Zeit trat der Fuß­ball bei mir etwas in den Hin­ter­grund.

Sie waren in dieser Zeit auch oft ver­letzt.
Diese Ver­let­zungen waren eine Folge meines Lebens­wan­dels. Ich hatte großes Glück, dass Fried­helm Funkel über­haupt bereit war, mir nochmal zu ver­trauen.

Fried­helm Funkel holte Sie 2005 zurück zu Ein­tracht Frank­furt – und ret­tete Sie.
Wir trafen uns in einem Kölner Café. Viel­leicht das wich­tigste Gespräch meiner Kar­riere. Funkel hatte sich nach mir erkun­digt und auch mit Augen­thaler gespro­chen. Also ließ er mich im Gespräch erst einmal kommen.

Er rang Ihnen das Ver­spre­chen ab, sich zu bes­sern.
Es gab große Wider­stände im Vor­stand der Ein­tracht gegen mich. Also habe ich ihm ver­spro­chen, meine Klappe zu halten und alles zu tun, was im Sinne des Klubs ist. Nach drei Stunden fuhr er nach Hause und sagte, er würde es sich über­legen. Darauf folgten die här­testen zwei Tage meines Lebens. Ich fürch­tete, dass er sich gegen mich ent­scheidet. Dann hätte ich wohl oder übel zu irgend­einem kleinen Klub im unteren Drittel der zweiten Liga wech­seln müssen. Und ob ich mich da noch so ent­wi­ckelt hätte…?

Statt dessen stiegen Sie mit der Ein­tracht auf und wurden Kapitän der Mann­schaft.
Und als ich 2007 nach Schalke wech­selte, bedankte sich Funkel bei mir dafür, dass ich mein Ver­spre­chen gehalten hatte.

Sie sind in Bonames als Jugend­li­cher auch in Kon­ktakt mit Dro­gen­ab­hän­gigen gewesen. Inwie­weit haben Sie selbst Erfah­rungen in dieser Hin­sicht gemacht?
In Bonames gab es ein paar ältere Jungs, die ziem­li­chen Blöd­sinn machten. Mein direktes Umfeld und ich waren da ver­nünf­tiger. Zwei meiner besten Freunde von damals arbeiten heute in einem Frank­furter Nobel­re­stau­rant, einer ist dort Chef­koch. Wir sind durch diese Zeit eini­ger­maßen unbe­schadet durch­ge­kommen.

Eini­ger­maßen?
Natür­lich haben wir mal was aus­pro­biert, aber keiner von uns war dro­gen­ab­hängig.

Gekifft?
Ja, klar. Aber schlimmer ist es nie geworden.

Das nega­tive Vor­bild der Älteren in Bonames hat bei Ihnen also schon früh ein Umdenken bewirkt.
Ich habe es nie als schlimm emp­funden, dort auf­zu­wachsen. Aber mir war relativ früh klar, dass ich später einmal anders leben möchte.

Der Bad Boy“, der Ihnen immer zuge­schrieben wird, ist also spä­tes­tens seit Ihrer Rück­kehr nach Frank­furt 2005 Geschichte. Den­noch wird das Kli­schee bei jeder Gele­gen­heit aufs Neue bemüht.
Dar­über habe ich mit den Kol­legen aus der Medi­en­ab­tei­lung schon oft dis­ku­tiert. Es gibt viele, die schon in jungen Jahren in so eine Schub­lade gesteckt werden: Kevin Prince Boateng, Zlatan Ibra­hi­movic, gerade wird auch bei Marko Arn­au­tovic der Deckel drauf gemacht. Und wenn der erst mal drauf ist, kommt man nur schwer wieder raus.

Bei Ihnen trägt auch eine gewisse Extro­ver­tiert­heit zu dem öffent­li­chen Bild bei.
Natür­lich habe ich mir als junger Kerl Mer­cedes und Lam­bor­ghinis geleistet. Aber tie­fer­ge­legte Sport­wagen fahre ich heute schon des­halb nicht mehr, weil ich darin Rücken­schmerzen kriege. Ich fahre Toureg und Mul­tivan – aber wenn irgendwo ein Foto von mir mit einem Auto auf­taucht, dann das mit dem Hummer, den ich vor mehr als vier Jahren ver­kauft habe. Offenbar bin ich den Medien am Steuer eines Mul­tivan zu lang­weilig.

Was sagt Ihre Frau, wenn Sie nach dem Fuß­tritt gegen Marco Reus nach Hause kommen?
Was soll Sie sagen? Natür­lich, dass sowas nicht geht. Unser Ältester ist jetzt zwölf. Was glauben Sie, was da auf dem Schulhof los ist, wenn der Papa dem Reus auf den Fuß tritt?

Dis­ku­tieren Sie mit Ihrer Frau den offenen Umgang mit Tat­toos?
Wieso? Meine Frau hat selbst Tat­toos.

Aber die Tat­toos tragen zu Ihrer öffent­li­chen Wahr­neh­mung bei und prägen Ihr Image.
Aber das ist doch eine Frage des Geschmacks. Die Kinder kennen das, wir gehen offen damit um.

Das Lieb­lings­tattoo von Kevin Prince Boateng ist angeb­lich der Berlin“-Schriftzug.
Der Typ ist ja auch ein rich­tiger Asi, der trägt sogar Tat­toos am Hals. Wie kann man nur? (lacht) Das sage ich ihm jedes Mal, wenn wir uns sehen.

Was steht da auf Ihrem linken Arm?
Only god can judge me“. Das ist ein Tattoo aus meiner Frank­furter Zeit, das bedeutet mir viel. Ich lass mich nicht ver­biegen, ich treffe meine eigenen Ent­schei­dungen. Gott ist der ein­zige, der über mich richtet.

Sind Sie gläubig?
Katho­lisch. Mein Schwie­ger­vater hat einen christ­li­chen Verlag geführt, wir dis­ku­tieren viel über Gott. Er sagt, ich muss jetzt nicht ständig beten oder in die Kirche rennen, aber auf die Unter­stüt­zung von oben kann ich mich ver­lassen.

Glauben Sie daran?
Es gibt auf jeden Fall Gerech­tig­keit, die von oben kommt. Im Leben kriegt man alles zurück – im posi­tiven wie im nega­tiven.

Und wie ist es um Ihr Gerech­tig­keits­konto bestellt? Haben oder Soll?
Ich glaube, die vielen Ver­let­zungen, mit denen ich zu kämpfen hatte, sind eine Quit­tung für die Dinge, die ich mir früher erlaubt habe. Ande­rer­seits habe ich früh­zeitig die Kurve gekriegt und bin mit 31 noch so fit, dass ich noch ein paar Jahre spielen kann. Es ist wohl etwas mehr auf der Haben-Seite.