Die DDR gibt es schon nicht mehr, sie ist abge­wi­ckelt, ebenso wie ihr eins­tiger Seri­en­meister BFC Dynamo. Der Stas­i­klub heißt inzwi­schen FC Berlin, hat einige seiner besten Kicker gen Westen abwan­dern lassen müssen und wird noch immer von hun­derten von Gewalt­be­reiten zu jedem Spiel begleitet. Das Spiel läuft, es hatte ver­spätet begonnen, weil der Andrang an den Kassen so groß war.

Nicht, dass viele Leute gekommen sind – die Sicher­heits­maß­nahmen wurden ver­stärkt, die Kon­trollen an den Ein­gängen sind penibel wie selten. Im Spiel haben die grün-weißen Leutz­scher nicht viel zu bestellen. Es geht zwar um viel – die beiden Teams, die am Ende der Saison oben stehen, würden in die 1. Bun­des­liga auf­steigen, die nächsten 4 in die 2. Bun­des­liga –, doch der FC Sachsen wirkt gelähmt. Die Spieler kommen zu keinen geord­neten Aktionen, immer sind die Ber­liner schneller. Doch wäh­rend das Spiel läuft, ereignet sich wenige Kilo­meter ent­fernt ein viel grö­ßeres Drama. Schüsse fallen, ein Mensch stirbt. Wie konnte das geschehen?

Augen­zeugen der Sze­nerie schwören noch heute, die Polizei sei restlos über­for­dert gewesen und vom Geschehen über­rascht. Dabei hatte sich schon in den Wochen und Monaten zuvor die Gewalt der ost­deut­schen Hoo­li­gans zügellos gegen die Ver­treter des sich auf­lö­senden Staates gerichtet. Hef­tige Aus­schrei­tungen in Ros­tock, Dresden, Erfurt und Berlin sorgten für Angst und Schre­cken. Und auch beim EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel Luxem­burg gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hatten ost­deut­sche Fuß­ball-Ter­ro­risten“ (BILD) im Ver­bund mit ihren west­deut­schen Kol­legen für Ran­dale gesorgt. Ber­liner waren stets dabei.

Den Ber­li­nern Saures geben“

In Leipzig waren schon 14 Tage vor dem Spiel die wil­desten Gerüchte im Umlauf. Die Ber­liner wollten sich angeb­lich mit Leip­ziger Hools zusam­mentun und Leutzsch anbrennen“. Man wolle sich rächen an den Sachsen-Fans, hieß es, denn in den Jahren zuvor, wenn Chemie Leipzig in der Ober­liga spielte, hatte sich die gesamte Schläger-Welt von Leipzig rund ums Sta­dion ver­sam­melt, um den Ber­li­nern Saures zu geben“, so ein Insider. Starker Poli­zei­schutz musste dann für die Unver­sehrt­heit der BFC-Fans sorgen. Nun aber war alles anders, denn die Auto­rität der uni­for­mierten Staats­macht war voll­kommen ver­loren gegangen.

In einer halb­wegs großen Gruppe waren die Chaoten in dieser Zeit kaum beherrschbar. So auch in Leutzsch. Wäh­rend die erste Gruppe von etwa 100 Ber­li­nern unbe­hel­ligt ins Sta­dion gelangt war und dort auch den Anpfiff des Spieles erlebte, machte sich eine zweite, weitaus grö­ßere Gruppe von etwa 400 Leuten erst nach Spiel­be­ginn auf den Weg vom Bahnhof Leutzsch ins Sta­dion. Warum auch immer: die Polizei, offen­sicht­lich hyper­nervös, sperrte den Weg ins Sta­dion ab, igno­rierte die gezeigten Ein­tritts­karten und feu­erte Trä­nengas auf die Ber­liner. Diese machten kehrt und ver­suchten jetzt, über die Pet­ten­kofer Straße zum Sta­dion zu gelangen.

Rasende Wut auf den Gleisen


Kurz vor den Kassen standen sie sich gegen­über: 25 völlig ver­ängs­tigte, ner­vöse und unge­übte ehe­ma­lige Volks­po­li­zisten auf der einen, etwa 400 gewalt­be­reite, selbst­si­chere und erfah­rene Schläger auf der anderen Seite. Als ein Poli­zist seinen Schlag­stock ein­setzte, war das das Signal für seine Kol­legen. Die Ord­nungs­macht prü­gelte die Ber­liner zurück Rich­tung Bahnhof Leutzsch. Dort ras­teten die ent­täuschten Hoo­li­gans aus: Ein zer­trüm­merter Bahnhof, drei bren­nende Poli­zei­fahr­zeuge und jede Menge zer­split­terter Fahr­zeug­scheiben waren das Resultat.

Als die Ber­liner in ihrer rasenden Wut auf den Gleisen des Bahn­hofs­vor­feldes aus­schwärmten und mit Schot­ter­steinen die war­tenden Poli­zisten an der Pet­ten­kofer Straße atta­ckierten, gab der befehls­ha­bende Offi­zier in seiner Not den Befehl, von der Schuss­waffe Gebrauch zu machen. Das Feuer wurde eröffnet, die Wir­kung war ver­hee­rend. Fünf Jugend­liche wälzten sich mit schwersten Ver­let­zungen in ihrem Blut, für den 18-jäh­rigen Mike Polley kam jede Hilfe zu spät. Er starb auf den Schienen des Leutz­scher Bahn­hofes.

Hoo­li­gans hin­ter­ließen eine Schneise der Ver­wüs­tung

Die Hoo­li­gans zeigten sich nicht einmal vom Tode eines ihrer Kame­raden beein­druckt. Sie fuhren mit einem von ihnen gestoppten Zug in die Leip­ziger Innen­stadt, wo kei­nerlei Poli­zei­kräfte anwe­send waren und zogen durch die City, wo sie eine Schneise der Ver­wüs­tung hin­ter­ließen. Dut­zende Schau­fens­ter­scheiben gingen zu Bruch, Geschäfte wurden geplün­dert. Ein unfass­bares Sze­nario war Wirk­lich­keit geworden.

Die Kon­se­quenzen waren nicht nur für den ost­deut­schen, son­dern für den gesamten Fuß­ball ein­schnei­dend. Immer weniger Leute trauten sich über­haupt noch zum Fuß­ball in die Sta­dien. Der Umbau der ehe­ma­ligen Volks­po­lizei wurde for­ciert, die Sicher­heits­vor­keh­rungen ver­schärft. Und das geplante deutsch-deut­sche Ver­ei­ni­gungs­län­der­spiel im Zen­tral­sta­dion Leipzig wurde abge­sagt.