Über Hun­de­be­sitzer wird behauptet, sie würden sich ihrem Tier in Gestik und Mimik anpassen, je länger die Bezie­hung dauere. Eine selt­same Ana­logie, die mal mehr, mal weniger zutrifft. Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Ver­such der Jour­naille, immer mal wieder Par­al­lelen zwi­schen dem aktu­ellen Natio­nal­trainer und dem amtie­renden Bun­des­kanzler zu ziehen. 

Als ver­gan­gene Woche Helmut Kohl ver­starb, kamen Erin­ne­rungen an die Freund­schaft des rie­sen­haften Oggers­hei­mers zu Berti Vogts hoch, dem Ter­rier vom Nie­der­rhein. Zwei Männer, optisch so gegen­sätz­lich wie Pat & Pat­a­chon“, beide in ihrem Metier jedoch aus­ge­stattet mit einer uner­schüt­ter­li­chen Beharr­lich­keit und einer hohen Lei­dens­fä­hig­keit in Bezug auf ihr öffent­li­ches Ansehen.

Ein Gleichmut wie Angela Merkel

Wenn wir uns in Jahren erin­nern, wer als Bun­des­trainer die Merkel-Ära prägte, wird uns Jogi Löw ein­fallen (oder werden wir uns am Ende gar fragen, wel­cher Kanzler die Löw-Ägide geprägt hat?). Und es wird schwerer fallen, Ana­lo­gien fest­zu­stellen. Erin­nern werden wir uns aber an den Gleichmut der beiden.

An die Art, sich auch in hit­zigen Momenten, keine Emo­tion anmerken zu lassen. Jeden derben Anwurf mit leicht ver­schla­fenem Blick in oft unbe­hol­fenen Satz­kon­struk­tionen weg zu mode­rieren. Und zwar selbst in Erfolgs­mo­menten Worte wie große Freude“ zu spre­chen, ohne aber dass die Gesichts­züge diese Emp­fin­dung in irgend­einer Form wider­spie­gelten. Kurz: Die beiden eint, dass ihr öffent­li­ches Bild stark von Under­state­ment geprägt ist. Sie fallen so gut wie nie aus der Rolle, lautes Tri­um­phieren gehört nicht zu ihren bevor­zugten Gefühls­welten. Sche­men­hafte Regenten im Zeit­alter der Bei­läu­fig­keit. 

Löw musste nur noch die Klinke drü­cken

Ges­tern hat Jogi Löw in seinem 150. Län­der­spiel als Natio­nal­trainer zum 100. Mal gewonnen. Er freue sich schon dar­über“, soll er gesagt haben. Bestimmt hat er scho au“ gesagt, so als wolle er im vor­aus­ei­lenden Gehorsam alle Kri­tiker besänf­tigen, die ihm unter­stellen könnten, er würde ange­sichts einer sol­chen Bilanz über­mütig. 150 Spiele. 100 Siege.

Unvor­stellbar für den Mann, der anfangs nur der leise Assis­tent des bra­chialen Refor­ma­tors, Jürgen Klins­mann, war. Wer hätte am Ende des Som­mer­mär­chens“ gedacht, dass aus­ge­rechnet unter Löws Füh­rung der wohl attrak­tivste und fort­schritt­lichste Fuß­ball in der Geschichte der DFB-Aus­wahl gespielt werden würde. Löw drückte ein­fach dort die Klinke, wo sein Vor­gänger und För­derer noch mit einem Fuß­tritt die Pforte ein­treten musste, weil ihn die Struk­turen im mons­trösen Fuß­ball­ver­band hin­derten.