Wenn man zu ihm kam, in seinen Bun­galow im bay­ri­schen Reit im Winkl, dann stand er zur ver­ab­re­deten Zeit schon am Gar­tentor. Als wäre er immer noch der Trainer, der einen Spieler zur Extra­schicht erwar­tete. Grüße Sie!“, rief er, freund­lich und streng zugleich. Wie geht es?“ Und man prüfte sich unwei­ger­lich sofort, ob man denn auch gut genug vor­be­reitet sei für eine Ein­heit bei diesem Jahr­hun­dert­übungs­leiter, der, obwohl bereits weit über 80, nun vor einem stand im bal­lon­sei­denen Trai­nings­anzug und in Turn­schuhen, eine unsicht­bare Tril­ler­pfeife an einem Schnür­chen um den Hals. Dann wollen wir mal.“

Ein Inter­view im eigent­li­chen Sinne mit Dettmar Cramer zu führen, Frage, Ant­wort, Frage, Ant­wort, war schlicht unmög­lich. Es war immer eine Lek­tion, die er einem erteilte. Er dozierte, illus­trierte, fragte zurück, regte zum eigenen Reflek­tieren an. Es war ihm wichtig, dass man auch ver­standen hatte, worum es ihm ging, und dass man nicht ein­fach nur nach Hause fuhr mit einem vollen Dik­tier­gerät in der Tasche, die Ton­spur abtippte und zum Nächsten über­ging. Man sollte etwas lernen, denn er war ja schließ­lich Fuß­ball­lehrer. Anreiz“, so zitierte er einmal den spa­ni­schen Phi­lo­so­phen José Ortega y Gasset, ist das Wort, das am meisten nach Leben schmeckt.“

…dann war man gänz­lich aus der Zeit gefallen

Immer wieder zog er Foto­alben aus den end­losen Regal­me­tern hervor, die sein Arbeits­zimmer durch­zogen, Ordner, Lehr­bü­cher, Bio­gra­phien, und trug sie zu dem geka­chelten Tisch, an dem man mit ihm saß und an dem aus den ver­ein­barten 90 Minuten Gespräch rasch drei Stunden wurden und manchmal ein halber Tag. Mit­unter klin­gelte das Telefon, und er ent­schul­digte sich für ein paar Minuten. Man konnte dann zuhören, wie er mit Karl-Heinz Rum­me­nigge tele­fo­nierte, mit Franz Becken­bauer oder Uli Hoeneß. Sie sind alle meine Söhne“, sagte er anschlie­ßend. Aber wo waren wir ste­hen­ge­blieben?“

Wenn man am Ende eines sol­chen Nach­mit­tags im Hause Cramer wieder nach draußen trat und die Chiem­gauer Alpen grüßten wie in einem Hei­mat­film, dann war man gänz­lich aus der Zeit gefallen. Gut mög­lich, dass im Stadt­zen­trum, wo man in den Bus zurück nach Mün­chen steigen wollte, Buben in Leder­hosen den Sieg im Finale von Bern feiern würden. Dass Sepp Her­berger noch lebte und der Fuß­ball noch nicht zum von dis­ney­haftem Mar­ke­ting­kalkül kor­rum­pierten Event ver­kommen war. Dass es immer noch nur um das ging, was Dettmar Cramer so wichtig war: um den Sport an sich.