Dieter Wid­mann, wie wird man als deut­scher Lehrer Natio­nal­trainer von Namibia?
1970 machte ich mein Staats­examen an der Uni Würz­burg und begann mein Refe­ren­da­riat als Lehrer für Sport und Chemie an einem Gym­na­sium in Nürn­berg. 1974 erhielt ich das Angebot vom Aus­wär­tigen Amt, die Natio­nal­mann­schaft von Nigeria zu betreuen…

Ein­fach so?
Das waren andere Zeiten. Der afri­ka­ni­sche Fuß­ball war noch längst nicht so pro­fes­sio­na­li­siert wie heute. Ich hatte mir als tor­ge­fähr­li­cher Stürmer der Uni-Aus­wahl Würz­burg einen Namen in der aka­de­mi­schen Fuß­ball-Szene gemacht und so kam man auf mich. Aller­dings zog das Aus­wär­tige Amt seine Anfrage in letzter Minute zurück, Jugo­sla­wien über­nahm die Pio­nier­ar­beit in Nigeria.

Wie kamen Sie dann nach Süd­west­afrika, wie Namibia damals genannt wurde?
Ich bekam das Angebot, als Lehrer an der DHPS (Deut­sche Höhere Pri­vat­schule, d. Red.) in Windhuk zu arbeiten. Da musste ich nicht lange über­legen. Zunächst betreute ich die Schul­aus­wahl, und spielte mit einigen dieser Schüler bei den FC Wan­de­rers, die damals in der zweiten Liga spielten. Ich war Mitte 30, aber das Talent reichte noch aus, um Tor­schüt­zen­könig zu werden. Ich hatte mir einen Namen gemacht.

Und dann kam das Angebot vom nami­bi­schen Fuß­ball­ver­band?
Noch nicht. Statt­dessen über­nahm ich zusätz­lich zu meinen Wan­de­rers das Trai­ning der African Stars, eine Herero-Aus­wahl aus dem Wind­huker Stadt­teil Katu­tura (Die Herero sind ein aus Namibia stam­mendes ehe­ma­liges Hir­ten­volk, d. Red.). Ich wurde der erste weiße Trainer einer schwarzen Mann­schaft in Namibia.

Was war das für ein Stadt­teil?
Der Ras­sismus und die Apart­heid waren Mitte der Sieb­ziger in Süd­west­afrika all­ge­gen­wärtig. Es gab eigene Ein­gänge für Weiße und Schwarze in Apo­theken, Poli­zei­sta­tionen, öffent­li­chen Ein­rich­tungen, Super­märkten – überall. Schwarze durften nur in Katu­tura leben und über­nachten, sie arbei­teten für die Weißen und mussten dann vor Ein­bruch der Dun­kel­heit wieder in ihrem Stadt­teil sein. Wer als Weißer nach Katu­tura wollte, musste sich eine Son­der­ge­neh­mi­gung ein­holen, für seine Sicher­heit konnte dann nicht mehr garan­tiert werden. Katu­tura bedeutet übri­gens so viel wie Dort will ich nicht wohnen“.

Warum nahmen Sie dann diesen gefähr­li­chen Job an?
Ich bin in einem libe­ralen Haus­halt groß geworden. Meine Eltern haben mich mit dem Grund­satz vom Alten Fritz groß­ge­zogen, wonach jeder nach seiner Fasson selig werden soll. Das habe ich den Men­schen vor Ort auch gleich deut­lich gemacht: Für mich gibt es keinen Unter­schied zwi­schen schwarz und weiß, für mich sind alle Men­schen gleich.

Und das zeigte seine Wir­kung?
Wer als Weißer mit seinem Wagen durch Katu­tura fuhr, musste damit rechnen, beschimpft oder mit Steinen beworfen zu werden. Ich fuhr damals einen weiß-blauen VW-Bus und war als Trainer der African Stars bald ein bekanntes Gesicht geworden. Die Leute winkten mir freund­lich zu, wenn ich zum Trai­ning kam und riefen: Hello, Mr. Dieter!“.

Hatten Sie als Fuß­ball­trainer über­haupt eine Chance, die Hürden der Apart­heid zu über­winden?
Ich ver­suchte es ein­fach. Am 10. Februar 1977 orga­ni­sierte ich ein Spiel zwi­schen meinen beiden Mann­schaften, der weißen Schul­mann­schaft und den schwarzen African Stars. Es war das erste gemischt­ras­sige Fuß­ball­spiel in der Geschichte des Landes. Ich fun­gierte gleich­zeitig als Schieds­richter, vor der Partie sagte ich den Spie­lern: Wenn ich auch nur eine Belei­di­gung, eine ras­sis­ti­sche Äuße­rung höre, dann breche ich die Begeg­nung sofort ab!“ Es blieb fried­lich. Ein erster wich­tiger Schritt in der sport­li­chen Annä­he­rung zwi­schen Schwarz und Weiß – und ich bilde mir auch ein, dass es ein Mei­len­stein in der Bekämp­fung der Apart­heid war.

Wie reagierten die Poli­tiker und Funk­tio­näre?
Man zitierte mich in den Tin­ten­pa­last“, dem Sitz der dama­ligen Regie­rung, und teilte mir mit, dass ich gegen das Apart­heids-Gesetz ver­stoßen hätte. Sie drohten mir mit der Aus­wei­sung. Da sagte ich: Dann ver­su­chen Sie das ruhig.“ Doch die Deut­sche Bot­schaft setzte sich für mich ein und ich durfte bleiben.

