Seite 2: Das Grummeln der Tifosi

Die ita­lie­ni­schen Tifosi teilen sich sei­ner­zeit in zwei Lager: pro Rossi und contra Rossi. Folg­lich sind längst nicht alle begeis­tert, als der gerade erst wieder spiel­be­rech­tigte Stürmer für die Welt­meis­ter­schaft in Spa­nien berufen wird. Und das Grum­meln wird lauter, als Ita­lien in der Vor­runde ohne Sieg und Rossi ohne Treffer bleibt. Danach aber explo­diert erst das Team und dann sein Mit­tel­stürmer. Dem 2:1 gegen Argen­ti­nien mit dem jungen Mara­dona folgt ein 3:2 gegen den Tur­nier­fa­vo­riten Bra­si­lien – und diesmal schießt Paolo Rossi alle drei Tore.

Es ist also durchaus berech­tigt, wenn Rossis Auto­bio­grafie auf Deutsch über­setzt Ich habe Bra­si­lien zum Weinen gebracht“ heißt. Noch Jahre später flog er in Sao Paulo aus einem Taxi, als ihn der Fahrer erkannte. Für Rossi jedoch waren die drei Tore eine Erlö­sung vom ganzen Elend der davor lie­genden zwei Jahre. Dem­entspre­chend gelöst, gelangen ihm zwei wei­tere Tore im Halb­fi­nale gegen Polen und der Füh­rungs­treffer im End­spiel. Danach war Paolo Rossi Welt­meister und Tor­schüt­zen­könig, später wurde er auch noch zu Europas Fuß­baller des Jahres“ gekürt.

Vom WM-Helden zum Ham­pel­mann

Wahr­schein­lich passt es zu dieser unstet ver­lau­fenen Kar­riere, dass ihn das Glück als­bald wieder ver­ließ. In den Jahren nach dem großen Tri­umph wurde Rossi – nun wieder bei Juventus unter Ver­trag – von allerlei Ver­let­zungen und Lade­hem­mung geplagt, und weil er ande­rer­seits jemand war, der keine Scheu hatte, seine Popu­la­rität zu barer Münze zu machen, fiel er bei der ita­lie­ni­schen Fuß­ball­öf­fent­lich­keit wieder in Ungnade. So wurde aus dem WM-Helden ein Buf­fone“ (Ham­pel­mann, nicht zu ver­wech­seln mit dem fast gleich­na­migen Tor­hüter), der 1987 mit nur 30 Jahren seine aktive Lauf­bahn been­dete.

Bis auf kurze Gast­spiele als TV-Experte hat sich Paolo Rossi danach ins Pri­vat­leben zurück­ge­zogen. Neben dem Betrieb einer Fuß­ball­schule und eines Feri­en­hofs in der Tos­kana ging er sehr ita­lie­ni­schen Tätig­keiten nach: Er kel­terte Wein und pro­du­zierte Oli­venöl. Was von ihm blieb, war die Erin­ne­rung an einen ganz beson­deren Mit­tel­stürmer. Kein han­dels­üb­li­cher Bre­cher, son­dern ein schlauer Spieler, der in seinen besten Momenten intuitiv wusste, was zu tun ist – auch wenn er letzt­lich nur einen Sommer tanzte oder zumin­dest nie mehr so spek­ta­kulär wie 1982 unter der sen­genden Sonne Spa­niens.

Am 9. Dezember 2020 ist Paolo Rossi gestorben. Nur zwei Wochen nach dem Tod von Diego Mara­dona – dem alles über­strah­lenden Helden der WM 1986 – hat die Fuß­ball­welt auch den prä­genden Spieler der Welt­meis­ter­schaft 1982 ver­loren.