Seite 2: „Ich sah, wie die Leute im Luftschutzkeller saßen“

Wie haben Sie die Zeit von Kriegs­be­ginn bis zur Aus­reise ver­bracht?
Ich musste mich irgendwie ablenken. Ich habe natür­lich die Nach­richten geschaut, haupt­säch­lich CNN und ukrai­ni­sche Sender. Ich sah jetzt weniger rus­si­sche und bela­rus­si­sche Pro­gramme. Ins­be­son­dere nach den Bei­trägen über den Angriff auf das Ver­wal­tungs­ge­bäude in Charkiw, als die Bela­russen sagten, die Ukrainer hätten sich selbst in die Luft gejagt. Ich bekomme ja aus ver­schie­denen Quellen Infor­ma­tionen, was tat­säch­lich in der Ukraine vor sich geht. Der Manager unseres Ver­eins war in Butscha, im Zen­trum der Kämpfe, ein­ge­schlossen unter der Erde. Er hat erzählt, was die soge­nannten rus­si­schen Befreier“ getan haben, und das erin­nert mich an das Vor­gehen der Faschisten im Zweiten Welt­krieg.

Was haben Sie erfahren?
Ende März gab es da den Jungen, dessen Vater vor seinen Augen erschossen wurde. Dem Jungen haben sie in den Kopf geschossen. Dieser Junge war der Freund der Tochter unseres Mana­gers, er kennt das Kind und die Eltern, die ums Leben kamen. Irgend­wann am zweiten oder dritten Tag der Bom­ben­an­griffe rief ich diesen Manager an, und er schal­tete auf Video. Ich sah, wie da die Leute im Luft­schutz­keller saßen. Ziem­lich schwer, jemanden in dieser Situa­tion etwas zu fragen. Andrej Maka­re­witsch hat das gut gesagt: Wenn jemand im Krieg war, erin­nert er sich nicht gern daran. Auch einer unserer Scouts war in Butscha. Andere Scouts waren in Charkiw und in Sapo­rishshja und erzählten, wie dort die Häuser mit direktem Beschuss bom­bar­diert werden, mit den Mehr­fach­ra­ke­ten­wer­fern, mit Gra­naten und so weiter. Bei der Menge an Infor­ma­tionen könnte man ver­rückt werden. So viel Nega­tives. Ich sah die Erschüt­te­rung der Men­schen, ich weiß, dass der Sohn unseres Scouts seit den Bom­ben­an­griffen ständig Schluckauf vor Ner­vo­sität hat, und wie sehr sich die Hal­tung dieses Mannes gegen­über Russen und Bela­russen ver­än­dert hat.

Die Nation hat sich um Selensky zusam­men­ge­schlossen“

Haben Sie selbst Anfein­dung erlebt?
Was Lwiw angeht, da gab es nichts. Weil man mich hier sehr gemocht hat. Der ein­zige Nach­teil war, dass einige Tage nach Kriegs­be­ginn meine Geld­karte gesperrt wurde, weil die Konten von Russen und Bela­russen ein­ge­froren werden sollten. Das war für mich okay, schließ­lich ist das Land im Krieg, und da geht es zur Sache.

Hat diese Zeit ihre Wahr­neh­mung von den Ukrai­nern ver­än­dert?
Nur zum Posi­tiven. Ich habe eine geeinte Nation gesehen. Für sie ist dieser Krieg so wie der Große Vater­län­di­sche Krieg für die Sowjet­union: Die Men­schen sind durch das gemein­same Ziel ver­eint, diesen Krieg zu gewinnen. Mich hat auch erstaunt, wie sich die ukrai­ni­schen Sportler ver­halten haben. Sie standen mit wenigen Aus­nahmen zusammen. Andrij Boh­danow, ein Fuß­baller von Kolos, legte den Eid ab, nahm die Maschi­nen­pis­tole und zog in den Krieg – und es gibt noch mehr sol­cher Bei­spiele. Vor dem Krieg schienen die Ukrainer nicht son­der­lich geschlossen hinter Prä­si­dent Selensky zu stehen. Aber wie er sich dann nach Kriegs­be­ginn ver­halten hat! Die Lage ist kri­tisch, man müsste eigent­lich weg, und er sagt: Nein, ich werde mit der Waffe in der Hand kämpfen. Und das hat sich auf die Bevöl­ke­rung über­tragen. Die Nation hat sich um Selensky zusam­men­ge­schlossen.