War die Igno­ranz der Regie­rung tat­säch­lich so groß?
Noch viel schlimmer. Als ich dem Minister im Tin­ten­pa­last“ gegen­über­trat, prallten Welten auf­ein­ander. Er fragte mich ernst­haft, ob sich weiße und schwarze Fuß­baller berührt hätten. Natür­lich“, ant­wor­tete ich, Fuß­ball ist ein Kon­takt­sport.“ Ich erzählte ihm, dass ich als Spieler in Deutsch­land sogar mal einem schwarzen Kol­legen meine Seife geliehen hätte. Das konnte der ein­fach nicht begreifen.

Mussten Sie auch auf sport­li­cher Ebene Pio­nier­ar­beit leisten?
Natür­lich. Auf tak­ti­scher Ebene hatten meine Mann­schaften an jeder Ecke Nach­hol­be­darf. Sie spielten eine sehr inten­sive Form des kick and rush“, sobald ein Ver­tei­diger an den Ball gelangte, don­nerte er den mit voller Wucht nach vorne. Und die Zuschauer beju­belten jeden noch so unnö­tigen Befrei­ungs­schlag. Ich ließ meine Mann­schaften im 4−3−3 spielen, das klappte dann auch recht gut. 1977 holten sich die African Stars die Meis­ter­schaft. Aber ich hatte wei­terhin alle Hände voll zu tun.

Warum?
Im nami­bi­schen Fuß­ball hatten sich recht eigen­tüm­liche Regeln ein­ge­schli­chen. Der Ein­wurf wurde bei­spiels­weise mit nur einer Hand aus­ge­führt und wenn der Tor­wart den Ball mit beiden Händen über die Tor­aus­linie beför­dert hatte, gab es Abstoß statt Eck­ball. Unver­ständ­lich war vor allem die Vor­gabe, dass sich die Mauer bei einem geg­ne­ri­schen Frei­stoß nicht bewegen durfte, ehe der Ball im Aus oder im Tor war. Jeder Frei­stoß führte damit prak­tisch zum Tor­er­folg!

Jetzt wissen wir aller­dings noch immer nicht, wann man Sie zum Natio­nal­trainer beför­derte.
Das war 1980. Zuvor hatte ich bereits diverse U‑Mannschaften trai­niert, jetzt also die A‑Nationalmannschaft. Das war auch eine Auf­gabe für sich: In meiner Aus­wahl spielten sieben ver­schie­dene eth­ni­sche Gruppen und Stämme, die sich zum Teil unter­ein­ander nicht aus­stehen konnten. Aber auch hier ver­suchte ich den Spie­lern von Beginn an zu ver­mit­teln, dass ich sie nur nach ihren fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten und nicht nach ihrer Her­kunft beur­teilen würde – und hatte damit Erfolg.

Warum kehrten Sie dann 1981 nach Deutsch­land zurück?
Gezwun­ge­ner­maßen. Mein Ver­trag war nach fünf Jahren aus­ge­laufen, das Bun­des­ver­wal­tungsamt in Köln gewährte mir keine Ver­län­ge­rung und beor­derte mich zurück. Schweren Her­zens gab ich meinen Posten als Trainer wieder ab. Bis heute stehe ich in Kon­takt zum nami­bi­schen Fuß­ball. 2007 traf ich die dama­lige nami­bi­sche Natio­nal­mann­schaft in der Sport­schule Kai­serau und zeigte ihnen einen Film, den ich 1977 in Windhuk und Katu­tura auf­ge­nommen hatte. Die Spieler konnten teil­weise nicht glauben, wie sehr die Apart­heid vor 30 Jahren das Leben bestimmte.

Sie sind nicht der ein­zige deut­sche Fuß­ball-Pio­nier in Afrika. Einer der berühm­testen ihres Fachs ist Rudi Guten­dorf. Haben Sie sich schon mal mit ihm über seine Erfah­rungen aus­ge­tauscht?
Riegel-Rudi“ ist schwer zu greifen – er ist ja dau­ernd in der Welt­ge­schichte unter­wegs (lacht). Im Ernst: Ich traf ihn bereits 1978 bei der Welt­meis­ter­schaft in Argen­ti­nien. Wäh­rend der Schmach von Cor­doba“ erzählte er mir von seinem zwei­wö­chigen Enga­ge­ment als Natio­nal­trainer von Bots­wana 1976. Solch eine Kurz­ar­beit wäre dann doch nichts für mich gewesen.

Sie sagen, dass Sie bis heute Kon­takt zu Ihren ehe­ma­ligen Spie­lern haben. Was war die schönste Nach­richt, die Sie aus Namibia mit­ge­nommen haben?
Einer meiner Spieler, Willie Rwida, wurde am 4. November 1977 Vater eines Sohnes und gab seinem Filius meinen Namen. Das ehrt mich“, war meine Ant­wort. Ich wurde zum Paten von Dieter Rwida. Gefeiert haben wir dies bei einer Fla­sche Dimple-Whisky. Bei Wil­lies ersten Besuch 1998 in Deutsch­land hatte er ein Geschenk für mich dabei: eine Fla­sche Dimple-Whisky!