Jeder Fuß­baller, an den man sich später erin­nern soll, braucht etwas Beson­deres, eine außer­ge­wöhn­liche Fähig­keit, die die Leute mit ihm ver­binden und die ihn schließ­lich in die Fuß­ball­ge­schichte ein­gehen lässt. Manni Kaltz hatte seine Bana­nen­flanken, Horst Hru­besch den dazu­ge­hö­rigen Schädel, und Leo Messi drib­belt, als hätte er seine Seele dem Teufel ver­kauft. Kevin Phil­lips hat nichts von alledem, er wirkt auf dem Platz erst einmal ziem­lich unscheinbar. Den­noch stei­gert sich die Auf­merk­sam­keit des Publi­kums, wenn er den Rasen betritt, eine kol­lek­tive Erwar­tungs­hal­tung stellt sich ein, die in einem knappen Satz zusam­men­ge­fasst werden kann: Gleich fällt ein Tor.

Meine ein­zige Gele­gen­heit, Phil­lips live spielen zu sehen, war ein Spiel der zweiten eng­li­schen Liga zwi­schen Crystal Palace und dem FC Midd­les­b­rough, vor unge­fähr einem Jahr. Das Spiel war bereits ent­schieden zugunsten des Heim­teams, als 20 Minuten vor Schluss Kevin Phil­lips ein­ge­wech­selt wurde. Es wäre über­trieben zu sagen, dass in diesem Moment ein Raunen durch die Zuschau­er­reihen ging, es war eher eine Art unter­schwel­liges Summen, das zeigte, dass die vom Spiel­ver­lauf wohlig sedierten Fans wieder wach wurden. Von da an dau­erte es genau 14 Minuten, bis Kevin Phil­lips das 4:1 für Crystal Palace schoss. Er war zu diesem Zeit­punkt 39 Jahre, sechs Monate und 22 Tage alt.

Seht her, ich bin steinalt!“

Kürz­lich hat es der veteran striker, wie ihn die Eng­länder gerne nennen, mal wieder in die Schlag­zeilen geschafft, erneut in einem Spiel der zweiten eng­li­schen Liga, nur dass er jetzt das Trikot von Lei­cester City trug und den 1:0‑Siegtreffer in Bour­ne­mouth erzielte. Anschlie­ßend zeigte er einen selbst­iro­ni­schen Tor­jubel, der in der Folge zum You­tube-Hit wurde, die Pan­to­mime eines Mannes am Rol­lator, der den bio­lo­gi­schen Grenzen des Pro­fi­fuß­balls ein Schnipp­chen schlägt und den Leuten zuruft: Seht her, ich bin steinalt! Aber ich treffe noch immer!“ Er war zu diesem Zeit­punkt 40 Jahre, sechs Monate und sieben Tage alt.

Kevin Phil­lips spielt seit zwei Jahr­zehnten Pro­fi­fuß­ball und stand bei neun Ver­einen unter Ver­trag – ein moderner Legionär, den es selten länger als zwei oder drei Jahre an einem Ort hielt. So einem begegnen die Fans nor­ma­ler­weise eher kühl, doch in seinem Fall ist das ganz anders. Phil­lips schreibt einen Blog auf der Web­site des TV-Sen­ders Sky Sports“, und als neu­lich das soge­nannte Trans­fer­fenster offen­stand, da war es inter­es­sant, die zahl­rei­chen Kom­men­tare unter diesem Blog zu lesen: Komm zu uns, Kev! Hilf uns! Rette uns!“ Dar­unter waren Anhänger so ziem­lich aller seiner Ex-Klubs, dazu noch viele andere, die einen brauch­baren Stürmer in ihren Reihen ver­missten.

Was aber ist das Geheimnis des Mannes? Er ist weit davon ent­fernt, ein Kopf­bal­l­un­ge­heuer zu sein, dem steht schon seine unauf­fäl­lige Kör­per­größe von 1,70 Metern im Wege (Kopf­ball­tore macht er aller­dings trotzdem). Er ist schnell, aber keine Rakete. Tech­nisch ver­siert, doch bei­leibe kein Mara­dona. Ein Team­player, nur keiner, der sich 90 Minuten lang für die Mann­schaft auf­op­fert. Letzt­lich läuft es auf eine Sache hinaus: Er trifft. Und trifft. Und trifft. Und trifft. Und trifft. Man muss das schon min­des­tens fünf Mal hin­ter­ein­ander auf­schreiben, damit es eine ange­mes­sene Wir­kung ent­faltet. Denn der alte Spruch gilt noch immer: Wer trifft, hat recht.“ Und wird geliebt.

Wer sich einen Zusam­men­schnitt seiner Tore ansieht, wird fest­stellen, dass es so etwas wie die eine Phil­lip­sche Spe­zia­lität, den drei­fach ein­ge­sprun­genen Kevin“, nicht gibt. Phil­lips schießt seine Tore aus allen Lagen und mit jedem Kör­per­teil. Noch am häu­figsten kommt eine Art ent­fernter Ver­wandter des Lieb­lings­wurfs von Bas­ket­ball­spieler Dirk Nowitzki vor: Kevin Phil­lips wird im Straf­raum ange­spielt, mit dem Rücken zum Tor, dreht sich so flink um die eigene Achse, dass er fast das Gleich­ge­wicht ver­liert, und sucht noch im Rück­wärts­fallen den Abschluss. Viel­leicht ist das sein Geheimnis: Er weiß, wo das Tor steht – und er kennt den kür­zesten Weg dorthin.

Man soll nie nie sagen“

Dieses Wissen hat über die Jahre zu einer beein­dru­ckend gleich­mä­ßigen Tor­quote geführt. Seine beste Zeit hatte er frei­lich um die Jahr­tau­send­wende in Sun­der­land, als er mit Niall Quinn eines der gefürch­tetsten Sturm­duos der jün­geren eng­li­schen Fuß­ball­ge­schichte bil­dete. 30 Mal traf Kevin Phil­lips allein in der Pre­mier-League-Saison 1999/2000 und gewann damit den Gol­denen Schuh“ als bester Tor­jäger Europas. Aus dieser Zeit datieren auch seine acht Län­der­spiele für Eng­land, in denen er selt­sa­mer­weise ohne Tor­er­folg blieb. Für die ganz große Kar­riere war sein Spiel letzt­lich zu unprä­ten­tiös, die Ver­eine zu spröde.

So also wurde der Mann zum noto­ri­schen Seri­en­tor­schützen im eng­li­schen Klub­fuß­ball. Mitt­ler­weile kommt er oft von der Bank, doch im ent­schei­denden Moment ist er da. Am Sai­son­ende will er mit Lei­cester in die Pre­mier League auf­steigen, es wäre das fünfte Mal nach Auf­stiegen mit Sun­der­land, West Brom­wich, Bir­mingham City und Crystal Palace. Und es wäre der krö­nende Abschluss im defi­nitiv letzten Jahr seiner Kar­riere. Obwohl, neu­lich schrieb Kevin Phil­lips in seinem Blog: Ob ich viel­leicht doch wei­ter­mache? Man soll nie nie sagen.“ Am 25. Juli wird er 41.