Seit dem EM-Halb­fi­nale gegen Russ­land kennt die Welt eine neue spa­ni­sche Vokabel: el Xavi­niesta – Syn­onym für eine ebenso vir­tuose wie ziel­ge­rich­tete Aktion, in Szene gesetzt von einem außer­ge­wöhn­li­chen Mit­tel­feld­kon­glo­merat, das sowohl bei der Sel­ección als auch beim FC Bar­ce­lona für eine rasante Ball­zir­ku­la­tion sorgt. Es war Andrés Iniesta, der im Ernst-Happel-Sta­dion seinem Team­kol­legen Xavi Hernández den Ball zum Füh­rungs­treffer zuschob. Das Spiel endete 3:0, Spa­nien zog ins Finale ein und schrieb Geschichte.



Natür­lich lässt sich ein Xavi­niesta auch in seine Ein­zel­teile zer­legen: Xavi orga­ni­siert, Iniesta stiftet Sinn. Der schmäch­tige Junge mit der auf­fal­lend blassen Haut, geboren 1984 im 2000-Seelen-Dorf Fuen­te­al­billa, liest Räume wie kein zweiter. Er erkennt Leer­stellen, wo andere nur Chaos sehen, Anspiel­sta­tionen, wo andere höchs­tens einen zer­streuten Schieds­richter ver­muten – und ver­leiht so dem tikitaka, dem Kurz­pass­spiel, seine Effi­zienz. Dazu ist er tech­nisch bril­lant: Er passt zen­ti­me­ter­genau quer übers Spiel­feld, schlägt Haken, die die gewief­testen Ver­tei­diger zur Ver­zweif­lung bringen, und wenn das alles nicht reicht, voll­bringt er eben ein Wunder. Wie beim Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2009 gegen Chelsea, als er in der Nach­spiel­zeit einen Pass von Messi zum 1:1 ver­wan­delte und Bar­ce­lona ins Finale schoss. Der Gott des Fuß­balls kam zu uns“, jubelte dar­aufhin ein eksta­ti­scher Fern­seh­re­porter. Iniesta selbst rea­li­sierte erst im Nach­hinein, was er da voll­bracht hatte, als er sich mit seinem Vater eine Video­auf­zeich­nung ansah. Papa, auf dem Platz wirkte das gar nicht so beein­dru­ckend“, sagte er angeb­lich nur.

Statt Allüren hat er ein Arbeits­ethos

Typisch Iniesta. Das ganze Drum­herum des Fuß­balls erreicht ihn nur wie durch Watte. Das Spiel mit den Emo­tionen, die großen Show­mo­mente sind seine Sache nicht. Bei Inter­views zieht er die Schul­tern hoch, als wolle er sich ver­ste­cken. Foto­gra­fieren lässt er sich nur, weil die Fans das so wollen. Statt Allüren hat er ein Arbeits­ethos. Nie kam er auf die Idee, sich über zu wenig Spiel­an­teile zu beschweren, auch nicht, als er damals unter Rij­kaard als poly­va­lenter Feu­er­wehr­mann erst kurz vor dem Unter­gang ein­ge­wech­selt wurde. Trainer lieben solche Spieler. Selbst gegen die Rolle, die ihm vom eigenen Eltern­haus zuge­dacht wird, rebel­liert Iniesta nicht: Auf seiner Home­page wirbt er als Lebe­mann für das hei­mat­liche Weingut in der Mancha, die gran­dio­seste Fehl­be­set­zung, seit John Wayne 1955 Dschingis Khan mimte.

Einen Wut­aus­brauch hat er sich nur ein ein­ziges Mal erlaubt. Beim Duell gegen Real Madrid raunte (aus­ge­rechnet!) Cris­tiano Ronaldo dem Schieds­richter zu, Iniesta lasse sich ein wenig zu offen­sicht­lich fallen. Andrés platzte der Kragen, er baute sich vor dem teu­ersten Fuß­ball­spieler aller Zeiten auf, tippte dreimal leicht auf dessen weißes Trikot und legte dann den Zei­ge­finger auf die Lippen – ein gera­dezu cho­le­ri­scher Anfall für Iniestas Ver­hält­nisse.


TV-Sati­riker ver­spotten den Mann mit dem wohl­tem­pe­rierten Gemüt als lang­wei­ligen Lethar­giker. Dabei ist er ein­fach nur sehr über­legt. Kein Wunder: Wer immer mit Jungs kickt, die einen Kopf größer sind, lernt, dass man im Zweifel mit Köpf­chen wei­ter­kommt als mit Kraft – und den Ball lieber schnell wei­ter­spielt, als es auf einen Zusam­men­prall ankommen zu lassen. Andrés‘ Fuß­ball­kumpel waren im Schnitt stets zwei, drei Jahre älter als er, auf dem Bolz­platz in Fuen­te­al­billa ebenso wie in der Jugend­ab­tei­lung von Alba­cete Balompié. Drei Jahre lang fuhren die Eltern, der Onkel oder Opa den Knirps täg­lich zum Trai­ning, fünfzig Kilo­meter hin, fünfzig Kilo­meter zurück. Zum Mit­tag­essen gab es ein belegtes Bröt­chen, andern­falls hätte er es nicht zum Nach­mit­tags­un­ter­richt geschafft.

Iniesta, der schickt uns beide in Rente.“

Das Ackern lohnte sich: 1996 holte Bar­ce­lonas Scout Albert Ben­aiges ihn ins Fuß­ball­in­ternat La Masia“. Und Andrés heulte sich die Seele aus dem Leib, weil er seine Eltern so schreck­lich ver­misste. Doch der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Kleine wen­dige Mit­tel­feld­stra­tegen wie er sind der Schlüssel zu Barcas Spiel­phi­lo­so­phie, die Luis Ara­gonés so erfolg­reich für die Natio­nal­mann­schaft adap­tierte. Der legen­därste von allen hing über Andrés Eta­gen­bett: Pep“ Guar­diola. Eben jener, der wenig später zu Xavi sagen würde: Du beerbst eines Tages mich – doch Iniesta, der schickt uns beide in Rente.“

Was die Sel­ección an Iniesta hat, erkennt man manchmal erst, wenn er nicht dabei ist. Beim Kon­fö­de­ra­tio­nen­pokal musste Vicente del Bosque auf ihn ver­zichten, prompt wurde das Spiel der Euro­pa­meister schwer­fäl­liger, sto­ckender. Der Takt­geber fehlte. Er ist eben der Schlüssel, der kom­plet­teste Spieler, den wir haben“, bekun­dete del Bosque betrübt. Iniestas jüngste Ober­schen­kel­ma­laisen dürften den Natio­nal­coach des­halb einigen Schlaf gekostet haben: ohne Iniesta kein Xavi­niesta. Ohne Xavi­niesta keine Titel­chancen. Doch natür­lich wird Andrés die Zähne zusam­men­beißen und in Süd­afrika zu Hoch­form auf­laufen. Und sich hin­terher dar­über wun­dern, wie beein­dru­ckend das wieder im Fern­sehen aussah.