Täg­lich gehen in Accra, der Haupt­stadt Ghanas, hun­derte Men­schen an Mohammed Rabiu vorbei. Und kaum jemand erkennt ihn. Das ist eine echte Leis­tung in Ghana – jeden­falls für einen Spieler der Natio­nal­mann­schaft. Rabiu ist ein Spieler, der weder auf den rie­sigen Werbe-Pla­katen in Accra noch auf dem Platz groß auf­fällt. Ein Spieler, der vielen Jour­na­listen in Anbe­tracht der großen Stars wie Michael Essien oder Sulley Mun­tari kaum ein Wort Wert ist. Das Pro­blem an der Sache: Mohammed Rabiu ist einer der Stars im Team. Wenn auch eher ein heim­li­cher.

Der Sohn eines ört­li­chen Uhren­ma­chers, nebenbei auch Tor­wart des Stadt­teams Kononfo Gold­dig­gers, musste schon als Kind Ver­ant­wor­tung über­nehmen. Der Vater ver­ließ die Mutter samt den fünf Kin­dern sehr früh. Von heute auf morgen stand die Groß­fa­milie alleine da. Den kleinen Mohammed zog es trotzdem immer wieder auf den Bolz­platz. Die Auf­for­de­rung seiner Mutter, sich unbe­dingt auf die Schule und seine Aus­bil­dung zu kon­zen­trieren, igno­rierte der Kleine.

Ein Lehrer leistet Start­hilfe

Auf den Straßen Accras blieb sein Können nicht lange unent­deckt, auch wenn sich Rabiu zunächst selber im Weg stand: Weil er sich nicht traute am Trai­ning der offi­zi­ellen Schul­mann­schaft teil­zu­nehmen, kickte er nur in seiner Frei­zeit. Das änderte der Lehrer Anthony Kofi Boakye. Der Trainer der Schul­mann­schaft hatte von einem talen­tierten Zwölf­jäh­rigen aus der sechsten Klasse gehört. Ich habe ihn davon über­zeugt, einmal mit den Jungs zu trai­nieren. Alle Spieler in der Mann­schaft waren 15 Jahre alt, eigent­lich wollten wir ihn langsam für die Zukunft auf­bauen“, erzählt Boakye.

Aus diesen Plänen wurde nichts. Schon im ersten Trai­ning erkannte ich, dass er besser war als jeder der Stamm­spieler, auch wenn er sich noch sehr zurück­hal­tend ver­hielt“, so Boakye. Schon im nächsten Spiel schickte er den Jüngsten im Team aufs Feld, der es ihm gleich mit dem ent­schei­denden Treffer dankte. Anschlie­ßend star­tete Rabiu fuß­bal­le­risch durch. Auf der wei­ter­füh­renden Schule spielte er erneut in der Schul­mann­schaft, 2007 nahm Liberty Pro­fes­sio­nals den damals 18-Jäh­rigen unter Ver­trag, der­selbe Klub, der auch Essien, Mun­tari oder Asa­moah Gyan groß raus­brachte.

Der Elf­meter-Held

Die Anfangs­zeit in dem mit einigen Stars gespickten Team war nicht ein­fach. Rabiu traute sich wenig zu, seine Schüch­tern­heit stand ihm das eine oder andere Mal im Weg. Trotzdem erfuhr er Unter­stüt­zung. Er ließ sein Können immer wieder auf­blitzen und ret­tete dem Team mit genialen Momenten wich­tige Punkte. Einmal stellte er sich beson­ders spek­ta­kulär in den Dienst der Mann­schaft. Bei aus­ge­schöpftem Wech­sel­kon­tin­gent war der Tor­wart gegen den großen Rivalen Accra Hearts of Oak vom Platz geflogen. Mohammed Rabiu bot sich an, ihn zu ersetzen. Er hielt den fäl­ligen Straf­stoß, das Team gewann. Rabiu war der Held.

Den­noch wurde es danach lange Zeit still um den Mit­tel­feld­spieler. In nur zwei­ein­halb Jahren wurde er an gleich fünf Klubs ver­liehen. Zunächst nach Spa­nien (Gim­nasia und Xerez), dann Ita­lien (Sam­pdoria Genua und Udi­nese) und später zu Evian Thonon Gail­lard in Frank­reich. Glück­lich wurde er auf keiner der Sta­tionen. Stets beschei­nigten ihm die Trainer zwar einen aus­ge­prägten Willen und die fuß­bal­le­ri­schen Anlagen, die Durch­set­zungs­kraft ging ihm aber ab.