Die Blutspur des Tigers Belgrader Hooligans als Freischärler

Im Jahre 1992 zieht die Miliz des ser­bi­schen Unter­welt­kö­nigs Arkan eine blu­tige Spur durch Kroa­tien und Bos­nien. Unter den Frei­schär­lern sind zahl­reiche Hoo­li­gans von Roter Stern Bel­grad. Die Geschichte einer Ver­wand­lung.

Hat sich Ihre Hal­tung zu Russ­land jetzt geän­dert?
Ja, meine Bezie­hung zu Russ­land hat sich sehr ver­schlech­tert. Wie sich die soge­nannten Befreier ver­halten (denkt nach.) – so kann man im 21. Jahr­hun­dert nicht vor­gehen. Sie ver­nichten ganze Städte zusammen mit der Zivil­be­völ­ke­rung, ein­fach nur des­halb, weil diese Städte rus­sisch­spra­chig sind, aber die Men­schen sie dort nicht mit Salz und Brot emp­fangen. Man muss ver­stehen, dass die Ukraine ein freies Land ist und die Ukrainer nur sehr schwer zu ver­sklaven sind. Eher sterben sie, aber sie werden nie­mals mehr Sklaven sein.

Was denken Sie über die Sank­tionen gegen rus­si­sche und bela­rus­si­sche Sportler?
Ich ver­stehe über­haupt nicht, warum diese Sank­tionen für Empö­rung sorgen. Die­je­nigen, die damit nicht ein­ver­standen sind, sagen: Nun, der Sport steht jen­seits der Politik. Wer hat sich bloß diesen Satz aus­ge­dacht? Jeder Sport, und sei es im Kleinsten, spie­gelt trotzdem das Geschehen in der Gesell­schaft wider. Erin­nern wir uns nur an die Olym­pi­schen Spiele 1936 in Deutsch­land. Wozu haben die Deut­schen sie gebraucht? Um die Über­le­gen­heit der ari­schen Rasse zu zeigen. Die Olym­pi­schen Spiele in Moskau und Sot­schi haben dazu gedient, mit Hilfe des Sports die Über­le­gen­heit der Sowjet­union bzw. Russ­lands zu zeigen. Meiner Mei­nung nach sollte ein Land, das im 21. Jahr­hun­dert im Herzen Europas einen Krieg ent­facht hat, bestraft werden. Ich sage nicht, dass die Sportler am Krieg schuld sind: Die großen Firmen ver­lassen das Land, den Banken wird der Zugang zu SWIFT gesperrt und so weiter. Der Sport steht hier an vor­letzter Stelle. Ich denke nicht, dass sich der Sport jen­seits der Politik befindet. Jeder Sportler ist auch Bürger seines Landes. Und wir reden hier nicht davon, wen du wählst, ob die Roten, die Gelben, die Weißen oder die Grünen, son­dern darum, ob du Mord gut­heißt oder nicht.

Die schlimmsten Men­schen auf der Welt, das sind wirk­lich die schwei­genden Duck­mäuser“

Bela­rus­si­sche Sportler haben einen regi­me­freund­li­chen Brief unter­zeichnet, rus­si­sche Sportler sind zu regi­me­freund­li­chen Ver­an­stal­tungen gegangen. Haben sie alle die Sank­tionen ver­dient?
Für mich ist die Ant­wort klar: Sie haben es ver­dient. Natür­lich können sie sagen, sie hätten sich nicht für sowas inter­es­siert und hätten ein­fach nur trai­niert. Wissen Sie, es gab da den tsche­chi­schen Schrift­steller Julius Fučik, den haben die Nazis 1944 hin­ge­richtet. Als er im Gefängnis war, hat er das Buch Repor­tage unter dem Galgen geschrieben, in dem er beschreibt, was mit ihm geschah. Da gibt es einen guten Satz, den kenne ich aus­wendig: Fürchtet euch nicht vor Feinden, die können höchs­tens töten, fürchtet euch nicht vor Freunden, die können höchs­tens Verrat üben, fürchtet euch vor gleich­gül­tigen Leuten, denn durch ihre schwei­gende Zustim­mung geschehen die fürch­ter­lichsten Ver­bre­chen der Welt. Die schlimmsten Men­schen auf der Welt, das sind wirk­lich die schwei­genden Duck­mäuser. Ich respek­tiere jede Posi­tion, ver­stehe das aber so, dass jeder zumin­dest eine haben sollte. Jeder Mensch ist ein­malig, aber vor Gott sind alle gleich. Es ist ja nicht so, dass jemand als Prä­si­dent geboren wird. Nein, du wirst zunächst als Mensch geboren, erst dann erringst du ein Amt.

