Herr Klitz­pera, auf einer Skala von 1 bis 10: Wie viel Spaß macht ein Geis­ter­spiel?
Der Spaß liegt eher im Minus­be­reich. Mit einem nor­malen Fuß­ball­spiel und der typi­schen Sta­di­on­at­mo­sphäre hatte das damals nichts zu tun. Im Gegen­teil. Das hatte eher einen Trai­nings- oder Freund­schafts­spiel­cha­rakter. Und war doch noch mal anders, weil in einem leeren Sta­dion ein­fach eine ganz andere Akustik herrscht.

Wegen Zuschau­er­aus­schrei­tungen war die Zweit­li­ga­partie zwi­schen Ale­mannia Aachen und dem 1. FC Nürn­berg annul­liert worden. Die Wie­der­ho­lung fand Ende Januar 2004 unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit statt. Was ist Ihnen von diesem ersten Geis­ter­spiel des deut­schen Fuß­balls in Erin­ne­rung geblieben?
Das Spiel ist damals eine Woche vor Rück­run­den­be­ginn nach­ge­holt worden. Mit einem Sieg konnten wir noch Herbst­meister werden, was wir dann auch geschafft haben.

Aachen gewann 3:2.
Genau. Des­wegen waren wir grund­sätz­lich sehr positiv gestimmt, unab­hängig von den Begleit­um­ständen des Spiels. Du ver­suchst auch die Bege­ben­heiten aus­zu­blenden, aber das geht gar nicht. Du hast gehört, was jeder ein­zelne Spieler gesagt hat. Du hast gehört, was der Trainer oder die Betreuer von der Sei­ten­linie rein­ge­rufen haben. Dadurch bist du als Spieler auch irri­tiert, weil du es anders gewohnt warst.

Der Aachener Tivoli galt in jener Zeit als beson­ders stim­mungs­voll. Die Dis­kre­panz zu einem nor­malen Spiel muss dadurch noch krasser gewesen sein
Auf jeden Fall. In jener Phase war eigent­lich jedes Spiel von uns aus­ver­kauft, es gab eine extreme Euphorie in der Stadt, auch im Sta­dion. Schon in der Kabine vor dem Anpfiff hast du gehört, wie die Massen auf der Tri­büne getobt haben. Und auf einmal war es das extreme Gegen­teil. Du hast gar nichts gehört.

Sind die beson­deren Bedin­gungen des Spiels vorab the­ma­ti­siert worden
Wir haben damals unser Abschluss­trai­ning häu­figer im Sta­dion abge­halten, auch ohne Zuschauer. Des­wegen kannten wir die Situa­tion zumin­dest ein biss­chen. Aber ein Spiel ist noch etwas anderes. Man sollte sich darauf vor­be­reiten, wird sich aber nicht end­gültig darauf vor­be­reiten können – weil man es nicht kennt. Und selbst wenn man es weiß, fühlt es sich noch einmal anders an. Das eine ist Wissen, das andere Erleben. Der ein­zige Vor­teil war, dass du die Anwei­sungen deines Trai­ners auch am anderen Ende des Platzes noch gehört hast. Das ist bei einem nor­malen Spiel mit Zuschauern nicht der Fall.

Es war also ein biss­chen wie in der A‑Jugend, wenn nur ein paar Ver­wandte am Spiel­feld­rand stehen.
In der Jugend spielst du ja nicht in einem leeren Sta­dion mit Tri­bünen an allen Seiten. Gegen Nürn­berg im Sta­dion war es noch mal anders. Ein­fach weil es so gehallt hat. Wenn ich einem Kol­legen etwas zuge­rufen habe, gab es ein leichtes Echo, so als wür­dest du dich dop­pelt hören.

Hat das dazu geführt, dass Sie im Spiel weniger geredet haben als sonst?
Der eine oder andere wird mit Sicher­heit weniger gespro­chen haben, weil er sein eigenes Wort per­ma­nent gehört hat. Aber ich war ein recht kom­mu­ni­ka­tiver Spieler. Und du ver­suchst in einem sol­chen Spiel ja auch, die Umstände irgendwie aus­zu­blenden, dich trotz allem auf deinen Job zu fokus­sieren.

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Gab es Anfeue­rungen von den Ord­nern oder den Sani­tä­tern, die ins Sta­dion durften?
Es gab Sprech­chöre, ja. Aber wenn die von ein paar wenigen Leuten kommen, klingt das natür­lich anders. Ich meine, es hätten sich auch Fans vor dem Sta­dion getroffen, die ver­sucht haben, Stim­mung zu machen, ohne dass sie das Spiel ver­folgen konnten.

Man hat von der Begeg­nung vor allem das Gespenst vor Augen, das bei dem Geis­ter­spiel auf den leeren Rängen des Tivoli umher­lief. Ist das von Ale­mannia insze­niert worden?
Ja, hab‘ ich im Nach­hinein erfahren.

Sie wissen also, wer unter dem weißen Laken steckte.
Ich weiß es, ja.

Und? Sagen Sie es uns?
(Lacht.) Da müssen Sie noch ein biss­chen recher­chieren.

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.