Seite 2: „Man sollte den Spielern bei Verletzungen mehr Gehör schenken"

Angeb­lich war der Lok-Mann­schafts­koch aber fas­sungslos, als er von Ihrem Ernäh­rungs­stil erfuhr.
Das stimmt. Wo willst du denn die Kraft her­nehmen, wenn du kein Fleisch isst?“, hat er mich gefragt. In Russ­land gibt es kaum Veganer. Da wird sehr viel Fleisch gegessen. Teil­weise habe ich dann selbst vor­ge­kocht und mein Essen mit­ge­bracht. Gene­rell hatte ich den Ein­druck, dass man im rus­si­schen Fuß­ball in vielen Dingen alt­mo­di­scher auf­ge­stellt ist und sich nicht so mit neuen Ideen aus­ein­an­der­setzt.

Stich­wort Ver­let­zungen – ins­be­son­dere die Spiel­pläne der Spit­zen­klubs sind wegen Corona rand­voll. Experten rechnen mit einem Anstieg der Ver­let­zungen.
Es ist schon mal sehr hilf­reich, dass fünfmal aus­ge­wech­selt werden kann. Ich hoffe und gehe auch davon aus, dass die Ver­eine auf die beson­dere Situa­tion reagieren und den Spie­lern Pausen geben. Gene­rell muss man ja sagen: Nie­mand hat es sich aus­ge­sucht, dass es jetzt so extrem viele Spiele gibt. Wir sollten froh sein, dass über­haupt Fuß­ball gespielt werden kann und müssen das Beste aus der momentan schwie­rigen Situa­tion machen.

Sie selbst haben berichtet, am Ende Ihrer Zeit auf Schalke für jedes Spiel fit gespritzt“ worden zu sein, um trotz eines Leis­ten­bruchs spielen können.
Wenn ich mich gleich hätte ope­rieren lassen, wäre mir wahr­schein­lich später einiges erspart geblieben. Aber der Druck von Ver­eins­seite war natür­lich groß, dass man spielt. Bei klei­neren Weh­weh­chen mag das ja okay sein. Man muss da von Fall zu Fall unter­scheiden und sollte den Spie­lern mehr Gehör schenken.

Die Geis­ter­spiele haben mir mein Kar­rie­re­ende leichter gemacht“

Wird das aus Sicht der Fuß­ball­profis beher­zigt, auch oder gerade jetzt in Corona-Zeiten? Sie sind noch Mit­glied des Spie­ler­rats der Ver­ei­ni­gung der Ver­trags­fuß­baller.
Anfangs, als die Pan­demie aus­brach, ist von Spieler-Seite schon Kritik auf­ge­kommen – weil vieles über ihre Köpfe hinweg ent­schieden worden ist und letzt­lich doch alles auf ihre Kosten aus­ge­tragen wird.

Sie haben Ihre Kar­riere im Sommer beendet. Welche Rolle spielte dabei die Corona-Pan­demie und die Folgen für den Pro­fi­fuß­ball?
Absolut größter Grund war meine Familie, mein kleiner Sohn. In der Zeit in Moskau habe ich leider nicht viel von ihm gehabt. Da waren die Corona-Zeiten viel­leicht ein Wink mit dem Zaun­pfahl. Es ist schon schwer, auf diesen Moment zu ver­zichten, in einem aus­ver­kauften Sta­dium auf­zu­laufen. Das pusht dich auch nach vielen Jahren noch als Spieler. Die Geis­ter­spiele haben mir die Ent­schei­dung leichter gemacht und mich darin bestärkt, einen Schluss­strich zu ziehen.

Sie arbeiten jetzt als TV-Experte für Sky, haben als Ex-Spieler einen anderen Blick­winkel, ver­fügen über Insider-Wissen. Stich­wort Hansi Flick. Den kennen Sie aus Ihrer Zeit bei der Natio­nal­mann­schaft gut. Hätten Sie ihm zuge­traut, den FC Bayern Mün­chen als Trainer in solche Höhen zu führen?
Ich denke, dass nie­mand vorher wusste, welche Chef­trainer-Qua­li­täten Hansi Flick mit­bringt. Es war bekannt, dass er sehr empa­thiefähig ist und einen sehr guten Zugang zu den Spie­lern hat. Das setzt er bei den Bayern jetzt super ein. Hier geht es vor allem darum, die Jungs, die alle hoch­be­gabt sind, zuein­ander zu bringen. Sein großer Vor­teil ist: er musste dafür keine Basis auf­bauen. Neuer, Boateng, Müller, Goretzka – alle kannte er schon von der Natio­nal­mann­schaft. In der Zeit als Co-Trainer bei Bayern konnte er diesen Vor­teil noch ver­fes­tigen. Er hatte bei seinem Start als Chef-Trainer gleich einen Stamm an Spie­lern, die für ihn brannten. Und das hat er per­fekt genutzt.