Die Begeg­nung im Zug
Ich sitze im Zug von Bre­scia nach Turin. Im Norden die Alpen, vorbei an der Mode­stadt Mai­land, den Gar­dasee im Rücken. Ein älterer Herr sitzt mir gegen­über, mus­tert mich eine Weile, bevor er fragt: Bist Du Anhänger des Stiers?“

Nun, beson­ders auf­merksam hätte er nicht sein müssen. Am Morgen hatte ich mir den gra­nat­roten Kapu­zen­pull­over über­ge­worfen, auf dem ein Schriftzug ein­ge­stickt ist, der sinn­gemäß lautet: Von der Geschichte zur Legende. Grande Torino, 4. Mai 1949.“ Und aus­ge­rechnet heute ist der 4. Mai.

Nur der Stier reprä­sen­tiert diese wun­der­bare Stadt“

Seine Augen leuchten: Dann fährst Du also hoch zur Basi­lika Superga?“ Schon beim Gedanken bekomme ich Gän­se­haut. Ja“, lautet meine Ant­wort. Er lächelt. Im Laufe des Gesprächs erzähle ich ihm, dass ich Deut­scher bin und in Bre­scia lebe. Vor allem aber muss ich ihm erklären, warum der FC Turin der Verein meines Her­zens ist. Der Mann kommt aus dem Staunen kaum heraus, das hatte er hier lang nicht mehr gesehen: Einen aus­län­di­schen Fuß­ballfan, der nicht zu Juventus oder einem der Mai­länder Ver­eine hält. Ja sogar einer, der die tra­gi­sche Geschichte des FC Turin kennt.

Heute ist ein schöner Tag für mich. Wir Turiner lieben den Stier, nur er reprä­sen­tiert diese wun­der­bare Stadt. Einen Deut­schen zu treffen, der in Bre­scia lebt und heute hierher kommt, erfüllt mich mit Stolz. Grüß mir die Unbe­sieg­baren!“

Das Unglück von Superga und die Mann­schaft des Grande Torino
Es war am frühen Abend des 4. Mai 1949, als Nebel über Turin lag. Die Sicht­be­din­gungen waren schlecht. Zudem hatte die Crew eines Flug­zeugs vom Typ Fiat G.212, das sich im Anflug auf die Stadt befand, mit feh­ler­haften Navi­ga­ti­ons­daten zu kämpfen. Die Piloten gingen davon aus, dass das Flug­zeug sich in einer grö­ßeren Höhe befände.

Langsam drückten sie das Steu­er­ruder nach unten, viel Platz müsste zwi­schen Flug­zeug und Ita­lien sein. Und so bemerkte der Pilot nicht, dass er die Maschine viel zu steil Rich­tung Lan­de­bahn drückte. Um 17.05 Uhr kol­li­dierte das Flug­zeug im ver­frühten Sink­flug mit der Basi­lika Superga, einer baro­cken Wall­fahrts­kirche auf einem Hügel vor den Toren der Stadt Turin.

Sechs Jahre am Stück kein Heim­spiel ver­loren

Keiner der Pas­sa­giere über­lebte. An Bord der Maschine befanden sich Spieler, Trainer und Betreuer einer der domi­nan­testen Mann­schaften, die die ita­lie­ni­sche Serie A im Laufe ihrer Geschichte gesehen hat: Die als Grande Torino bekannte Mann­schaft des AC Turin – vor 1936 hieß und seit 2006 heißt der Verein wieder FC Turin – die zu diesem Zeit­punkt bereits vier Meis­ter­schaften in Folge gewonnen hatte (1943, 1946, 1947 und 1948. 1944 und 1945 wurden auf­grund des Kriegs keine Meis­ter­schaften aus­ge­tragen). Sechs Jahre am Stück verlor der AC Turin kein ein­ziges Heim­spiel, Juventus war zu diesem Zeit­punkt nicht einmal ein ernst­zu­neh­mender Stadt­ri­vale.

Und der AC Turin war auf dem besten Weg, sich auch den fünften Titel in Serie zu sichern. Ihre Stamm­for­ma­tion können ein­ge­fleischte Fans noch heute ohne Zögern auf­sagen: Baci­g­alupo, Ballarin, Maroso, Grezar, Riga­monti, Cas­tigliano, Menti, Loik, Gabetto, Ossola und der krea­tive Kopf Valen­tino Maz­zola. Auf­ge­stellt in der bis dahin in Ita­lien gänz­lich unbe­kannten WM-For­ma­tion hatte sich Turin einen Wett­be­werbs­vor­teil ver­schafft.