Seite 3: Geniestreich oder Gaunerei?

Der zweite Grund, aus dem Her­rera in Mai­land sehr prag­ma­tisch an den Fuß­ball her­an­ging, waren seine ganz eigenen Erfah­rungen mit dem Schön­spielen. Seine ersten großen Erfolge als Trainer fei­erte er mit Atlé­tico Madrid, das er 1950 und 1951 zur Meis­ter­schaft führte. Seitdem hatte er einen guten Namen in Spa­nien, wes­halb man ihm 1958 das dama­lige Wun­der­team des FC Bar­ce­lona anver­traute. Die Elf war gespickt mit tollen Angrei­fern, man denke nur an das unga­ri­sche Traum­trio Ladislao Kubala, Zoltán Czibor und Sándor Kocsis sowie den eben schon erwähnten Luis Suárez. Doch obwohl Her­rera wieder zwei Meis­ter­schaften holte und dazu einen Pokal­sieg, war er in Bar­ce­lona nicht beliebt. Er stritt sich mit dem Publi­kums­lieb­ling Kubala und – viel, viel schlimmer – schei­terte im Pokal der Lan­des­meister aus­ge­rechnet an Real Madrid. Im Camp Nou reg­nete es die Sitz­kissen ent­täuschter Zuschauer, die laut­stark Her­reras Ablö­sung for­derten. Trotz drei bedeu­tender Titel in nur zwei Sai­sons.

Wer so etwas erlebt, der hat ver­mut­lich keine großen Gewis­sens­bisse mehr, wenn zwei Jahre später ein Angelo Mor­atti nach­drück­lich um Titel bittet. Wie Her­rera diese For­de­rung erfüllte, das war nun ent­weder sein großer Genie­streich oder seine große Gau­nerei … oder viel­leicht beides. Her­rera hatte sich ange­sehen, wie einige seiner Kol­legen in Ita­lien – vor allem Nereo Rocco in Padua – mit etwas, das sich Caten­caccio nannte, die großen Teams in die Ver­zweif­lung trieben. Seine Schluss­fol­ge­rung war simpel: Wenn man sich auf diese Weise mit unter­durch­schnitt­li­chen Spie­lern ein 0:0 oder 1:1 ermauern konnte, musste das System mit über­durch­schnitt­li­chen Spie­lern zwangs­läufig zu Titeln führen.

Seiner Zeit voraus

Man kann das so beschreiben, wie seine Zeit­ge­nossen es taten, als Verrat am schönen Spiel, als Mord­an­schlag auf den Fuß­ball. Oder man kann sagen, dass Her­rera das moderne Umschalt­spiel erfand. Denn es ging ihm ja nicht ums Ver­tei­digen, es ging ihm um den rich­tigen Moment und den rich­tigen Ort, den Ball zu gewinnen. Des­wegen war sein Links­ver­tei­diger, Gia­c­into Fac­chetti, ein Sprinter, wäh­rend rechts eigent­lich nie­mand ver­tei­digte – der bra­si­lia­ni­sche Flü­gel­stürmer Jair beackerte diese Außen­bahn ganz allein.

Wahr­schein­lich war Her­rera seiner Zeit auch in diesem Aspekt ganz ein­fach weit, weit voraus. Dies war ein Trainer, der seinen Profis schon in den Fünf­zi­gern Tabak und Alkohol unter­sagte. Der die Frauen seiner Spieler zusam­men­rief, um ihnen zu erklären, was sie ihren Män­nern kochen durften (und was nicht). Der in Ita­lien das Ritiro ein­führte, das Kaser­nieren der Mann­schaft am Tag vor einem Spiel. Der sich für Psy­cho­ana­lyse inter­es­sierte, schon seit den Vier­zi­gern jeden Morgen Yoga prak­ti­zierte und mit auto­genem Trai­ning arbei­tete. Der fast keine Ein­heit ohne Ball abhalten ließ und seinem Team Sätze ein­bläute wie: Wer für sich spielt, spielt für den Gegner; wer für die Mann­schaft spielt, spielt für sich.“

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1981 führte Her­rera Bar­ce­lona mit Bernd Schuster zum Pokal­sieg. Sein letzter Job, sein letzter Titel.

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Die Schule des Lebens

Wer lehrte den Sohn eines Zim­mer­manns und einer Mutter, die nicht lesen und schreiben konnte, all dies? Viel­leicht das Schicksal. Als er vier war, zogen seine Eltern von seinem Geburtsort Buenos Aires nach Casa­blanca, ins heu­tige Marokko. Dort erkrankte Her­rera an Diph­therie und über­lebte zwei Ersti­ckungs­an­fälle nur in letzter Sekunde. Bendt zitierte ihn mit den Worten: Seit jener Nacht im Hos­pital von Casa­blanca hat mein guter Stern nicht mehr auf­ge­hört zu strahlen.“ Weil Marokko damals eine fran­zö­si­sche Kolonie war, ging Her­rera mit Anfang Zwanzig nach Frank­reich, um dort Fuß­ball zu spielen. Mit Red Star Paris gewann er den Pokal, da herrschte aller­dings schon Krieg und das Land war von den Deut­schen besetzt. Angeb­lich han­delte er beim FC Lorient einen guten Ver­trag aus – und ver­ließ dann ohne Unter­schrift oder nähere Erklä­rung Hals über Kopf die bre­to­ni­sche Stadt … die am nächsten Tag von eng­li­schen Bom­bern in Schutt und Asche gelegt wurde.

Seitdem ich vier­zehn oder fünf­zehn war“, sagte Her­rera kurz vor seinem Tod dem Jour­na­listen Simon Kuper, habe ich mit Ara­bern und mit Juden Fuß­ball gespielt, mit Fran­zosen und Spa­niern. Das ist die Schule des Lebens.“ Sie machte aus ihm den best­be­zahlten Trainer der Welt – und den kon­tro­ver­sesten. Als Helenio Her­rera 1997 in Venedig starb, lautet schon der zweite Satz seines Nach­rufs im Inde­pen­dent“: Nie hatte der Fuß­ball einen umstrit­te­neren Meister der prag­ma­ti­schen Taktik als Helenio Her­rera.“ Das stimmte. Was im Nachruf nicht stimmte, war mal wieder das Geburts­jahr 1916. Her­rera kam näm­lich am 10. April 1910 zur Welt. Heute vor 110 Jahren.