Rafael Benitez, fühlen Sie sich bis­lang gut unter­halten von dieser WM?
Als Trainer erwarte ich kein Enter­tain­ment. Aber ich muss schon sagen, ich bin positiv über­rascht. Dass wir so viele tem­po­reiche, hart umkämpfte Spiele sehen würden, hätte ich nicht gedacht.

Warum waren Sie denn anfangs skep­tisch?
Die Top-Spieler haben ja einiges hinter sich. 50, 60 Ein­sätze pro Saison, und bei jedem ein­zelnen Spiel lastet der enorme Druck auf den Stars, unbe­dingt gewinnen zu müssen. Einige sind ange­schlagen ins Tur­nier gegangen, Cris­tiano Ronaldo, Diego Costa, auch Luis Suarez. Zudem wird in den Natio­nal­mann­schaften größ­ten­teils ein anderer Fuß­ball gespielt, als sie es aus ihren Ver­einen gewohnt sind. Darauf stellt man sich nicht so leicht um, jeden­falls nicht inner­halb von zwei Wochen am Ende einer kräf­te­zeh­renden Saison.

Früher waren Welt­meis­ter­schaften die Leis­tungs­schau des Fuß­balls, dort sah man das Spiel des Augen­blicks, wenn nicht sogar der Zukunft.
Das hat sich geän­dert. Die Avant­garde sehen wir heute in den Top-Ver­einen, vor allem in der Cham­pions League. Lange war es der FC Bar­ce­lona, nun scheint es der FC Bayern unter Pep Guar­diola zu sein, auch Borussia Dort­mund und Atle­tico Madrid haben neue Impulse gesetzt. Bei den Natio­nal­mann­schaften geht es mitt­ler­weile darum, einen prag­ma­ti­schen Weg zu finden: Welche Taktik setzen alle Spieler gleich gut um? Wie können Stars, die her­aus­ragen, in die Mann­schaften inte­griert werden, ohne ihre beson­deren Qua­li­täten ein­zu­büßen? Ein Pro­blem, das sich vor allem bei Spie­lern wie Lionel Messi und Cris­tiano Ronaldo immer wieder stellt. Und vor allem: Wie steht man dieses Tur­nier durch, ohne ein­zu­bre­chen?

Hitze und Luft­feuch­tig­keit sind enorm.
Aber noch scheinen die meisten Mann­schaften diesen Her­aus­for­de­rungen zu trotzen. Einige Spieler wachsen sogar über sich hinaus. Ich denke etwa an Arjen Robben, den wir dort in der Form seines Lebens sehen, auch an Jung­stars wie James Rodri­guez von Kolum­bien oder Joel Camp­bell von Costa Rica. Aber noch ist das Tur­nier ja nicht vorbei. Jetzt kommen die K.-o.-Spiele, die Ver­län­ge­rungen, die Elf­me­ter­schießen. Das sind Momente, in denen die Spieler über ihre Leis­tungs­grenzen gehen müssen. Dann wird es darauf ankommen, wer mit seinen Kräften sinn­voll gehaus­haltet hat.

Wer spielt bisher am öko­no­mischsten?
Die Ita­liener. (Lacht)

Ja, gut, die haben sich bereits kom­plett in den Schatten zurück­ge­zogen.
Im Ernst: Beim 2:1 gegen Eng­land dachte ich noch, das sei der typi­sche ita­lie­ni­sche Mini­ma­lismus, ver­kör­pert von Andrea Pirlo: den Ball da hin­spielen, wo er sein muss, bloß nicht zu viel laufen. In den zwei Spielen danach wurde aber klar: Sie wollen nicht nur nicht mehr tun, sie können gar nicht. Diese Mann­schaft war über altert. Sie braucht einen Umbruch. Cesare Pran­delli hätte ihn voll­ziehen können. Schade, dass er zurück­ge­treten ist. Er ist ein großer Trainer, ein großer Sports­mann.

Wer macht es besser als die Ita­liener?
Die Deut­schen sind im Spiel gegen Por­tugal viel gelaufen, aber keinen Meter zu viel, wie mir schien. Gegen Ghana ist ihnen die Sache dann ein biss­chen ent­glitten, ab der 70. Minute wurde auf beiden Seiten gekon­tert. Für den Zuschauer war das toll, ein ver­rücktes Spiel! Aber wenn man das Ganze unter dem Aspekt der Tur­nier­öko­nomie betrachtet, sind der­artig viele Sprints natür­lich nicht wün­schens­wert.

