Über den König des Fuß­balls gibt es etliche Erzäh­lungen. Eine trug sich am 11. Juli 1971 zu, als Edson Arantes do Nasci­mento das Spiel­feld ver­ließ und 175.000 Men­schen sich von ihren Sitzen erhoben. Manche standen andächtig auf den Tri­bünen, Tränen liefen über ihre Wangen, andere schrien: Fica!“ („Bleib!“) Es war ein ver­zwei­feltes Echo, das auf den Rängen des Estádio do Mara­canã ver­hallte. Denn Arantes do Nasci­mento, den alle nur Pelé nennen, hatte sich längst ent­schieden: Das Län­der­spiel gegen Öster­reich wird sein letztes gewesen sein. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge, und die Fans setzten ihm eine Krone aus Gold auf, die linke Hand hielt ein Zepter. Er ver­ließ die Bühne als Rei do Futbol. Als erster König des Fuß­balls.

Pelé sagt: Artur war ein ganz großer Spieler!“

In Wahr­heit hatte es zu dem Zeit­punkt längst einen König gegeben. Er hieß Arthur Frie­den­reich, und Pelé hatte sich immer wieder auf ihn berufen. Dabei war er, als Bra­si­lien mit Frie­den­reich zum ersten Mal die Süd­ame­ri­ka­meis­ter­schaft gewann, nicht mal geboren. Pelé kannte die Geschichten jenes Tur­niers nur aus den Erzäh­lungen der Alten. Doch er wusste um all die Mythen, die sich um den wahren König rankten. Arthur war ein ganz großer Spieler in Bra­si­lien“, sagte Pelé später mal. Mein Vater hat oft von seinen Toren geschwärmt.“

554 Treffer habe Frie­den­reich erzielt, schreibt sein Bio­graf Alex­andre da Costa. Die Legende (und mit ihr die FIFA-Sta­tistik) indes behauptet, Frie­den­reich sei der erfolg­reichste Tor­jäger aller Zeiten gewesen. Da ist von 1239 Spielen und 1329 Toren die Rede, von einem Rekord, der alle anderen Stürmer, auch Pelé und Gerd Müller, auf die Plätze ver­weisen würde. Einigen kann man sich immerhin auf Frie­den­reichs wich­tigstes Tor.

Sekunden danach scheint nichts mehr wie zuvor

Er erzielt es im Jahr 1919, im Finale jener Copa Amé­rica, im längsten Spiel ihrer Geschichte. Weil es zwi­schen Bra­si­lien und Uru­guay nach 90 Minuten 0:0 steht, wird eine Ver­län­ge­rung von viermal 15 Minuten anbe­raumt. Lange sieht es so aus, als müsse ein Münz­wurf über Sieg oder Nie­der­lage ent­scheiden. Doch dann in der 150. Minute, der letzten des Spiels, erwacht ein ganzes Land aus seiner Apa­thie. Frie­den­reich trifft zum 1:0, Sekunden danach ist das Spiel aus. Und Sekunden danach scheint nichts mehr wie zuvor. Die natio­nalen Zei­tungen berichten erst­mals aus­führ­lich von einem Fuß­ball­spiel, später wird jene 150. Minute gar zur Geburts­stunde des bra­si­lia­ni­schen Fuß­balls sti­li­siert und Arthur Frie­den­reich zum Inbe­griff des Homo ludens, des spie­lenden Men­schen, der im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Elend über­spielt.

Dabei erzählt das Leben von Arthur Frie­den­reich gar nicht die Geschichte des gebeu­telten Jungen aus den Favelas. Zwar kommt er am 18. Juli 1892 in Luz, einem Viertel von São Paulo, zur Welt, doch seine Geschichte beginnt in Europa, in Ham­burg. Von dort emi­griert sein Vater, der Inge­nieur Oscar Frie­den­reich, nach Bra­si­lien. 1897 folgt ihm Hans Nobi­ling, ein ehe­ma­liger Spieler des SC Ger­mania Ham­burg, und gründet zwei Jahre später den Sport Club Ger­mânia São Paulo.

