Nun ist es eigent­lich nicht völlig unge­wöhn­lich, dass gerade junge, unbe­küm­merte Spieler bei einem neuen Klub und in einer neuen Liga gleich gut hin­ein­finden. Doch Julian Weigl hat aus meiner Sicht in seiner ersten Bun­des­li­ga­saison gleich Unfass­bares geleistet. Für das Spiel auf seiner Posi­tion braucht man idea­ler­weise ein großes Spiel­ver­ständnis, man muss Räume sehen und Bälle erahnen können, bevor es gefähr­lich werden kann. Ein Sechser muss das Spiel lesen können, um zu erkennen, was der Gegner vorhat und die rich­tigen Räume zuzu­laufen. Für all das bringt Julian ein über­ra­gendes Talent mit, denn er ver­steht das Spiel, ist wach, hat ein Gespür für den Raum und das Timing.

Weigl glänzt bei der Ball­ver­la­ge­rung

Obwohl er recht schlaksig ist, hat er in Zwei­kämpfen auch die Prä­senz, die im defen­siven Mit­tel­feld nötig ist. Wenn er dann am Ball ist, hat er immer wieder gute Ideen, vor allem bei der Ball­ver­la­ge­rung. Dazu muss man das ganze Spiel­feld im Auge behalten und wissen, was auf der ball­ab­ge­wandten Seite des Platzes pas­siert. Man kann im Fuß­ball viele Mängel durch Fleiß aus­glei­chen, aber wenn so eine Über­sicht fehlt, wird es schwierig. Julian hat sie, denn er ist ein aus­ge­zeich­neter Beob­achter und Stra­tege. Ein Leader mag er noch nicht sein, aber seine Mit­spieler werden auf dem Platz immer im Kopf haben: Den kann ich anspielen, der hat eine Lösung.

Gerade einmal 20 hat er ver­gan­gene Saison schon 51 Pflicht­spieler absol­viert

Was mich aber beson­ders für ihn ein­ge­nommen hat, ist seine enorme Kon­stanz. Julian ist gerade einmal 20 Jahre alt und hat für Borussia Dort­mund in der letzten Saison nicht weniger als 51 Pflicht­spiele gemacht, davon 42 in der Start­auf­stel­lung. Dass seine Leis­tungen dabei kaum Schwan­kungen auf­wiesen, ist in seinem Alter extrem unge­wöhn­lich. Denn wie oft haben wir erlebt, dass junge Spieler nach einem guten ersten Halb­jahr die Ori­en­tie­rung ver­lieren. Wenn man näm­lich so positiv bespro­chen wird, wie das bei Julian Weigl der Fall war, muss man das Ganze richtig ein­ordnen können. In der Win­ter­pause findet man sich als junger Mann plötz­lich in Rang­listen weit vorne wieder, es gibt die ersten Trans­fer­ge­rüchte. So etwas kann die eigene Wahr­neh­mung ver­än­dern: Man ver­sucht auf dem Platz plötz­lich mehr, als man ist, und schon steckt man in der Form­krise.

Das alles war bei Julian nicht der Fall. Er hat weiter sehr ruhig und sach­lich gespielt und das bei einem Verein, wo sehr viel Druck auf ihm gelastet hat. Den gab es näm­lich in Dort­mund nach einem Jahr, das nicht so gut war. Julian wird in Zukunft noch extremer wahr­ge­nommen und kri­ti­siert werden. Des­halb werde ich nicht auch noch eine Schippe drauf­legen, was die Erwar­tungen an ihn betrifft. Aber ich bin fest über­zeugt: Von ihm wird noch sehr viel Posi­tives kommen.