Herr Golz, Sie haben Abitur gemacht, ein BWL-Stu­dium begonnen, besitzen die Trainer-A-Lizenz und haben ein Sport­ma­nage­ment­stu­dium abge­schlossen. Sind Sie als Tor­wart­trainer nicht über­qua­li­fi­ziert?
Ich habe ja noch ein paar Jahre vor mir. (lacht) Und mich inter­es­sieren ein­fach viele Dinge. Nach meiner Zeit als Spieler bin ich gleich in den Trai­nerjob rein­ge­rutscht. Da habe ich nicht lange nach­ge­dacht – weil es mir die Mög­lich­keit eröffnet hat, mich erst einmal zu ori­en­tieren. Damals war mir noch nicht so klar, wo mein Weg hin­geht.

Und jetzt? Haben Sie einen Kar­rie­re­plan?
Was heißt Kar­rie­re­plan? Man kann mit 70 noch Tor­wart­trainer sein. Viel­leicht ist es aber auch mit 50 gesund­heit­lich nicht mehr so mög­lich, wie ich mir das vor­stelle. Im Moment macht mir der Job viel Spaß, und das ist doch wun­derbar: das machen zu dürfen, was Spaß macht.

Sie haben gerade ein Sport-und-Event­ma­nage­ment-Stu­dium abge­schlossen. Das deutet auf eine Zukunft im Manage­ment hin.
Das habe ich ja schon oft gesagt, dass ich mir eine Tätig­keit im Manage­ment vor­stellen kann. Aber ich habe das Stu­dium nicht gemacht, weil ich kurz­fristig in diesem Bereich arbeiten will. Ich hatte nach meiner Pro­fi­kar­riere ein­fach das Gefühl, ein Stu­dium abschließen zu wollen. Beim HSV …

… wo Sie Co- und Tor­wart­trainer der U‑23 waren …
… hatte ich genü­gend Zeit und Kapa­zität dafür. Und so ein Stu­dium macht dich mit Sicher­heit nicht dümmer. Das war eine richtig frucht­bare Zeit für mich: in eine andere Welt ein­zu­tau­chen, neue Dinge auf­zu­nehmen. Die Wochen­end­blöcke an der Uni­ver­sität in Krems waren wie Urlaub.

Waren Sie da der Fuß­baller“?
Am Anfang wird man schon komisch ange­guckt. Das hat sich aber mit der Zeit gegeben – als die gemerkt haben, dass ich auch ein Mensch bin.

Der Ham­burger SV hat in diesem Früh­jahr einen neuen Manager gesucht. Haben Sie mal Ihr Inter­esse signa­li­siert?
Nein, ich habe mich nicht beworben. Es hat auch nie­mand gefragt. Natür­lich kann man oben anfangen. Aber ich finde, man sollte einen anderen Weg gehen. So wie Michael Preetz, der erst als Assis­tent von Dieter Hoeneß gear­beitet hat.

Haben Sie bei Preetz mal vor­ge­fühlt?
Nein, nein, nein! Ich bin als Tor­wart­trainer hier! (lacht)

Wel­chen Gestal­tungs­spiel­raum haben Sie?
Viele glauben wahr­schein­lich, wir sind nur dazu da, den Tor­wart warm­zu­schießen, damit er beim Abschluss­trai­ning mit­spielen kann. Ich glaube, man kann selbst mit über dreißig noch lernen. Ich habe zum Bei­spiel unseren Mann von Hertha-TV ange­halten, mit seiner Kamera bei unseren Übungen drauf­zu­halten, damit wir die Technik ana­ly­sieren und viel­leicht das Ver­halten ver­än­dern können.

Erin­nern Sie sich noch an das Tor­wart­trai­ning zu Beginn Ihrer Kar­riere?
Das gab’s nicht. Den ersten rich­tigen Tor­wart­trainer hatte ich in Han­nover – mit 38. Beim HSV bin ich zwei Jahre von Rudi Kargus trai­niert worden, bis er wegen einer Arthrose nicht mehr konnte. In Frei­burg hat sich der Co-Trainer um uns geküm­mert. Das emp­fand ich schon als großen Fort­schritt.

Ihr Trai­ning war das Tor­schuss­trai­ning?
So unge­fähr. Der Co-Trainer hat einem noch ein paar Bälle in die Hände geschossen, das war’s.

Es fällt auf, dass Sie viel mit dem Ball am Fuß trai­nieren lassen.
Es gibt Unter­su­chungen, dass 70 Pro­zent der Arbeit von Tor­hü­tern inzwi­schen mit dem Fuß erle­digt wird. Im heu­tigen Fuß­ball geht es viel um Ball­be­sitz. Da ist es schon gut, dass der Tor­hüter den Ball im Spiel halten kann. Trotzdem: Bei den wich­tigen Bällen werden die Hände benutzt.

Haben Sie eine eigene Phi­lo­so­phie vom Tor­wart­spiel?
Phi­lo­so­phie ist über­trieben. Aber ich finde, dass der Tor­hüter der wich­tigste Mann ist. Ohne Tor­wart gewinnt man keinen Blu­men­topf. Ich ver­suche immer, meinen Jungs klar­zu­ma­chen, wie groß ihr Ein­fluss auf die Mann­schaft ist. Wenn ich mir einen Tor­wart im Spiel anschaue, erfahre ich sehr viel über die Mann­schaft.