Zur Ach­ter­bahn­kar­riere des Mohammed Rabiu gehört aber auch, dass er wäh­rend dieser schweren Phase 2009 für die gha­nai­sche U20 bei der Welt­meis­ter­schaft in Ägypten ein bei­nahe per­fektes Tur­nier ablie­ferte. Am Ende schlug Ghana Bra­si­lien und wurde Welt­meister. Ohne Auf­re­gung und mit viel Ruhe sta­bi­li­sierte Rabiu dabei das Spiel der gha­nai­schen U20 in der Mit­tel­feld­zen­trale und punk­tete mit viel Über- und Weit­sicht. Daran konnten sich wenige Monate später aber nur noch die wenigsten Experten erin­nern. Wäh­rend einige andere Nach­wuchs-Welt­meister lukra­tive Ver­träge unter­schrieben, kehrte er depri­miert nach Frank­reich zurück.

Es dau­erte drei wei­tere Jahre bis Rabiu sich zurück in den Fokus des gha­nai­schen Fuß­ball­ver­bandes spielte. Durch mitt­ler­weile ordent­liche Leis­tungen in Evian machte der Mit­tel­feld­spieler auf sich auf­merksam. Er wurde für den Afrika Cup nomi­niert und durfte sein Können auf der großen Bühne beweisen. Als der etat­mä­ßige zen­trale Mit­tel­feld­spieler Derek Boateng schwä­chelte, erhielt das damals 22-jäh­rige Talent die Chance und sam­melte als Abräumer vor der Abwehr und Beschützer der Krea­tiv­ab­tei­lung Plus­punkte.

Transfer nach Russ­land – ein unge­wöhn­li­cher Schritt

Als Trainer Kwesi Appiah mir die Chance gab, wollte ich ihm ein­fach zeigen, was ich kann. Ich denke, diese Gele­gen­heit habe ich ganz gut genutzt“, gibt der 24-Jäh­rige heute zu Pro­to­koll. Auch im Hin­blick auf die Ver­eins­suche lief es im letzten Jahr deut­lich besser. Im Sommer 2013 unter­brei­tete Olym­piakos Piräus Rabiu ein sport­lich attrak­tives Angebot. Er ent­schied sich für die lukra­ti­vere, sport­lich aber weniger renom­mierte Offerte von Kuban Kras­nodar, einem rus­si­schen Erst­li­gisten. Sein Berater, ein ehe­ma­liger Mit­spieler, der den Sprung in den Pro­fi­fuß­ball nicht geschafft hatte, appel­lierte an Rabiu, doch an das Geld und die Unter­stüt­zung für seine Familie zu denken. Ver­mut­lich ein nicht ganz unei­gen­nüt­ziger Rat­schlag.

Den­noch hat sich Rabiu in Russ­land ent­wi­ckelt und ist reifer geworden. Er hat seine Schüch­tern­heit abge­legt, ohne jedoch häufig mit Freunden unter­wegs zu sein und mit ihnen um die Häuser zu ziehen. Aktuell hat er ohnehin nur Gedanken an die Welt­meis­ter­schaft. Die Beru­fung zu den Black Stars ist ein Traum. Ich will noch lange ein Teil des Teams sein“, sagt er. Und dann kommt ein Satz, der den neuen Mohammed Rabiu cha­rak­te­ri­siert. Der nicht so schnell von seinem Weg abkommt, der fokus­siert ist und fokus­siert bleibt: Wenn du eine gute Men­ta­lität hast, dir selber ver­traust, dein Bestes gibst und zu Gott betest, kannst du viel errei­chen.“ Wohin das bei der WM führen kann? Das vermag Rabiu nicht zu beant­worten. Man werde sehen, sagt er. Und grinst.

God­fred Akoto Boafo ist Teil des Guar­dian-Netz­werks“ und ein gha­nai­scher Jour­na­list, der u.a. für all​sports​.com​.gh schreibt. Auf Twitter könnt ihr ihm hier folgen: https://​twitter​.com/​e​a​s​t​s​p​o​r​tsman