Herr Kiraly, wie gefällt es Ihnen in Mün­chen?

Wir fühlen uns hier sehr wohl.

Hatten Sie schon Zeit für Sight­seeing?

Wir haben uns einige Dinge ange­schaut, aber ich kon­zen­triere mich auf meine Auf­gabe und meine Familie. Ich bin Fuß­ball­spieler, kein Urlauber.



Was wollen Sie mit 1860 in diesem Jahr errei­chen?

Ich denke, unsere Qua­lität ist gut, wir müssen sie nur abrufen, dann können wir im oberen Tabel­len­drittel mit­spielen. Wir müssen kon­stante Leis­tung zeigen, das Pokal­spiel gegen Pader­born, auch das erste Heim­spiel haben wir gut gespielt, dann haben wir zwei Mal schlecht gespielt. Die Kon­stanz muss da sein, Dis­zi­plin und Wille sind ent­schei­dend.

Nach dem dritten Gegentor gegen Karls­ruhe sah man Sie, wie Sie laut­stark mit den Abwehr­spie­lern geschimpft haben. Was hat Sie so geär­gert?

Ich schimpfe nicht. Die Mit­spieler hören mich manchmal nicht wegen der lauten Stim­mung, des­wegen bin ich laut. Ich ärgere mich nur über Situa­tionen, die vorher bespro­chen wurden. Wenn ein Tor fällt, obwohl wir vorher die gleiche Situa­tion bespro­chen haben, ärgert mich das.

Sie werden wahr­schein­lich in jedem Inter­view auf ihre graue Schlab­ber­hose ange­spro­chen. Ist das eigent­lich noch die gleiche wie damals zu Hertha-Zeiten?

Nein, nein, ich benutze jedes Jahr zwi­schen 15 und 20 Stück, der Aus­rüster muss auch je nach Verein ein anderer sein.

Wie viele graue Hosen haben Sie denn im Schrank? Sam­meln Sie die?

Einige sam­mele ich. Die erste ist sozu­sagen die Legende“. Natür­lich ist der Stoff noch sehr gut, aber das Gummi ist mitt­ler­weile kaputt. Die Hose habe ich bei Hertha die ersten zwei Jahre getragen. Wir spielten Cham­pions League, außerdem habe ich 70 Län­der­spiele mit dieser Hose gemacht.

Das heißt, Sie haben alle ihre Län­der­spiele in der glei­chen Hose bestritten?

Ja, das stimmt. Momentan liegt sie noch bei mir zu Hause, aber für mein Sport­zen­trum in Ungarn sam­mele ich Tri­kots von bekannten Spie­lern und dort kommt dann auch diese Hose hin, die Besu­cher können sie sich dann anschauen.

Seit wann tragen Sie nur noch graue Hosen?

Seit 1996. Das war Zufall, damals spielte ich in Ungarn, die Hose hat mir Glück gebracht und ich habe sie behalten. Als ich in der Hose spielte, waren wir acht oder neun Spiele unschlagbar und haben den Klas­sen­er­halt geschafft in der 1. Liga. Nach dem Wechsel nach Berlin wollte ich vom Verein auch eine graue Hose haben, es gab aber keine vom Aus­rüster, nach zwei Monaten kam sie dann. Mit Hertha hatten wir auch viel Erfolg, haben den Klas­sen­er­halt geschafft, in der Cham­pions League die zweite Runde erreicht. Es ist ein­fach zu gut gelaufen mit dieser Hose. Und dann war ich auch noch acht Jahre lang bei der Natio­nal­mann­schaft. Des­wegen spiele ich bis zum Ende meiner Kar­riere in dieser Hose.

Ist es nur die Hose oder sind Sie gene­rell aber­gläu­bisch?

Nein, ich bin mit allen Dingen aber­gläu­bisch, nicht nur mit der Hose. Eine Zeit­lang hat man mir gesagt, es zählt nur die Leis­tung und ich solle diese ganzen kleinen Dinge lassen. Aber dann hatte ich keinen Erfolg und bin immer wieder zurück­ge­kehrt zu den Sachen. Ich bin so ein­ge­stellt.

Von Berlin sind Sie nach Eng­land, haben dort ins­ge­samt bei vier Ver­einen gespielt. Was haben Sie auf der Insel gelernt?

Sehr viel. Man denkt dort anders über den Fuß­ball, es ist eine andere Welt, für mich war es eine andere Situa­tion. Ein Bei­spiel: Am Ende meines ersten Jahres gab es eine Mann­schafts­feier, auf der sich die Crystal-Palace-Fans spe­ziell bei mir bedankt haben, dass ich für ihren Verein im Tor gestanden habe. Ich habe ihnen gesagt, dass es eine Team­ar­beit war, aber sie meinten, nein, nein, das ist unser Verein, für uns bleibt ewig Crystal Palace, des­wegen seien sie auch dem Tor­wart sehr dankbar. Sie haben sich bei jedem Spieler per­sön­lich bedankt.

Was genau ist in Eng­land anders?

In Eng­land zählt die Tra­di­tion, nicht die Per­sonen. Ein Verein bleibt ewig da, ein Zuschauer bleibt sozu­sagen auch ewig, die Spieler aber wech­seln. Die Art mit dem Fuß­ball umzu­gehen ist in Eng­land ganz anders. Dar­über könnte ich ein Buch schreiben. