Seite 2: Was sich in den Kurven getan hat

Es ist spe­ku­lativ. Wenn man sich aber Fuß­ball-Stamm­tisch-Talks am Wochen­ende anschaut, wirkt Hitzl­sper­gers Aus­sage näher an der Rea­lität. Die alten Män­ner­riten in der Kabine, das kon­ser­va­tive Umfeld der Ver­bände, die hys­te­ri­schen Medien – eher nicht die Kurven. Denn dort hat sich in den ver­gan­genen 20 Jahren einiges ver­än­dert, nicht nur am Mil­l­erntor. In den Acht­ziger und Neun­zi­gern war es nicht unüb­lich, wenn ein halbes Sta­dion einen Spieler als schwule Sau“ beschimpft hat. Schlechte Pässe galten als schwul“, wer Schwäche auf dem Platz zeigte, war ein Homo“ oder eine Pussy“. Noch Anfang der Nuller­jahre gab nur einen ein­zigen schwul-les­bi­schen Fan­klub, die Hertha-Junxx“, die sich 2001 grün­deten.

Mitt­ler­weile finden sich in fast allen großen deut­schen Städten LGBT-Fan­ver­ei­ni­gungen. In den Sta­dien hängen Regen­bo­gen­flaggen. Es gibt Initia­tiven wie Fuß­ball­fans gegen Homo­phobie“, die am Wochen­ende zehn­jäh­riges Jubi­liäum gefeiert haben. Viele andere Fan-Orga­ni­sa­tionen (Unsere Kurve, Pro­Fans, Baff, etc.) haben ein anti­ho­mo­phobes, anti­se­xis­ti­sches, anti­ras­sis­ti­sches Selbst­ver­ständnis. Es ist längst nicht alles gut in den deut­schen Fan­szenen, und bestimmt hört man in einigen Sta­dien immer noch reak­tio­näre Sprüche, aber sie werden leiser. In der Breite zeigt sich jeden­falls eine neue Sen­si­bi­lität auf den Tri­bünen, die es vor 20 Jahren noch nicht gegeben hat. Ein Bei­spiel: Als der Würz­burger Leroy Kwadwo im Februar 2020 von einem Preußen-Münster-Fan ras­sis­tisch beschimpft wurde, unter­brach der Schieds­richter die Partie, und Preußen-Anhänger drängten den Ras­sisten aus dem Block. Unter dem Applaus der rest­li­chen Fans.

Ein Fokus-Frage

Wird es also in naher Zukunft ein Coming-out im deut­schen Pro­fi­fuß­ball geben? Thomas Hitzl­sperger wünscht sich wei­tere Profis, die ihre Homo­se­xua­lität bekannt machen – und sei es von Spie­lern, die ihre Kar­riere beendet haben. Es ver­wun­dert mich, warum sich dann nie­mand outet“, sagt er. Es gibt keine Spon­so­ren­ver­träge mehr, man kann sein Leben leben, viele Ex-Profis könnten sich äußern, qua­li­fi­zierte Bei­träge leisten, Dinge ver­bes­sern.“

Ande­rer­seits, warum fokus­sieren wir uns über­haupt so stark auf den­je­nigen, der sich irgend­wann ein Coming-out hat, fragt Ewald Lienen, der am Ende des Films die beste Zusam­men­fas­sung gibt: Grund­sätz­lich stört es mich, dass Fuß­ball­spieler sich outen sollen. Dass jemand, der homo­se­xuell ist, den Arm heben soll. Son­dern die anderen, die müssen an sich arbeiten.“ Wie das geht, an sich arbeiten, zeigte vor einigen Monaten der Ber­liner Fuß­ball-Ver­band, der als erster Sport­ver­band in Deutsch­land das Geschlecht divers“ in seine Spiel­ord­nung auf­ge­nommen hat.

In der Abseits­falle: Kein Coming-out im Fuß­ball? Läuft am 8. Juni um 22:15 Uhr im ZDF und ist bereits seit 8:00 Uhr in der ZDF Media­thek abrufbar.