Im Januar 2014 sprach Thomas Hitzl­sperger in der Zeit zum ersten Mal öffent­lich über seine Homo­se­xua­lität. Ich möchte gern eine Dis­kus­sion vor­an­bringen – die Dis­kus­sion über Homo­se­xua­lität unter Pro­fi­sport­lern“, sagt er direkt am Anfang des Inter­views.

Seitdem sind über sieben Jahre ver­gangen. Ist die öffent­liche Dis­kus­sion vor­an­ge­kommen? Es haben sich wich­tige Initia­tiven gegründet, im Ama­teur­be­reich hatten Spieler ihr Coming-out, es gab wert­volle Bei­träge in den Medien, und seit 2021 gibt es beim DFB eine Anlauf­stelle für sexu­elle und geschlecht­liche Viel­falt. Aber immer noch hat sich kein anderer deut­scher Pro­fi­fuß­baller geoutet. Woran liegt das? Ist es die Angst vor dem öffent­li­chen Druck? Vor der see­li­schen Belas­tung? Vor den Beschimp­fungen der Fans? Vor den Anfein­dungen in der Kabine? Oder ist der Rahmen und das Umfeld des Pro­fi­fuß­balls, in dem ein Coming-out statt­finden würde, noch lange nicht stabil und zugleich offen genug, damit ein Spieler sagen könnte: Ich bin schwul“?

Intime und ehr­liche Szenen

Die Repor­tage In der Abseits­falle: Kein Coming-out im Fuß­ball?“ von Annette Hein­rich, die am Dienstag im ZDF (22:15 Uhr) läuft, möchte solche Fragen klären. Vorab: Sie erzählt wenig Neues. Die Geschichten von Marcus Urban und Thomas Hitzl­sperger, die beide nach ihrer aktiven Fuß­ball­kar­riere ihr Coming-out hatten, sind bekannt. Auch über den dritten Prot­ago­nisten, den ehe­ma­ligen Ama­teur­fuß­baller Ben­jamin Näßler, hat man in den ver­gan­genen zwei Jahren einiges gelesen. Außerdem äußern sich Alt­be­kannte wie Ewald Lienen und der Musiker Marcus Wie­busch, Chris­to­pher Trimmel und Chris­tian Gentner vom 1. FC Union sowie der DFB-Team­p­sy­cho­loge Prof. Hans-Dieter Her­mann.

Trotzdem ist Hein­richs Repor­tage sehens­wert. Sie hat intime und ehr­liche Szenen. Wie etwa den Moment, als Ben­jamin Näßler bei seiner Familie in der schwä­bi­schen Heimat sitzt und von der Ein­sam­keit berichtet, weil er nie­mandem von seiner Homo­se­xua­lität erzählen wollte oder konnte. Wie der Bruder dann sagt, dass es für ihn das Größte und Wich­tigste gewesen sei, mit Ben­jamin in einer Mann­schaft zu spielen, zum Trai­ning zu fahren, zum Spiel. Oder als Marcus Urban über seine innere Zer­ris­sen­heit und Selbst­ver­leug­nung als junger Spieler spricht: Ich bin Fuß­baller, also kann ich gar nicht schwul sein.“ Wie er dann seinen ehe­ma­ligen Trainer Jochen Müller nach über 30 Jahren wieder trifft und dieser sagt, Urban hätte auf ihn zählen können.

Homo­se­xua­lität wird im Fuß­ball schlicht igno­riert“

Thomas Hitzlsperger, 2014

Hein­richs Film ist auch wichtig, um in Bewe­gung zu bleiben, weg­zu­kommen von dem blei­ernen Status quo, den Thomas Hitzl­sperger in dem ersten Zeit-Inter­view beschrieb: Homo­se­xua­lität wird im Fuß­ball schlicht igno­riert.“ Dabei wird deut­lich, wie unter­schied­lich die Mei­nungen und Ängste der Prot­ago­nisten sind – gleich­wohl sie sich alle wei­tere Coming-outs wün­schen. Marcus Urban, der in den Acht­zi­gern und Anfang der Neun­ziger in der Jugend von Rot-Weiß Erfurt spielte, scheint immer noch Sorge zu haben, dass ein schwuler Fuß­ball­profi homo­phobe Sprech­chöre von der Tri­büne aus­halten müsste. Marcus Wie­busch, der vor einiger Zeit einen Song über Homo­se­xua­lität im Pro­fi­fuß­ball geschrieben hat, sieht das Mil­l­erntor auf St. Pauli als tole­ranten Raum, in dem ein homo­se­xu­eller Profi über­haupt kein Pro­blem hätte. Aber: Alle zwei Wochen muss er halt in ein anderes Sta­dion, wo die Kurve nur darauf wartet, seine Aktionen zu beur­teilen.“

