Chris­toph Schick­hardt, wenn ein Trainer ent­lassen wird, bekommt er eine Abfin­dung. Wenn aber ein Trainer zurück­tritt – wie nun Lucien Favre in Glad­bach –, bekommt der Klub keine Abfin­dung. Warum eigent­lich nicht?
Diese Frage ist völlig berech­tigt: Der Begriff Abfin­dung“ meint eine Straf­zah­lung auf­grund eines im Ver­trag eigent­lich nicht vor­ge­sehen Ver­hal­tens. Man muss sehr abs­trakt unter­scheiden: Der Trainer schuldet Arbeits­leis­tung – der Verein schuldet die Lohn­zah­lung. Wenn der Verein nicht mehr will, muss er die Lohn­zah­lung wie ver­ab­redet fort­setzen. Wenn der Trainer nicht mehr will, muss er die Arbeits­leis­tung aber eigent­lich trotzdem weiter erbringen. Diese Ver­pflich­tung des Trai­ners ist aber natür­lich nicht so ein­fach in Geld auf­zu­rechnen, wie die Ver­pflich­tung des Ver­eins zur Lohn­zah­lung. Der Verein hat zunächst einmal das Recht, die ver­ein­barte Arbeits­leis­tung ein­zu­for­dern und zu bean­spru­chen – erst in zweiter Linie hat er einen Geld­an­spruch, dann nur auf Scha­dens­er­satz.

Mön­chen­glad­bach könnte also darauf bestehen, dass Lucien Favre wei­terhin seinen ver­trag­li­chen Pflichten nach­kommt?
Das wäre natür­lich nicht so ein­fach umzu­setzen – schließ­lich ist es kaum vor­stellbar, dass man den Anspruch auf Arbeits­leis­tung per Gerichts­voll­zieher ein­treibt und den Trainer so auf den Platz zwingt. Geld hat aber auch schon in sol­chen Trainer-Kon­stel­la­tionen eine Rolle gespielt: So kam es immer mal wieder vor, dass ein Verein, der einen Trainer ver­pflichten wollte, einem anderen Verein eine Abfin­dung oder Ent­schä­di­gung bezahlte, um den Trainer dort los­zu­eisen.

Aber im Falle Lucien Favres ist ja explizit von Rück­tritt die Rede. Wie ist denn die recht­liche Situa­tion?
Einen Rück­tritt“ gibt es unter diesen Umständen nicht. Ein Fuß­ball­lehrer kann einen Ver­trag ohne beson­dere Umstände nicht ein­seitig beenden. Zwi­schen Verein und Trainer bestehen übli­cher­weise befris­tete Ver­träge, und einen sol­chen befris­teten Ver­trag kann man nur im beid­sei­tigen Ein­ver­ständnis vor­zeitig auf­lösen. Beide Seiten müssen sich ja auf die getrof­fene Ver­ein­ba­rung ver­lassen können, wenn sie wirksam ist – meist leidet ja der Verein dar­unter und der Trainer ist es, der völlig zu Recht auf die Erfül­lung des Ver­trages pocht.

Im nor­malen Job hat man übli­cher­weise eine Kün­di­gungs­frist, sollte man auf­hören wollen. Gibt es so etwas im Pro­fi­fuß­ball nicht?
Übli­cher­weise nicht, dafür exis­tiert ein schrift­lich fixierter Been­di­gungs­zeit­punkt. Bis dahin ist nur eine außer­or­dent­liche, frist­lose Kün­di­gung aus wich­tigem Grund mög­lich – hierzu liegen die Vor­aus­set­zungen so gut wie nie vor. Ordent­lich mit einer nor­malen Kün­di­gungs­frist wie im nor­malen Arbeits­leben ist ein sol­cher Ver­trag nicht zu beenden – eben weil es hier ja schon einen vor­ge­se­henen, ver­ein­barten Been­di­gungs­zeit­punkt gibt, was im übli­chen Arbeits­leben fast nie oder nur ganz selten vor­kommt.

Exis­tiert denn im Fall Lucien Favre ein sol­cher wich­tiger Grund“ für eine Kün­di­gung?
Ganz und gar nicht. Ich kenne die Ver­hält­nisse in Mön­chen­glad­bach sehr gut. In fast 35 Jahren Bun­des­liga-Geschäft mit vielen hun­dert Trainer-Fällen habe ich – soweit meine Erin­ne­rung richtig ist – keinen Klub gesehen, der mehr hinter seinem Trainer stand. Dies galt übri­gens für das gesamte Umfeld: Ver­eins­füh­rung, Manage­ment, Fans, Jour­na­listen, Spon­soren. Es gab weder intern noch extern ein Wort der Kritik. Das war eine fast ein­ma­lige Kon­stel­la­tion im deut­schen Fuß­ball nach fünf Spielen ohne Punkt. Borussia ist dies­be­züg­lich ein­fach kein nor­maler“ Verein, son­dern eben eine intakte, geschlos­sene Gemein­schaft: Für einen Trainer dieser über­ra­genden Qua­li­fi­ka­tion wie Lucien Favre ist das gegen­über dem übli­chen Hire-and-fire-Leben eines Fuß­ball­leh­rers eigent­lich ein Para­dies. Ich dachte – viel­leicht allzu roman­tisch für einen Anwalt – an eine Ver­bin­dung für die Ewig­keit!