Als Giam­paolo Mazza 1998 sein Amt antrat, war die Welt noch eine andere. Papst Johannes Paul II. wet­terte gegen Abtrei­bung, Bill Clinton ver­gnügte sich mit einer Prak­ti­kantin und in Deutsch­land machte sich Ger­hard Schröder den poli­ti­schen Betrieb untertan. Mazza stand schon damals eher unbe­tei­ligt am Rand. Das hat einer­seits damit zu tun, dass der 57-Jäh­rige als Bürger des Zwerg­staates San Marino sowieso einen distan­zierten Blick behalten muss. Ande­rer­seits macht er als Natio­nal­trainer nicht viel mehr, als bei den Län­der­spielen den Lauf des Schick­sals zu beob­achten. Coa­ching ist hier nur in Maßen sinn­voll. Denn einige seiner Spieler könnten emp­find­lich auf Zwi­schen­rufe reagieren, wenn sie im Ange­sicht einer ver­hee­renden Nie­der­lage mal wieder gezwungen sind, den letzten Funken Fuß­bal­ler­würde zu bewahren.

Also bleibt Mazza still. 15 Jahre ist der 57-Jäh­rige nun schon im Amt, so lange wie kaum ein anderer Natio­nal­coach. Es ist die ein­zige Rang­liste, in der San Marino oben steht. Ansonsten kommt die Natio­nalelf eher schlecht weg. In der FIFA-Welt­rang­liste liegt das Land auf Platz 207. Den letzten Rang teilt es sich mit Bhutan in Süd­asien und den Turks- und Cai­cos­in­seln nahe Kuba. 54 Nie­der­lagen gab es zuletzt in Folge. Der eigene, zwi­schen 1990 und 2004 auf­ge­stellte Rekord von 64 sieg­losen Spielen hin­ter­ein­ander könnte also bald Geschichte sein.

Eine nahe­lie­gende Frage wäre, warum der freund­liche Mazza ange­sichts dieser kata­stro­phalen Bilanz nie zur Debatte stand. Als Trainer, der vor den Spielen behauptet: Wir werden sicher ver­lieren.“ Dazu muss man sich zuvor Mazzas 61 Qua­drat­ki­lo­meter große Welt vor Augen führen. San Marino ist auf den ersten Blick nicht viel mehr als ein mit Oli­ven­bäumen bewach­sener Hügel nahe dem Badeort Rimini. Tita­nen­felsen“ nennen ihn die Bewohner selbst­be­wusst. Sie sind stolz darauf, dass es sich bei der Repu­blik um die älteste der Welt han­delt.

Nur 32 000 Ein­wohner hat das Land. Da kommt es vor, dass man einem der beiden Staats­chefs in der Bar über den Weg läuft. Die beiden regie­renden Kapi­täne“ werden alle sechs Monate aus­ge­tauscht. Mazza, der in Genua als Kind zweier Emi­granten aus San Marino geboren wurde, ist im Gegen­satz dazu die große Kon­stante des Landes. Doch auch er führt ein bür­ger­li­ches Leben – als Sport­lehrer an einer Mit­tel­schule.

Er, der früher selbst für Klubs aus San Marino und der umlie­genden ita­lie­ni­schen Pro­vinz kickte, rekru­tiert den Kader aus einem beschei­denen Reser­voir. Ganze 15 Teams und fünf Fuß­ball­plätze gibt es im Land. Ein ein­ziger Spieler war als Profi in der vierten Liga aktiv, alle anderen sind lupen­reine Ama­teure. Ein Bar­keeper, Stu­denten, Steu­er­be­rater, Unter­nehmer, ein Oli­ven­händler, Ange­stellte, Arbeiter. Nicht alle Arbeit­geber gewähren bei Län­der­spielen Son­der­ur­laub.

Ersatz­tor­wart Federico Valen­tini ver­passte das Spiel gegen Hol­land, weil er an dem Tag hei­ra­tete. Als Schweden anreiste, rief ihn Mazza in der Mit­tags­pause an. Der Stamm­keeper hatte sich ver­letzt. Bring deine Tor­wart­hand­schuhe mit. Heute musst du gegen Ibra ran.“ Schweden gewann 5:0, Zlatan Ibra­hi­movic gelang kein Treffer.

Mazza lebt in der Nie­der­lage. Und San Marino spielt seit jeher sein eigenes Spiel. Egal, wie der Gegner heißt. Eigent­lich ist es ein Kampf gegen das erste Gegentor“, sagt Mazza. Je später es fällt, desto größer sind die Chancen. Weniger als fünf Gegen­tore kommen einem deut­li­chen Sieg gleich. Die eigent­liche Leis­tung sei, mit einem 0:7 umgehen zu können und so weiter zu spielen, als stehe es 0:0. Angriffs­sche­mata stehen beim Trai­ning nur selten auf dem Plan.

Die Defen­sive ist den­noch leid­ge­prüft. Vor zwei Jahren hieß es in der EM-Qua­li­fi­ka­tion 0:11 gegen die Nie­der­lande, im Sep­tember 0:9 gegen die Ukraine in der WM-Qua­li­fi­ka­tion. In beson­ders schlechter Erin­ne­rung ist das Spiel gegen Deutsch­land kurz nach der WM 2006. Nie wird Mazza ver­gessen, wie Jens Leh­mann in der 90. Minute beim Stand von 0:13 in den geg­ne­ri­schen Straf­raum stürmte. Die hielten uns für Ita­liener,“ erklärt Mazza, die wollten sich für das Aus­scheiden rächen“. Alle zwei­feln sie in diesen Augen­bli­cken. Mazza, die Spieler, die Funk­tio­näre. Ob es wirk­lich Sinn ergibt, weiter Prügel zu beziehen?

Doch wer kann schon von sich behaupten, vor 90 000 Zuschauern in Wem­bley auf­ge­laufen zu sein? Vor 53 000 in War­schau und vor 43 000 in Lem­berg? Mazza weiß, dass er zu diesen Anlässen das Kano­nen­futter lie­fert. Und wenn sich sein Team mit Würde aus­ein­an­der­nehmen lässt, gibt es Applaus von den Rängen. Wie neu­lich beim 1:5 gegen Polen, ein epo­chales Spiel. Nach dem 0:1 gelang San Marino der Aus­gleich per Frei­stoß. Mazza konnte es kaum fassen: Schließ­lich war es Jahre her, dass wir ein Tor gemacht hatten.“

Sie exis­tieren, die großen Momente des Fuß­balls in San Marino. Einem 1:1 gegen Lett­land in der WM-Qua­li­fi­ka­tion 2001 folgte eine rau­schende Par­ty­nacht. Der ein­zige Sieg, das 1:0 gegen Liech­ten­stein 2004, steht weiter hinten in der Hall of Fame, schließ­lich war das ein Freund­schafts­spiel. Denn es ist nicht so, dass Giam­paolo Mazza das Träumen auf­ge­geben hat.

Sein größter Wunsch aber bleibt: End­lich mal ein Pflicht­spiel gewinnen.“