Seite 2: Die falsche Seite jubelt

Stunden später. Ecke für Chelsea. Die erste. Für Bayern hat Kroos schon gefühlt 20 rein­ge­bracht, unge­fähr­lich alle­samt, aber was soll’s? Es steht 1:0 für die Bayern, 1:0 für Mün­chen, für die Party.

And now goal. Was David Luiz im Vor­bei­laufen dem völlig fer­tigen Bas­tian Schwein­s­teiger steckte, war bei uns auf der Tri­büne nur ein bit­ter­böses Unken. Und dann: Goal. Kopf­ball. Drogba. So absurd und gleich­zeitig so fol­ge­richtig, dass mir in dem Moment nicht mal der Fla­schen­sammler ein­fiel. Mir fiel, wie allen, in diesem Moment über­haupt nichts mehr ein. Außer Schwein­s­teiger. Der war schon in der 65., 70. Minute mit pum­pendem Ober­körper an der Sei­ten­linie gewesen, hatte gierig getrunken, der Körper völlig kaputt, der Wille ließ ihn funk­tio­nieren. Was macht Schwein­s­teiger? Er kämpft. Mit sich, gegen sich.

Dann Ver­län­ge­rung. Dann Elf­meter. Drogba foult, Robben schießt. Schwein­s­teiger sieht nicht hin. Die fal­sche Seite der Arena jubelt. Schwein­s­teiger wird von seinem Tor­wart hoch­ge­rissen, er scheint lange zu brau­chen, bis der Wille wieder stärker ist als der Körper. Ich beob­achte jetzt nur noch ihn. Und Drogba. Ring­kampf der ver­lo­renen Seelen. Drogba stol­ziert in den Pausen auf und ab, vor sich hin mur­melnd, wie ein Voo­doo­priester, wie in Trance. Und Schwein­s­teiger spielt eine gran­diose zweite Ver­län­ge­rungs­hälfte, dies hier ist sein größtes Spiel, zwei­fellos. Dann kommt das Elf­me­ter­schießen. Und Schwein­s­teiger. Und Drogba. Und dann ist es vorbei, das Spiel, das Bas­tian Schwein­s­teiger dreimal ver­lieren und Didier Drogba dreimal gewinnen musste, ehe es end­lich ent­schieden war.

Beer­di­gungen sind schöner

Die Stim­mung in der Stadt zu beschreiben, danach, ist unmög­lich. Beer­di­gungen sind schöner. Später, schon weit nach Mit­ter­nacht, eine win­zige, trau­rige Kneipe an der Schleiß­heimer Straße. Erbar­mungs­wür­dige Gesell­schaft. Gram­ge­beugte Bayern-Tri­kots am Tresen. Trotz Musik und Geplauder: Toten­stille. Und ich, der Bayern-Hasser, der sich 1999 noch gefreut hatte, dass die Bayern einen drauf bekommen hatten, wollte am liebsten hin­gehen und sie trösten und ihnen sagen: Es tut mir Leid, für heute – und für damals. Das habt ihr nicht ver­dient. Sowas hat keiner ver­dient.

Aber in Momenten wie diesem gibt es nichts zu sagen.

Ich zahlte mein Bier und ging langsam nach Hause.