In der 92. Minute des Nations-League-Spiels der deut­schen Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft gegen Eng­land am Diens­tag­abend liegt Jude Bel­lingham auf dem Rasen der Münchner Arena. Der bri­ti­sche Mit­tel­feld­spieler hat gesund­heit­liche Pro­bleme. Die Stim­mung im Sta­dion ist auf­ge­heizt, nachdem kurz zuvor der späte Aus­gleich für die Eng­länder gefallen ist.

In der Süd­kurve, Block 109, Reihe 23 sitzt der 20-jäh­rige Stutt­garter Tim mit seiner bri­ti­schen Freundin. Er ist vor wenigen Monaten aus beruf­li­chen Gründen nach Mün­chen gezogen, die Tickets für das Län­der­spiel besorgt sich das Paar spontan am Diens­tag­nach­mittag.

Er sagte zu mir, ich soll in mein Land zurück gehen“

Bel­lingham sitzt immer noch auf dem Rasen, als Tim aus der Reihe hinter sich wüste, ras­sis­ti­sche Belei­di­gungen gegen den 18 Jahre alten Fuß­baller hört, der für Borussia Dort­mund spielt. Wie aus dem Nichts ruft der Mann dem jungen, schwarzen Spieler ent­gegen: Steh auf, du N****r!“

Als Tim sich zu dem Mann umdreht und ihn bittet, seine ras­sis­ti­schen Tiraden ein­zu­stellen, ent­gegnet dieser, er würde nicht Tim meinen, son­dern Jude Bel­lingham. Doch kurz darauf gerät Tim selbst ins Visier des Fremden. Er sagte zu mir, ich soll in mein Land zurück gehen, dabei bin ich hier geboren worden“, erzählt der Stutt­garter dem Tages­spiegel.

Die Ordner schieben Tim aus dem Block

Die Situa­tion eska­liert, der ras­sis­ti­sche Zuschauer schlägt Tim mit der linken Faust ins Gesicht. Der Satz Du gehörst in die Gas­kammer, man sollte dich ver­gasen“, soll durch den Mann gefallen sein. Obwohl das Sta­dion aus­ver­kauft ist, die Plätze und Reihen rund um Tim und seine Freundin alle belegt sind, greift nie­mand ein.

Auf einem Video der Attacke, das dem Tages­spiegel vor­liegt, erkennt man ledig­lich die weib­liche Beglei­tung des ras­sis­ti­schen Zuschauers, die mit großer Mühe ver­sucht ihren Freund zurück­zu­halten. Als schließ­lich drei Ordner ein­treffen, schieben sie Tim – statt ihm zu helfen – aus dem Block. Um den ras­sis­ti­schen Herrn in der Reihe dahinter küm­merte sich keiner“, berichtet der 20-Jäh­rige später.

Nie habe ich weniger Zivil­cou­rage erlebt“

Vor dem Block melden sich drei junge Zeugen bei dem Paar, die sich für mög­liche Aus­sagen bei der Polizei zur Ver­fü­gung stellen. Die Polizei kommt hinzu und nimmt den ras­sis­ti­schen Zuschauer vor­über­ge­hend fest. Nach Angaben der Münchner Polizei han­delt es sich bei dem Mann um einen 27-Jäh­rigen aus dem Thü­ringer Land­kreis Gotha. Ermit­telt wird gegen ihn wegen Kör­per­ver­let­zung und mög­li­cher Volks­ver­het­zung.

So sehr sich Tim über die drei Zuschauer freut, die sich spontan als Zeugen mel­deten, so ent­täuscht ist er vom Rest des Publi­kums. Nie habe ich weniger Zivil­cou­rage erlebt“, sagt Tim und stört sich vor allem daran, dass im Sta­dion zwar theo­re­tisch Tole­ranz gelebt und Dis­kri­mi­nie­rung ver­ur­teilt wird, aber in der Praxis ihnen nie­mand zu Hilfe eilte. 22 Spieler knien sich vor dem Spiel auf den Rasen, um ein Zei­chen gegen Ras­sismus zu setzen, das ganze Sta­dion klatscht und jubelt – und wenn ich bedroht werde, setzt sich nie­mand für uns ein“, sagt der ent­täuschte Fan. Der DFB ver­ur­teilte den Vor­teil in einer Stel­lung­nahme.

Dieser Text erschien zuerst auf Tages​spiegel​.de und wird an dieser Stelle im Rahmen einer Koope­ra­tion ver­öf­fent­licht. 

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