Welch ein Tor! Gerade hat Danny Wel­beck das 3:2 für Eng­land gegen Schweden geschossen, volley, per Hacke – und das Schönste: Wahr­schein­lich war es sogar Absicht.

Nur die Älteren können sich ent­sinnen, dass ein Eng­länder über­haupt einmal etwas derart Raf­fi­niertes mit einem Ball ange­stellt hat. 16 Jahre ist das her, auf den Tag genau: Am 15. Juni 1996 schoss Paul Gas­coigne bei der EM im eigenen Land das 2:0 gegen Schott­land, Annahme, Heber über den ver­dutzten Abwehr­spieler Colin Hendry, der strau­chelt, Direkt­ab­nahme – welch ein Tor!

Beide Male bebte das Sta­dion erst mit einer Zehn­tel­se­kunde Ver­zö­ge­rung, die Zuschauer hielten den Atem an, denn sie brauchten einen Moment, um zu ver­stehen, dass etwas so schön sein kann und sich gleich­zeitig in eine schnöde Zahl umwan­deln lässt.

Und als der Jubel schließ­lich los­brach in Kiew, 16 Jahre später als in London, stand ein junger Mann auf der Tri­büne und weinte, ohne es zu wissen. Es war der Moment, da Eng­land den Stolz auf seine Natio­nal­mann­schaft wie­der­ent­deckte. Und Wayne Rooney konnte nur zuschauen. Er klatschte in die Hände, abwe­send, drei‑, viel­leicht viermal. Dann setzte er sich wieder.

Eigent­lich hätte er dieses Tor schießen und so Paul Gas­coi­gnes Genie­streich zitieren müssen. Schließ­lich gilt er als dessen Nach­folger auf dem Thron des Volks­tri­buns im eng­li­schen Fuß­ball. Wie Gazza“ ist Roo“ ein pro­to­ty­pi­scher Lad“, ein Bur­sche aus der Unter­schicht, der mit mehr Willen als Talent die Wider­stände gebro­chen hat, die ihm das Leben und der Fuß­ball ent­ge­gen­setzten. Einer, der aus­sieht wie seine eigenen Fans, so gar nicht nach Leis­tungs­sportler, stier­na­ckig, früh ver­greist, und wenn er seinen Aus­gehanzug trägt, mutet er an wie ein Hoo­ligan, der vor Gericht erscheinen muss.

Auf seine Haut ließ er sich den Schriftzug Just Enough Edu­ca­tion To Per­form“ täto­wieren – Gerade genug Bil­dung, um zu funk­tio­nieren“. Mehr war nicht drin: Wayne Rooneys Kind­heit war rau, sein Vater Thomas ver­diente sein Geld als Preis­boxer, er hatte offenbar sein Hobby zum Beruf gemacht. Einmal trug der kleine Wayne das Kostüm des Everton-Mas­kott­chens, im Derby gegen den FC Liver­pool. Da war er elf Jahre alt, und alle dachten, weiter würde er es nicht bringen.

Heute ist er einer der besten Stürmer der Welt. Mit Man­chester United hat er viermal die eng­li­sche Meis­ter­schaft und je einmal die Cham­pions League und den Welt­pokal gewonnen – ohne jedoch seine Her­kunft jemals hinter sich gelassen zu haben. Er prü­gelte sich, zeigte sich mit leichten Mäd­chen, sein Leben verkam zur Doku-Soap. Du kannst einen Mann von der Straße holen, aber du kannst die Straße nun mal nicht aus dem Mann holen. Eine Geschichte, wie sie sich Ken Loach aus­ge­dacht haben könnte, der große Chro­nist der eng­li­schen Arbei­ter­klasse.

In Loachs Dreh­buch würde wohl auch dieser Moment nicht fehlen: ein bedeu­tungs­loses Spiel in Mon­te­negro im Herbst, Eng­land ist bereits für die EM qua­li­fi­ziert. Sein Gegen­spieler Miodrag Dzu­dovic neckt Rooney, redet auf ihn ein in einer Sprache, die er nicht ver­steht, streicht ihm übers schwin­dende Haupt­haar, immer wieder, 70 Minuten lang, bis Rooney sich rächt: Er senst ihm die Beine weg, die Wut muss raus, das Gesetz der Straße, da ist er ganz der Vater. Schieds­richter Wolf­gang Stark zieht Rot, die Uefa ver­hängt eine Sperre über die ersten beiden Spiele der Vor­runde. Selbst­zer­störer“, schrieb der Guar­dian“. Idiot“, schrieb die Sun“.

Eng­land wartet auf Rooneys Gazza-Moment

So erfolg­reich Rooney in Man­chester ist, so unglück­lich ist seine Natio­nal­elf­kar­riere ver­laufen. EM 2004: Fuß­bruch. WM 2006: Rot im Vier­tel­fi­nale. EM 2008: nicht qua­li­fi­ziert. WM 2010: 1:4 gegen Deutsch­land. Die EM 2012 sollte end­lich sein Tur­nier werden. Sein Auf­tritt. Sein Gas­coigne-Moment. Statt­dessen traf Wel­beck.

Im ent­schei­denden Spiel gegen die Ukraine kehrt Rooney nun in die Mann­schaft zurück. Werden Sie end­lich den Beweis Ihrer Größe lie­fern?“, fragte ein Jour­na­list am Montag. Ich habe kein Pro­blem mehr mit meinem Tem­pe­ra­ment“, so Rooney.

Für seine Fans wäre das ein Ver­lust. Einer von ihnen, der salon­fähig wird, ist keiner von ihnen. Doch es besteht Hoff­nung: Wäh­rend des Inter­views zer­riss sich Wayne Rooney unterm Tisch vor Anspan­nung fast die Trai­nings­hose.