Wenn Fans nach dem besie­gelten Abstieg ihres Teams auf den Rasen laufen, dann bildet sich Angst­schweiß auf der Stirn aller Ver­ant­wort­li­chen. Doch dieses Mal in Hof­fen­heim waren alle Beob­achter im Hof­fen­heimer Sta­dion tief berührt ob des Anhän­gers auf dem Platz. Ein kleines Mäd­chen lief auf Torsten Lie­ber­knecht zu und über­reichte dem Braun­schweiger Trainer eine blau-gelbe Rose. Lie­ber­knecht nahm das Mäd­chen auf den Arm und hielt tief bewegt die Blume hoch. Selbst Hulk Hogan würde beim Anblick dieser Bilder schluchzen. Dieser beson­dere Trost für den Trainer war der bewe­gende Schluss­punkt des Braun­schweiger Bun­des­li­ga­jahres.

Lie­ber­knecht und der Piss-Verein“

Er steht sinn­bild­lich für die Lei­den­schaft des Ein­tracht-Publi­kums, das trotz all der Plei­ten­se­rien und des Abstiegs seinem Team nie die Unter­stüt­zung ver­sagte. Zu Aber­tau­senden waren sie zu den letzten Aus­wärts­spielen der Saison nach Berlin und Hof­fen­heim gereist, auch in den Heim­spielen hatten sie für eine Gän­se­haut-Atmo­sphäre gesorgt. Und nicht zuletzt hatte sich auch Torsten Lie­ber­knecht diese beson­dere, letzte Ehre in der Bun­des­liga durch sein Auf­treten ver­dient. Im gesamten Bun­des­li­ga­jahr verlor er nur einmal die Con­ten­ance, als er die Benach­tei­li­gungen für seinen Piss-Verein“ anpran­gerte. Lie­ber­knechts Neo­lo­gismus schaffte es in der Folge gar auf eigens ange­fer­tigte T‑Shirts.

Wer aber den Trainer bei­spiels­weise nach dem Spiel der Ein­tracht in Nürn­berg erlebte, konnte nur den Hut vor dessen Beson­nen­heit ziehen. In dieser Partie hatte es sein Team zu Stande gebracht, trotz Über­zahl und Füh­rung durch zwei ver­schos­sene Elf­meter ein Spiel bei einem direkten Kon­kur­renten zu ver­lieren. Das war Wer­bung für den Fuß­ball, aber eine sehr bit­tere Nie­der­lage für uns“, fasste Lie­ber­knecht das unglaub­liche Spiel zusammen. Statt sich in einer Litanei über Fehler, Unge­rech­tig­keiten und Pech zu ergehen, strich er den Lern­ef­fekt für seine Mann­schaft heraus.

Lie­ber­knecht machte mit seiner Art bun­des­weit auf sich auf­merksam, nicht wenige Bun­des­li­ga­ver­eine werden ihn bei ihrer Trai­ner­suche auf dem Zettel gehabt haben. Doch er ver­kün­dete sein Bleiben in Braun­schweig – trotz Abstieg und trotz der begrenzten finan­zi­ellen Mittel. Das ist in Zeiten, in denen Trainer auf­grund der Suche nach neuen Her­aus­for­de­rungen“ Ver­träge aus­setzen, min­des­tens bemer­kens­wert.

Zu guter Letzt spie­gelte sich in der Szene mit Lie­ber­knecht und dem Blu­men­mäd­chen eine Beson­der­heit dieser Saison wider: der har­mo­ni­sche Umgang zwi­schen Fans und Mann­schaft im Abstiegs­kampf. In jün­gerer Ver­gan­gen­heit waren Bus­blo­ckaden oder in Rauch­schwaden ver­sun­kene Fan­blöcke nicht selten, man denke nur an den Abstieg des 1. FC Köln 2012. Bilder von derlei Droh­sze­na­rien mag es auch in dieser Saison gegeben haben, in Han­nover, Dresden oder Ham­burg. Aller­dings überwog der Ein­druck von einem gelebten Schul­ter­schluss aller­orten.

Ein­heit made in Braun­schweig

In Nürn­berg trieben die Fans ihre Mann­schaft mit dem Slogan Ich bereue diese Liebe nicht“ an und star­teten viel­fäl­tige krea­tive Aktionen. In Ham­burg sam­melten sich Hun­derte beim Trai­ning, um der Mann­schaft trotz desas­tröser Vor­stel­lungen Mut zuzu­spre­chen. In Stutt­gart ver­einten sich Fan­szene und Verein unter dem Motto Zusam­men­halten“, selbst die lokale Presse ließ sich ein­spannen. Statt einer Bus­blo­ckade bil­deten die Anhänger ein Bus­spa­lier für ihre Mann­schaft. Die VfB-Ver­ant­wort­li­chen priesen die neue Ein­heit als Weg­be­reiter für die Wende im Abstiegs­kampf. In Braun­schweig lebten sie diese seit Sai­son­be­ginn vor – auch wenn es am Ende nicht für den Klas­sen­er­halt reichte.