Als der Autor dieser Zeilen zwölf Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern mit dem Kreis­sport­bund Celle“ in den Urlaub an den Bodensee. Das High­light der Reise: Ein Freund­schafts­spiel zwi­schen dem VfB Stutt­gart und einer ört­li­chen Regio­nal­aus­wahl. Bobic! Balakov! Elber! Das Magi­sche Dreieck“, live und in Farbe auf einem Dorf­platz, der als Tri­bü­nen­er­satz marode Wer­be­banden ohne Wer­bung zu bieten hatte.

Nach wenigen Minuten flog der Ball ins Sei­tenaus und lan­dete etwa 30 Meter von der Bande ent­fernt auf einem Acker. Ein Wett­rennen begann, dass der Autor knapp gewinnen konnte. Stolz wie ein Spa­nier trug er den Ball zurück Rich­tung Platz, wo bereits Thorsten Legat auf die Über­gabe war­tete. Im Kopf malte sich der Autor aus, was nun pas­sieren würde: Thorsten Legat würde zunächst aner­ken­nend den Daumen heben für diesen außer­ge­wöhn­li­chen Ein­satz, sich mit einem kom­pletten VfB-Tri­kot­satz bedanken und schließ­lich mit dem Autor auf Schul­tern eine Ehren­runde drehen, um der auf­ge­peitschten Dorf­be­völ­ke­rung den Helden der Stunde zu prä­sen­tieren.

Legat brüllte: Penn nicht ein, Mann!“

Aber Thorsten Legat dachte gar nicht daran. Statt­dessen verzog er seine Gesichts­mus­keln zu einer aggres­siven Fratze und brüllte: Penn nicht ein, Mann, und wirf die Pille rüber!“ Bis heute wartet der Autor auf eine Ent­schul­di­gung.

Vu Xuan Dien hat nie Urlaub mit dem Kreis­sport­bund Celle“ gemacht. Er hat bestimmt auch noch nie Torsten Legat getroffen, denn er ist 20, Viet­na­mese und Fan von Arsenal London. Sein Her­zens­klub befindet sich gerade auf einer Som­mer­pausen-Reise durch Indo­ne­sien, Vietnam und Japan. Arsenal Asia Tour“ nennt das die PR-Abtei­lung des Pre­mier-League-Ver­eins. Am Dienstag erreichte der FC Arsenal Hanoi, die Haupt­stadt von Vietnam. Vu Xuan Dien war auch da. Er trug das Trikot seines Klubs. Und er hatte sich etwas vor­ge­nommen.

Wäh­rend sich der Mann­schaftsbus der Lon­doner durch die viel befah­renen Straßen Hanois kämpfte, standen draußen viele hun­dert Ein­hei­mi­sche Spa­lier und winkten den Stars aus Eng­land zu. Einige beglei­teten den Bus. Im Lauf­schritt, auf dem Fahrrad, auf dem Motor­roller. Ein paar hun­dert Meter mit­rennen und winken, man kennt diese Bilder. Die Fuß­baller winken dann höf­lich zurück, Lukas Podolski hebt wahr­schein­lich seine Daumen und dann widmen sich die Kicker wieder wich­ti­geren Dingen wie dem eigenen Twit­ter­profil oder der neuen Frisur des Vor­der­mannes. Doch am Dienstag in Hanoi war etwas anders. Vu Xuan Dien war da.

Zunächst dürfte der kleine Viet­na­mese den Profis nicht auf­ge­fallen sein. Einer von vielen Fans, die ihrem Bus Geleit­schutz gaben. Doch als Vu Xuan Dien auch nach einem Kilo­meter Fahrt noch immer über den Bür­ger­steig sprin­tete, wurden die ersten Spieler auf ihn auf­merksam. Bei Kilo­meter zwei war der Kerl immer noch da, bei Kilo­meter drei schaute der kom­plette Arsenal-Tross fas­zi­niert der erstaun­li­chen Lauf­leis­tung bei 30 Grad Hitze und 65 Pro­zent Luft­feuch­tig­keit zu, bei Kilo­meter vier zückte der fran­zö­si­sche Stürmer Oli­vier Giroud sein Handy und filmte Vu Xuan Dien. Und als der Dau­er­läufer auch noch nach Kilo­meter fünf auf Höhe des Busses zu sehen war, öff­neten die Fuß­baller ihre Fenster und johlten: Sign him up! Sign him up!“ – Nehmt ihn unter Ver­trag!

Irgend­wann konnte Vu Xuan Dien nicht mehr. Er brauchte eine Pause und setzte sich auf den Rück­sitz eines Motor­rads, das dem Bus folgte. Einmal kurz durch­atmen. Dann rannte er weiter. Die Spieler vom FC Arsenal ließen den Bus anhalten. Vu Xuan Dien hatte eine Beloh­nung ver­dient. Der Fan durfte zu seinen Helden.

Ein schönes Mär­chen in Hanoi

Oli­vier Giroud hat das alles auf seiner Kamera fest­ge­halten. Wie seine Kol­legen Vu Xuan Dien zuju­beln, wie sie ihm die Schul­tern wund klopfen, wie sie ihm Auto­gramme gaben und seine Bauch­mus­keln bewun­dern. Wie selbst der kühle Trainer Arsene Wenger begeis­tert ist und dem 20-Jäh­rigen seine Unter­schrift auf den Rücken krit­zelt. Wie Vu Xuan Dien Minuten erlebt, für die sich andere Fans den kleinen Finger ampu­tieren lassen würden.

Irgend­wann musste Vu Xuan Dien den Bus dann doch wieder ver­lassen. Noch am selben Abend stellte der FC Arsenal das Video von Oli­vier Giroud, kom­men­tiert von Tor­wart Wojciech Szc­zesny, ins Netz. Eng­li­sche und viet­na­me­si­sche Medien griffen das schöne Mär­chen vom ver­rückten Fan dankbar auf und machten den Run­ning Man“ über Nacht zum bekann­testen Arsenal-Anhänger Viet­nams.

Und auch die Fuß­baller scheint das Erlebnis nach­träg­lich geprägt zu haben. Der ›Run­ning Man‹ hat die Mann­schaft inspi­riert“, bestä­tigte Arsene Wenger, wäh­rend alle anderen Fans irgend­wann nicht mehr konnten, ist er ein­fach immer wei­ter­ge­laufen.“ Zum Test­spiel gegen die viet­na­me­si­sche Natio­nal­mann­schaft am Mitt­woch ver­schafften die eng­li­schen Profis ihrem neuen Mas­kott­chen einen Ehren­platz gleich neben dem Spiel­feld, Lukas Podolski herzte Vu Xuan Dien nach dem Spiel wie einen ver­loren geglaubten Bruder.

Eine wun­der­schöne Geschichte. Kit­schig, rüh­rend, begeis­ternd. So wie der Fuß­ball in seinen schönsten Momenten eben sein kann. Hätte Thorsten Legat das damals nur auch schon gewusst.