Wie meinen Sie das?
Als Tor­wart ist man immer abhängig von seinen Kol­legen. Wenn das Ver­hältnis nicht stimmt, steht man ganz schnell im Regen. Ein Tor­wart muss viel spre­chen, es kommt aber auch darauf an, wie er das tut. Man kann jemanden mit Kritik auch kaputt­ma­chen. Und was hilft es, wenn ein Tor­wart sagt: Einer muss den jetzt angreifen“? Einer ist keiner. Kon­krete und klare Ansagen sind wichtig.

Sie sind kein großer Anhänger der Ein­zel­kämp­fer­schule, für die Oliver Kahn steht.
Man muss kein Ein­zel­gänger sein, um ein guter Tor­hüter zu sein. Und die Tor­hüter heute sind im Schnitt weniger Ein­zel­gänger als vor 20 Jahren. Natür­lich ist man in gewissen Situa­tionen auf sich gestellt. Aber es war auch bei Kahn nicht so, wie man immer dachte. Ohne gute Mann­schaft wäre er nicht so weit gekommen.

Welche Rolle spielt men­tale Stärke?
Es gibt viele Leute, die gut Fuß­ball spielen können. Was den Unter­schied aus­macht, ist der Kopf, beim Tor­wart noch viel mehr als bei Feld­spie­lern. Die erfolg­reichsten Tor­hüter sind nicht unbe­dingt die, die über die beste Technik ver­fügen. Kahn ist ein gutes Bei­spiel. Durch seine men­tale Stärke hat er das Maxi­male raus­ge­holt. Damit kann man viel kom­pen­sieren. Ich glaube, dass da längst noch nicht alle Poten­ziale aus­ge­schöpft sind.

In der Zweiten Liga hat Her­thas Tor­hüter Thomas Kraft oft wenig zu tun bekommen. In der Bun­des­liga wird das ver­mut­lich anders sein. Wie bereiten Sie ihn darauf vor?
In der Bun­des­liga wird das gegen­sei­tige Coa­ching noch wich­tiger werden. Jos Luhukay legt großen Wert darauf, dass sich die Mann­schaft kom­pakt ver­schiebt. Wenn auch die Tor­hüter ihren Bei­trag dazu leisten, müssen sie gar nicht mehr zu tun bekommen. Weil die Chancen für den Gegner dann nicht ent­stehen.

Haben Sie schon mal mit Ihrem Vor­gänger Chris­tian Fiedler gespro­chen?
Bisher noch nicht. Ich wollte mir erst einen eigenen Ein­druck ver­schaffen, bevor ich mit ihm spreche. Außerdem ist das auch für mich eine komi­sche Situa­tion.

Kraft hatte ein gutes Ver­hältnis zu Fiedler. Hatten Sie ein mul­miges Gefühl vor dem ersten Auf­ein­an­der­treffen?
Das nicht. Es ist normal, dass man als Tor­wart­trainer ein inten­sives Ver­hältnis zu seinen Schütz­lingen hat. Einen Tag vor dem offi­zi­ellen Trai­nings­start haben wir uns getroffen: die drei Tor­hüter, Jos Luhukay und ich. Da saßen wir eine Stunde zusammen. Ich bin schnell zu der Über­zeu­gung gelangt, dass wir uns gut ver­stehen und gut zusam­men­ar­beiten werden.

Kraft wirkt oft sehr her­risch. Muss er sein Ver­halten ändern?
Ich habe nicht das Gefühl, dass es da Pro­bleme gibt. Man sieht schon, dass Thomas als Tor­wart eine gewisse Domi­nanz aus­strahlt. Aber das ist auch gut.

Wissen Sie eigent­lich, wie Luhukay auf Sie gekommen ist?
Er hatte bestimmte Kri­te­rien, die der neue Tor­wart­trainer erfüllen sollte: Erfah­rung als Spieler, Erfah­rung als Trainer. Dazu kommt, dass Hertha relativ junge Tor­hüter hat und ich zuvor im Nach­wuchs gear­beitet habe. Das waren schon Argu­mente, die für mich gespro­chen haben. Viel­leicht hat sich auch her­um­ge­spro­chen, dass die Situa­tion beim HSV ein biss­chen kom­pli­ziert war. Jeden­falls war die Bereit­schaft, etwas Neues zu machen, bei mir beson­ders aus­ge­prägt.

Welche Rolle hat Berlin gespielt?
Eine große. Das Haupt­ar­gu­ment war, in der Ersten Liga zu arbeiten, aber ich weiß nicht, ob ich zu einem Verein gewech­selt wäre, zu dem ich keine Bezie­hung habe. Hertha und Berlin waren für mich sozu­sagen der Zusatz­nutzen. Ich musste nicht lange nach­denken.

Sie sind 1985 aus Berlin weg­ge­gangen. Erkennen Sie Ihre Hei­mat­stadt noch wieder?
Nee, eben nicht. 50 Pro­zent der Stadt muss ich erst noch ken­nen­lernen. Das macht Berlin ja so span­nend.

Und Hertha?
Ich bin schon als Kind ins Olym­pia­sta­dion gegangen, Unter­rang Mitte. Mein Favorit war damals Gregor Quasten. Ich weiß noch, dass er ein sil­bernes Uhl­sport-Trikot getragen hat. Das habe ich mir auch besorgt und mit rotem Edding das Spar­kas­sen­logo vom Sponsor dar­auf­ge­malt. Damals war das Mer­chan­di­sing noch nicht so pro­fes­sio­nell wie heute.