Die deut­schen Medien war sich einig und gelobten Bes­se­rung: Auch die Presse träfe eine Mit­schuld am Tod Robert Enkes, den schwere Depres­sionen in den Selbst­mord getrieben hatten. Zu groß sei der Druck auf den Pro­fi­sport­lern, der durch die nega­tive Bericht­erstat­tung nur noch erhöht würde. Der Publi­zis­tik­wis­sen­schaftler André Beem hat in seiner Magis­ter­ar­beit unter­sucht, ob der Tod Enkes wirk­lich etwas ver­än­dert hat. Er wer­tete dazu 3.300 Artikel in der Frank­furter All­ge­meinen Zei­tung, Süd­deut­schen Zei­tung, Frank­furter Rund­schau, Mainzer All­ge­meinen, Bild-Zei­tung, in Sport-Bild, Kicker und der Han­no­ver­sche All­ge­meinen. Beems Ergebnis: Von einer sen­si­bleren Vor­ge­hens­weise der Medien kann nicht gespro­chen werden.“

André Beem, Sie haben in Ihrer Magis­ter­ar­beit mit dem Thema Ver­gleich von Anspruch und Wirk­lich­keit nach dem Schlüs­sel­er­lebnis“ die Bericht­erstat­tung in deut­schen Medien vor und nach dem Tod von Robert Enke unter­sucht. Warum?

André Beem: In den Wochen nach dem Tod von Robert Enke haben die Medien vor allem an der eigenen Bericht­erstat­tung scharfe Selbst­kritik geübt. In 40 Pro­zent aller Artikel, die sich mit dem Thema Robert Enke befassten, ging es auch um die Frage nach der eigenen Mit­schuld. Also wollte ich unter­su­chen, wie sehr sich die mediale Bericht­erstat­tung nach Enkes Selbst­mord wirk­lich ver­än­dert hat.

Sie haben 1381 Artikel in den vier Wochen vor Robert Enkes Tod erschienen mit 1919 Arti­keln im Zeit­raum zwi­schen Mitte Februar und Mitte März 2010 ver­gli­chen. Wel­ches Bild ergibt sich da?

André Beem: Dass sich gar nichts geän­dert hat. Im Gegen­teil: Es ist sogar eine Ten­denz zum Schlim­meren zu erkennen. Haben vor Enkes Tod noch acht Pro­zent aller Zei­tungen negativ über Fuß­baller berichtet, waren es danach neun Pro­zent. Die Durch­schnitts­note in der Spie­ler­be­wer­tung hat sich von 3,5 auf 3,6 ver­schlech­tert, in einer Tages­zei­tung aus Han­nover sogar von vorher 3,2 auf 4,1. Das hatte aller­dings auch mit dem sport­li­chen Absturz von Han­nover 96 zu tun.

Wie haben Sie den Druck defi­niert, den Zei­tungen auf Fuß­baller aus­üben?

André Beem: Indem ich drei ver­schie­dene Stufen des Drucks in den Arti­keln benannt habe. Stufe eins besteht in der For­de­rung nach all­ge­meinen Ver­än­de­rungen. Zum Bei­spiel: Helmes muss mehr zeigen“ oder Für den VfL beginnen jetzt die Wochen der Wahr­heit“. Stufe zwei ist in den Rhe­torik schon deut­lich schärfer. Ein Bei­spiel dafür wäre die Fest­stel­lung: Hertha steht mit dem Rücken zur Wand“. Und Stufe drei for­dert per­sön­liche Kon­se­quenzen bei Miss­erfolg,: Fun­kels letzte Chance – bei einer Nie­der­lage muss er den Hut nehmen.“ Also habe ich jeden Artikel dar­aufhin unter­sucht, auf welche Stufe er ange­sie­delt ist und nach Rhe­torik, Erwar­tungs­druck und per­sön­li­cher Dif­fa­mie­rung ein­ge­ordnet. Das Ergebnis ist: Trotz all der Selbst­kritik hat sich über­haupt nichts ver­än­dert.

Wel­chen Schluss ziehen Sie daraus?

André Beem: Die Dis­kus­sion über eine ver­än­derte deut­sche Presse war eine Schein-Dis­kus­sion. Ein wei­terer beleg dafür ist der Umgang mit Tabu­themen. Nach Enkes Tod haben sich die Medien kol­lektiv dafür aus­ge­spro­chen, häu­figer und inten­siver über solche Themen wie Alko­hol­miss­brauch, Homo­se­xua­lität oder Aus­län­der­feind­lich­keit im Fuß­ball zu berichten. Das hat über­haupt nicht statt­ge­funden. Einzig über das Thema Homo­se­xua­lität wurde im unter­suchten Zeit­raum ver­stärkt berichtet – aber auch nur, weil die Ame­rel­l/K­empter-Affäre gerade aktuell war. Tabu­themen bleiben Tabu­themen, daran hat auch der Tod von Robert Enke nichts geän­dert.

Wie bewerten Sie deut­sche Pres­se­land­schaft nach diesen Ergeb­nissen?

André Beem: Wenn man die scharfe Selbst­kritik nach Enkes Tod als Aus­gangs­grund­lage nimmt, könnte man die Anteil­nahme nach diesen Ergeb­nissen als geheu­chelt ein­stufen. Aller­dings darf man die Medien auch nicht ver­teu­feln, schließ­lich stillen sie nur die Bedürf­nisse ihrer Leser. Erschre­ckend ist aber der Zuwachs an bloß­stel­lenden For­mu­lie­rungen, wie Blinder Mike trifft das Tor nicht“ oder Tor­wart-Trottel Bur­chert“. Etwa die Hälfte aller Zei­tungen hat nach Enkes Tod mehr per­sön­lich dif­fa­mie­rende Berichte ver­öf­fent­lich als noch davor. Die Rhe­torik ist schärfer geworden, statt milder. Von einer Sen­si­bi­li­sie­rung inner­halb der deut­schen Medien kann also nicht die Rede sein.