Adi Kat­zen­meier, ver­letzte WM-Stars wo man hin­schaut. Haben Sie so eine Ver­letz­tens­mi­sere schon einmal erlebt?

So etwas hat es immer schon gegeben, diesmal fällt es nur stärker auf, weil es vor allem Stars und sogar einige Mann­schafts­ka­pi­täne erwischt hat.



Sie haben Michael Bal­lack jah­re­lang die Waden geknetet. Was sagen Sie zu seinem Aus­fall?


Da ich weiß, welch enorme Bedeu­tung die WM in Süd­afrika für den Michael per­sön­lich gehabt hätte, tut es mir für ihn sehr leid. Das eng­li­sche Pokal­fi­nale, in dem er sich die Ver­let­zung zuzog, habe ich zufällig im Fern­sehen gesehen. Mir war sofort klar, dass es etwas Schlimmes sein muss. Als er gefoult wurde, wollte er gerade weg­laufen und befand sich im Dreh­mo­ment – schlimmer kann es nicht kommen. Was für ein Pech!

Bei­nahe ver­hext.


Fangen Sie jetzt nicht mit sol­chem Hokus­pokus an, damit kann ich nun wirk­lich nichts anfangen! Betrachtet man das Ganze nüch­tern, han­delt es sich in den meisten Fällen bloß um die Ver­ket­tung unglück­li­cher Zufälle.

Wieso aber kommt es gerade jetzt zu den vielen Ver­let­zungen; Stimmt die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in den Klubs nicht?

Das glaube ich nicht. Aus meiner Erfah­rung weiß ich, dass das Pro­blem häufig an einer anderen Stelle zu suchen ist. Die Spieler selbst setzen sich unter unge­heuren Druck und ver­heim­li­chen sogar Ver­let­zungen, um beim nächsten Spiel auf dem Platz zu stehen.

Was ist eigent­lich der Unter­schied zwi­schen heilen“ und aus­heilen“?

Hat man bei­spiels­weise irgendwo eine offene Wunde, bildet sich dar­über zuerst eine schüt­zende Schorf­schicht – diesen Pro­zess nennt man Hei­lung. Erst wenn der Schorf abfällt, beginnt die Aus­hei­lung. Leider stehen die meisten Spieler dann schon längst wieder auf dem Platz.

Was scheinbar nicht för­der­lich ist.


Richtig. Ver­let­zungen werden so teil­weise über Jahre hinweg ver­schleppt. Bei mir lagen schon etliche Spieler auf der Liege und haben sich bei mir aus­ge­heult, nachdem sie mit getapten Ver­let­zungen gespielt hatten und die Wunden im Spiel wieder auf­platzt waren.

Sollten die Spieler gene­rell mehr Ver­ant­wor­tung für ihren Körper über­nehmen?


Die Zeit, die der Körper zur Gene­sung braucht, nimmt er sich letzt­lich selbst. Er benö­tigt Pausen. Viel mehr Spieler müssten das ver­in­ner­li­chen, denn ihr Körper ist auch ihr Kapital. Auch die Trainer sollten darauf mehr Rück­sicht nehmen.

Sind die Spieler nach einer langen, kräf­te­zeh­renden Saison über­haupt in der Lage eine Welt- oder Euro­pa­meis­ter­schaft ver­let­zungs­frei durch­zu­stehen?


Ich war bei acht Welt- und acht Euro­pa­meis­ter­schaften für den DFB im Ein­satz und habe oft erlebt wie Spieler bei uns Schlange standen, lange bevor wir über­haupt unsere Sachen auf­ge­baut hatten. Sogar die Trainer kamen manchmal ram­po­niert zu mir auf die Liege. Wir hatten immer ordent­lich zu tun.