Spa­nien, der große Favorit, amtie­render Welt- und Euro­pa­meister, soll wackeln? Ich habe davon in den letzten Tagen in der Zei­tung gelesen, nach dem Spiel gegen Kroa­tien. Die Mann­schaft spiele nicht mehr so flüssig und zwin­gend wie früher, heißt es da, sie habe keine Ideen und keine Durch­schlags­kraft. Ent­schul­digen Sie bitte, wenn ich lachen muss. Aber das ist ein Witz!

Sicher, die Gegner machen es Spa­nien schwerer als noch vor zwei oder sogar vier Jahren, als der EM-Titel noch eine kleine Über­ra­schung war. Kroa­tien hat sehr defensiv gespielt, und zwar ziem­lich genau so wie der FC Chelsea, der auf diese Weise in der Cham­pions League gegen den FC Bar­ce­lona und schließ­lich gegen den FC Bayern gewinnen konnte.

Der Tri­umph der Blues“ war der Tri­umph der Defen­sive über die Offen­sive. Das möchte ich gar nicht kri­ti­sieren, denn die Frage, was schön ist im Fuß­ball, halte ich für über­flüssig. Schön ist nur der Sieg, daneben ver­blasst alles andere.

Aller­dings möchte ich fest­halten, dass der Aus­gang des Finales von Mün­chen die defensiv den­kenden Trainer in ihrer Auf­fas­sung bestärkt haben dürfte. Das bremst den Trend hin zum offen­siven Spiel, das für viele Zuschauer optisch reiz­voller ist. Aber so ist der Fuß­ball nun mal: Die Mann­schaften beob­achten ein­ander intensiv, sie suchen und finden Gegen­mittel, und irgend­wann ist selbst die größte Domi­nanz gebro­chen.

Bei der Denkauf­gabe, wie Spa­nien zu schlagen ist, sehen die Gegner also nach Jahren des Grü­belns und der Ohn­macht mit einem Mal eine Lösung her­an­nahen. Sie glauben, es reiche, destruktiv zu spielen und auf Konter und Stan­dards zu setzen. Sie täu­schen sich: Sie haben nun zwar eine Ahnung, wie sie gegen Spa­nien nicht ver­lieren. Das heißt aber noch nicht, dass sie auch gewinnen können. Nach dem Aha-Effekt des Cham­pions-League-Finales war zu erwarten, dass auch bei der EM spie­le­risch unter­le­gene Mann­schaften – also eigent­lich alle mit Aus­nahme von Deutsch­land – sich gegen Spa­nien für die Chelsea-Taktik ent­scheiden würden: ein 4−2−3−1, wenn sie in Ball­be­sitz sind, das sie auf ein 4−5−1 umstellen, wenn sie ver­tei­digen. Sie machen den Raum zwi­schen den Straf­räumen sehr eng, atta­ckieren den Ball­füh­renden stets zu zweit und spielen so das denkbar aggres­sivste Pres­sing. Eine Spiel­weise, die viel Kraft und Herz­blut erfor­dert. Der Plan ist, wie gesagt, nicht zu ver­lieren.

Ich weise noch mal darauf hin: Weder das eine noch das andere ist den Kroaten gelungen. Spa­nien hat 1:0 gesiegt! Aber das scheinen die meisten Kom­men­ta­toren ver­passt zu haben. Sie maulen, als wäre die Mann­schaft aus­ge­schieden. Ich rate ihnen, sich noch mal den Spielzug anzu­schauen, der zum Tor geführt hat. Mit wel­cher chir­ur­gi­schen Prä­zi­sion Cesc Fabregas Andrés Iniesta frei­spielte und dieser den Ball quer­legte, so dass Jesus Navas nur noch ein­schieben musste – beein­dru­ckend! Wie aus dem Lehr­buch! So kann Spa­nien jedes Abwehr­boll­werk aus­he­beln, jeder­zeit. Oder möchte jemand behaupten, dass dieser Schachzug auch ein Zufalls­pro­dukt war, ganz so wie Cas­illas Glanz­pa­rade?

Nun hat die K.o. – Phase begonnen, und die Stra­tegie kann nicht mehr sein, gegen Spa­nien nicht ver­lieren zu wollen. Jede Mann­schaft muss früher oder später auf Sieg spielen, wenn sie sich nicht auf die Lot­terie des Elf­me­ter­schie­ßens ver­lassen will. Ich bin gespannt, wel­chen Plan sich die Fran­zosen für das Vier­tel­fi­nale zurecht­ge­legt haben. Er muss neu sein. Denn bis­lang hatten sie gar keinen.

Ich habe zwar Ansätze von indi­vi­du­eller Klasse gesehen, aber keine kom­pakte Mann­schafts­leis­tung. Auch die Fran­zosen spielen 4−2−3−1, ihnen fehlt jedoch der Biss, den diese Taktik braucht. Den zen­tralen Mit­tel­feld­spie­lern Alou Diarra und Yann M’Vila fällt nichts ein, wie sie die Offen­siv­kräfte in Szene setzen können. Ali­bi­pässe sind die Folge, das Umschalten funk­tio­niert nur schlep­pend, so dass der Gegner sich in Ruhe ordnen kann. Karim Ben­zema hat das bemerkt und lässt sich zurück­fallen, um sich die Bälle zu holen, was aber dazu führt, dass sich im Mit­tel­feld zu viele Spieler tum­meln und vorne ein Abnehmer fehlt.
Das wirkt unor­dent­lich, unkon­zen­triert und lei­den­schaftslos. Wenn die Fran­zosen sich gegen die Schweden mehr ange­strengt hätten, hätten sie den Spa­niern aus dem Weg gehen können, der stärksten Mann­schaft des Tur­niers. Aber gerade Ord­nung, Kon­zen­tra­tion und Lei­den­schaft sind die ent­schei­denden Fak­toren in diesem Spiel.

Bei den Deut­schen habe ich all das gesehen. Auch sie werden, wenn ich das richtig wahr­nehme, von den Medien kri­ti­siert. Viel­leicht ist das das Los dieser beiden Mann­schaften. Sie sind die besten Europas. Um gelobt zu werden, müssen sie den Titel gewinnen. Min­des­tens.

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