Der letzte Deut­sche, der als Kapitän den Fuß­ball-Welt­pokal gen Himmel reckte, war Lothar Mat­thäus. Das Leben des damals ker­nigen Mannes aus Her­zo­gen­au­rach nahm von da an einen ganz beson­deren Dreh. Als Fuß­ball­profi brachte er es auf uner­reichte 150 Län­der­spiel­ein­sätze und welt­weite Ehr, im Zivilen trat er in einige Fett­näpfe, zeugte Kinder und schloss reich­lich Ehen. Bis heute lebt Mat­thäus von seiner Legende und musste in seinem erlernten Beruf als Raum­aus­statter keinen Hand­schlag tun.

Die Sache mit dem Pokal ist jetzt ziem­lich genau 24 Jahre her. Einen neuen Mat­thäus hat Deutsch­land nicht, aber einen, der auf dem Fuß­ball­feld als der per­fekte Raum­aus­statter durch­geht: Toni Kroos.

Ein Spieler, der mit seinem Spiel Enge öffnet und Weite schluckt. An ihm führt des­halb kaum ein Ball vorbei. Mit hoher Ver­läss­lich­keit ist der Mit­tel­feld­spieler vom FC Bayern der­je­nige, der die meisten Ball­kon­takte aller Spieler auf sich ver­eint, der die meisten Pässe spielt – und das mit einer Genau­ig­keit, wie sie jeder Gegner fürchtet. Es sind Pässe, die Lücken reißen, die Räume in die Tiefe auf­zeigen und seinen Mit­spie­lern Zeit ver­schaffen. Raum und Zeit sind im modernen Fuß­ball die höchsten Güter.

Fuß­bal­le­risch ist das, was er spielt, eine Deli­ka­tesse“

Es gehört nicht viel Fan­tasie dazu, dass Toni Kroos in Bra­si­lien in einer zen­tralen Rolle der deut­schen Mann­schaft zu sehen sein wird. In einer Rolle also, die er vor zwei Jahren bei der EM noch nicht spielte, spielen durfte. Damals war er ein Bank­drü­cker. Jetzt erwarte ich von ihm eine andere Rolle“, sagt Joa­chim Löw. Ich glaube, dass er für uns ein sehr wich­tiger Spieler sein wird.“

Wenn man so will, agiert Toni Kroos im Herz­zen­trum einer Mann­schaft. Der mit Geschick im Fuß und Rhyth­mus­ge­fühl am Leib so überaus beglückte Münchner ver­bindet Ball­an­nahme und Ball­wei­ter­gabe derart rei­bungslos, dass das Spiel im Fluss bleibt. Jupp Heynckes, Bay­erns eins­tiger Triple-Trainer und För­derer von Kroos, hat sein Urteil einmal in einen schwär­me­ri­schen Satz gegossen. Fuß­bal­le­risch ist das, was er spielt, eine Deli­ka­tesse.“

Tat­säch­lich ist es so, dass Kroos mit seiner famosen Ball­be­hand­lung einer breiten Masse hin­läng­lich bekannt ist, seine eigent­liche Kunst sich aber längst nicht allen zu erkennen gegeben hat. Vor allem die Leich­tig­keit, wie er Bälle mit Rich­tungs­än­de­rung annimmt, ist so ein Merkmal seines Spiels. Auf eben­dieser Fähig­keit beruht heut­zu­tage die Rolle des zen­tralen Ball­ver­tei­lers und Takt­ge­bers. Im alten Fuß­ball teilten sich meist der Achter und Zehner diese Auf­ga­ben­be­reiche.

Der moderne Fuß­ball hat die klas­si­sche Split­tung immer mehr auf­ge­weicht. Für den Bun­des­trainer ist Kroos ein Zwi­schen­spieler“, der sich dadurch aus­zeichnet, dass er sich zwi­schen den Linien bewegt und durch sein kluges Pass­spiel das Geschehen lenkt. In dieser Rolle habe Kroos zuletzt einige Spiele von uns geprägt“, sagt Löw. Dass Kroos die Rücken­nummer 18 trägt, die Summe aus 8 und 10, soll aber eher einem Zufall geschuldet sein. Doch wo nun hin mit Kroos? An die Seite eines defen­siven Sech­sers oder doch eher weiter vorn, direkt hinter der Spitze auf der Spiel­ma­cher­po­si­tion?

Auf beiden defen­siven zen­tralen Posi­tionen drückt es die Natio­nalelf. Sami Khe­dira und Bas­tian Schwein­s­teiger ringen nach langen Aus­fällen noch um Form und Fit­ness. Aber auch Spiel­ma­cher Mesut Özil, eigent­lich ein Lyriker am Ball, wirkt von einer selt­samen Blo­ckade befallen. Welche Rolle nun auf ihn zulaufe, könne Kroos nicht sagen. Das muss den Trainer beschäf­tigen, wo er mich sieht“, sagt Kroos. Ich glaube, dass ich meinen Teil erfüllt habe. Jetzt liegt es beim Bun­des­trainer.“

Noch fehlen Kon­se­quenz und Kon­stanz

Sein Vor­teil sei, dass ich alles spielen kann“, sagt Kroos. Ich spiele bei einem abso­luten Top­verein, habe eine gute Qua­li­fi­ka­tion mit der Natio­nalelf gespielt und bin fit und gut drauf.“ Sein neues Selbst­be­wusst­sein zieht Kroos dabei auch aus seiner Ver­an­la­gung, die im Kopf zu finden ist. Mehr denn je komme es heute auf das Tempo der Auf­fas­sungs­gabe und der Wahl der rich­tigen Ent­schei­dungen an. Mehr als anderswo braucht es diese Hand­lungs­schnel­lig­keit im zen­tralen Mit­tel­feld. Dort, wo der Raum am engsten und die Zeit am kür­zesten ist, wo sich Ball­kon­trolle in Tor­ge­fahr zu ver­wan­deln hat.

Der Toni kann wahn­sinnig viel“, sagt Löw. Nur müsse das viel kon­se­quenter zu sehen sein. Denn immer mal wieder fiel dem Begabten auch mal ein Spiel aus dem Stiefel, in dem er das Geschehen zu wenig zu seinem machte. Spieler seiner Güte müssten das Spiel der gesamten Mann­schaft tragen – gerade wenn es mal nicht so läuft. Das waren keine wirk­lich schwa­chen Spiele, doch ver­mut­lich ist es das Los Hoch­be­gabter: Man kann nicht genug kriegen von ihnen. Sie können alles, nur sie zeigen es nicht immer.

Das Pokal­fi­nale als Beweis – Kroos kann auch defensiv

Toni Kroos weiß um die Kritik, ver­ortet sie aber in der Ver­gan­gen­heit. Ich habe jetzt noch einmal eine gewisse Ent­wick­lung durch­laufen.“ Eine Ent­wick­lung der Aus­här­tung. Er werde seine Rolle schon finden und aus­füllen, sagt der 24-Jäh­rige. In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung bin ich ja offen­sicht­lich kein Spieler für den defen­siven Part. Viel­leicht war das Pokal­fi­nale ein gutes Bei­spiel, dass ich das schon kann.“

Als Lahm früh ver­letzt aus­fiel, hatte Kroos dessen defen­si­veren Part allein gespielt und wurde zur über­ra­genden Figur auf dem Platz. Kroos betont es im WM-Quar­tier noch einmal: Ich wusste, dass ich das spielen kann.“ Dann geht er beschwingt aus dem Raum.