Ist der Sport in Belarus noch am Leben?
Ama­teur­sport, ja, der lebt. Der Pro­fi­sport aber, die Wett­be­werbe mit den besten Ath­leten der Welt, diese Mög­lich­keit wird es für bela­rus­si­sche und rus­si­sche Sportler nicht mehr geben. Daher wird der Sport in diesen Län­dern auf das Niveau von Frei­zeit­sport absinken, wenn er nur wegen der Gesund­heit betrieben wird. Erklären Sie mir doch bitte, wer den bela­rus­si­schen Sport noch braucht, von dem sich nach den Pro­testen im Jahr 2020 die Fans abge­wandt haben und dem die inter­na­tio­nale Bühne ver­sperrt ist?

Die Ideo­logen.
Die Ideo­logen müssen demons­trieren, dass die bela­rus­si­sche Nation den anderen Nationen über­legen ist. Aber wie wollen sie das zeigen, wenn sie sich nicht mit den besten Sport­lern messen können? Sie spielen nicht gegen Bayern Mün­chen oder Liver­pool, son­dern gegen Mann­schaften mit dem Niveau von Smo­le­wit­schi oder Mika­sche­wit­schi. Das ist das Niveau von Betriebs­sport­meis­ter­schaften. Was hat das mit Ideo­logie zu tun? Die ver­liert da den Sinn. Es ist ja so: Es wird gesagt, hebt die Sperre auf, und wir zeigen euch, dass wir gute Sportler haben. Die Sperre wird aber nicht auf­ge­hoben und die Bela­russen werden weiter im eigenen Saft schmoren. Es gibt einen guten Spruch: Wenn du ein Löwe sein willst, musst du auch mit Löwen kämpfen – nicht mit Katzen oder Mäusen, son­dern eben mit Löwen! Die Löwen, das sind hier die besten Sportler der Welt, und wenn du gegen die spielst, dann wirst du besser.

Glauben Sie an die Zukunft von Belarus?
Ja. Die Genossen, die da jetzt am Ruder sind, die kommen und gehen. Ich hoffe, dass das Land bald frei sein wird.

Machen Sie jetzt irgend­welche Pläne für Ihr Leben?
Nun, ich ver­suche her­aus­zu­finden, wie ich die Mann­schaft trai­nieren soll, wenn die ukrai­ni­sche Meis­ter­schaft wei­ter­geht. Ich denke, wir werden nur ein paar Wochen zum Trai­nieren haben, um zumin­dest teil­weise Kon­di­tion zu kriegen.

Gibt es eine Chance, dass die Meis­ter­schaft schon bald wei­ter­geht?
Das hoffe ich sehr. Man muss wissen, dass Fuß­ball in jedem Land mehr ist als nur eine Sportart. In Spa­nien wurde unter Franco ver­sucht, den Fuß­ball wie­der­zu­be­leben, um zu zeigen, dass im Land alles wieder normal sei. Ich denke, das erste, was die Ukraine machen wird, wenn sich alles wenigs­tens ein biss­chen wieder ein­ge­renkt hat, ist eine Fort­set­zung der natio­nalen Meis­ter­schaft. Als der Krieg begann, habe ich nach­ge­schaut, wann die sowje­ti­sche Meis­ter­schaft nach dem Großen Vater­län­di­schen Krieg wei­ter­ging. Und: Das erste Spiel fand am 13. Mai 1945 statt, wenige Tage nach Kriegs­ende. Da haben wir‘s.