Frie­den­reich lebt zwi­schen den Welten

Arthur Frie­den­reich lebt bis dahin zwi­schen den Welten. Als Sohn eines deut­schen Vaters genießt er in einigen Kreisen Pri­vi­le­gien, ande­rer­seits stößt er auf­grund seiner Haut­farbe – seine Mutter ist eine afro-bra­si­lia­ni­sche Wäscherin – vie­ler­orts auf Res­sen­ti­ments. Im Bra­si­lien des frühen 20. Jahr­hun­derts ist Fuß­ball der weißen Ober­schicht vor­be­halten. So bleibt Frie­den­reich die Mit­glied­schaft in einem Klub bis 1909 ver­wehrt. Erst nach einer Ände­rung der Ver­eins­sat­zung des SC Ger­mânia darf er mit­spielen. Doch feit ihn auch der neue Para­graf nicht vor dem Ras­sismus in den bra­si­lia­ni­schen Sta­dien. Der Stürmer muss sich vor den Spielen die krausen Locken mit Pomade glätten. Mit­unter wird Frie­den­reich sogar dazu genö­tigt, seine Haut mit Reis­mehl zu weißen. Die Freude am Fuß­ball lässt er sich aber nicht nehmen. Er ent­wi­ckelt eine aus­ge­feilte Schuss­technik, über­rascht die Tor­hüter mit einem bis dahin unbe­kannten Effet­schuss und die Abwehr­spieler mit ele­ganten Kör­per­täu­schungen. Die aber sind auch bitter nötig, da Fouls an dun­kel­häu­tigen Spie­lern selten geahndet werden.

Mit seiner Leicht­fü­ßig­keit führt Frie­den­reich das behä­bige Spiel der Euro­päer ad absurdum. In den fei­er­li­chen Ernst der weißen Sta­dien“, schreibt der uru­gu­ay­ische Dichter Edu­ardo Gallano, brachte Frie­den­reich die frech-ver­gnügte Unbot­mä­ßig­keit der kaf­fee­braunen Jungen.“ Frie­den­reich begreift den Fuß­ball als das, was er ursprüng­lich ist: ein Spiel. Die fran­zö­si­sche Natio­nal­mann­schaft erfährt dies Mitte der 20er Jahre, als die Bra­si­lianer sie auf einer Euro­pa­tournee vor­führen und mit 7:2 deklas­sieren. In seiner Heimat trägt Frie­den­reich zu dieser Zeit bereits den Künst­ler­namen Pé de Ouro – Goldfuß. Nun kürt man ihn in Paris zum Roi du Foot­ball. Doch ist er das wirk­lich, ein König des Fuß­balls? Der Ein­satz bei einer Welt­meis­ter­schaft bleibt ihm ver­wehrt. Nach Strei­te­reien im bra­si­lia­ni­schen Ver­band werden alle Spieler aus São Paulo von der Teil­nahme an der ersten WM 1930 in Uru­guay aus­ge­schlossen. 1934 ist Frie­den­reich bereits 42 Jahre alt und lässt seine Kar­riere bei Fla­mengo aus­klingen. Er beginnt in einer Brauerei zu arbeiten. Am 6. Sep­tember 1969 stirbt er, schwer gebeu­telt von der Par­kinson-Krank­heit, einsam und ver­armt in São Paulo.

Ein ganz leiser Abschied

In Europa ist Frie­den­reich längst in Ver­ges­sen­heit geraten. In seiner Hei­mat­stadt erin­nert heute zumin­dest ein Denkmal an ihn, jenen Meis­ters des Balles, den sie zwar König“ nannten, der aber nicht als sol­cher Abschied nahm. Arthur Frie­den­reich ver­ließ die Fuß­ball­bühne ganz leise. Zu einer Zeit, in der das große Spiel noch gar nicht richtig begonnen hatte.