So gesehen ist das, was die Chi­lenen bei dieser WM machen, ja blanker Selbst­mord.
In den ersten beiden Spielen waren ihre Kampf­be­reit­schaft und ihre Selbst­auf­op­fe­rung gera­dezu furcht­ein­flö­ßend. Ihr Natio­nal­stolz und ihre mann­schaft­liche Geschlos­sen­heit scheinen sie zu tragen. Aber schon gegen die Nie­der­lande sah man die ersten Ver­schleiß­erschei­nungen. Jetzt erwartet sie im Ach­tel­fi­nale Bra­si­lien, der Favorit. Dem können sie nur gefähr­lich werden, wenn sie wieder bei 100 Pro­zent sind.

Und anschlie­ßend sind sie womög­lich so erschöpft, dass sie im Vier­tel­fi­nale unter­gehen. Wird das die WM der Pyr­rhus­siege?
Das wäre nichts Neues. Denken Sie an die Dänen bei der WM 1986: Die haben alle drei Vor­run­den­spiele gewonnen, unter anderem gegen die Deut­schen, und das in der Hitze Mexikos. Und dann ver­lieren sie im Ach­tel­fi­nale gegen Spa­nien mit 1:5. Wie gesagt: Man muss mit seinen Kräften haus­halten. Nicht der Beste wird Welt­meister, son­dern der Schlau­este.

Joa­chim Löw wech­selte im Ghana-Spiel beim Stand von 1:2 Miroslav Klose ein, und der machte prompt den Aus­gleich. Auch Bel­gien, die Nie­der­lande und die USA durften sich über Joker-Tore freuen. Wird diese WM auch von der Bank aus ent­schieden?
Das wird ein wich­tiges Momentum sein, beson­ders in der K.-o.-Phase. Was wie Glück aus­sieht, führt uns zwei Dinge vor Augen: Die Breite des Kaders ist wich­tiger denn je. Bei Por­tugal etwa war sie nicht vor­handen, nicht zuletzt des­halb konnte das Team nicht über­zeugen, Und der Trainer muss fle­xibel sein, er muss ein Spiel lesen können und gege­be­nen­falls von seiner Anfangs­taktik abrü­cken. Marc Wil­mots hat das toll gemacht, auch Louis van Gaal und Jürgen Klins­mann.

Joa­chim Löw spricht von seinen Ein­wech­sel­spie­lern als Spe­zi­al­kräften“.
Da sehen Sie, wie wichtig die Bank geworden ist und welche Wert­schät­zung Ergän­zungs­spieler inzwi­schen genießen. Da sitzen nicht mehr die nicht so guten Spieler, die es nicht in die erste Elf geschafft haben, son­dern die­je­nigen, deren Ein­satz in einer spä­teren Phase des Spiels ein­fach sinn­voller ist. Ver­gessen Sie auch nicht den psy­cho­lo­gi­schen Effekt: Wenn Löw einen Klose bringen kann, der in fast jedem Spiel trifft, dann flößt allein das dem Gegner Respekt ein – zu einem Zeit­punkt, da er bereits kör­per­lich geschwächt ist.

Apropos Psy­cho­logie: Kann Bra­si­lien über­haupt Welt­meister werden? Das Finale findet im Mara­cana statt, dem Ort des 1:2 gegen Uru­guay bei der WM 1950, der schlimmsten Nie­der­lage in der Geschichte der Seleçao. Noch heute soll ein Fluch über dem Sta­dion liegen.
Na ja, sie haben es ja vor­sichts­halber umge­baut. (Lacht) Und Neymar und seine Freunde scheinen sich auch nicht beson­deres viele Gedanken dar­über zu machen, was vor 64 Jahren war. Sehr lockere Typen. Außerdem hat ihr Trainer Luiz Felipe Sco­lari 2002 schon einmal die WM gewonnen, er weiß, wie man Druck kom­pen­siert. Also: Natür­lich kann Bra­si­lien dieses Tur­nier gewinnen.

Und die Deut­schen?
Die auch, ohne Frage. Gab es das über­haupt schon mal, dass man sagen konnte: Die Deut­schen können nicht Welt­meister werden? Ich kann mich nicht erin­nern.

Am Ende wer­den’s die Grie­chen, weil an ihrem Boll­werk alle erschöpft zusam­men­ge­bro­chen sind.
Das wäre ein trau­riger Tag für den Fuß­ball.