Spä­tes­tens an dieser Stelle fehlt dem Film etwas: die Stimme der Fans. Denn ist es wirk­lich so, wie es Wie­busch oder Urban befürchten? Oder nicht so, wie es Hitzl­sperger beschreibt: Ich habe es nicht so emp­funden, dass die Fans den größten Druck dar­stellen.“ Er hätte eher ein Pro­blem gesehen, täg­lich mit Mann­schafts­kol­legen zu tun zu haben, die sich daran stören“. Der Film kom­men­tiert wie­derum aus dem Off: Wer an die Spitze will, muss fokus­siert bleiben. Jede Irri­ta­tion kann die Kar­riere gefährden.“ Dazu singt Wie­busch in der Der Tag wird kommen“: Du bist dann der Erste, der Homo, der Freak, es gibt keinen, der in dir nur noch den Fuß­baller sieht.“

Es ist spe­ku­lativ. Wenn man sich aber Fuß­ball-Stamm­tisch-Talks am Wochen­ende anschaut, wirkt Hitzl­sper­gers Aus­sage näher an der Rea­lität. Die alten Män­ner­riten in der Kabine, das kon­ser­va­tive Umfeld der Ver­bände, die hys­te­ri­schen Medien – eher nicht die Kurven. Denn dort hat sich in den ver­gan­genen 20 Jahren einiges ver­än­dert, nicht nur am Mil­l­erntor. In den Acht­ziger und Neun­zi­gern war es nicht unüb­lich, wenn ein halbes Sta­dion einen Spieler als schwule Sau“ beschimpft hat. Schlechte Pässe galten als schwul“, wer Schwäche auf dem Platz zeigte, war ein Homo“ oder eine Pussy“. Noch Anfang der Nuller­jahre gab nur einen ein­zigen schwul-les­bi­schen Fan­klub, die Hertha-Junxx“, die sich 2001 grün­deten.

Mitt­ler­weile finden sich in fast allen großen deut­schen Städten LGBT-Fan­ver­ei­ni­gungen. In den Sta­dien hängen Regen­bo­gen­flaggen. Es gibt Initia­tiven wie Fuß­ball­fans gegen Homo­phobie“, die am Wochen­ende zehn­jäh­riges Jubi­liäum gefeiert haben. Viele andere Fan-Orga­ni­sa­tionen (Unsere Kurve, Pro­Fans, Baff, etc.) haben ein anti­ho­mo­phobes, anti­se­xis­ti­sches, anti­ras­sis­ti­sches Selbst­ver­ständnis. Es ist längst nicht alles gut in den deut­schen Fan­szenen, und bestimmt hört man in einigen Sta­dien immer noch reak­tio­näre Sprüche, aber sie werden leiser. In der Breite zeigt sich jeden­falls eine neue Sen­si­bi­lität auf den Tri­bünen, die es vor 20 Jahren noch nicht gegeben hat. Ein Bei­spiel: Als der Würz­burger Leroy Kwadwo im Februar 2020 von einem Preußen-Münster-Fan ras­sis­tisch beschimpft wurde, unter­brach der Schieds­richter die Partie, und Preußen-Anhänger drängten den Ras­sisten aus dem Block. Unter dem Applaus der rest­li­chen Fans.

Ein Fokus-Frage

Wird es also in naher Zukunft ein Coming-out im deut­schen Pro­fi­fuß­ball geben? Thomas Hitzl­sperger wünscht sich wei­tere Profis, die ihre Homo­se­xua­lität bekannt machen – und sei es von Spie­lern, die ihre Kar­riere beendet haben. Es ver­wun­dert mich, warum sich dann nie­mand outet“, sagt er. Es gibt keine Spon­so­ren­ver­träge mehr, man kann sein Leben leben, viele Ex-Profis könnten sich äußern, qua­li­fi­zierte Bei­träge leisten, Dinge ver­bes­sern.“

Ande­rer­seits, warum fokus­sieren wir uns über­haupt so stark auf den­je­nigen, der sich irgend­wann ein Coming-out hat, fragt Ewald Lienen, der am Ende des Films die beste Zusam­men­fas­sung gibt: Grund­sätz­lich stört es mich, dass Fuß­ball­spieler sich outen sollen. Dass jemand, der homo­se­xuell ist, den Arm heben soll. Son­dern die anderen, die müssen an sich arbeiten.“ Wie das geht, an sich arbeiten, zeigte vor einigen Monaten der Ber­liner Fuß­ball-Ver­band, der als erster Sport­ver­band in Deutsch­land das Geschlecht divers“ in seine Spiel­ord­nung auf­ge­nommen hat.

In der Abseits­falle: Kein Coming-out im Fuß­ball? Läuft am 8. Juni um 22:15 Uhr im ZDF und ist bereits seit 8:00 Uhr in der ZDF Media­thek abrufbar.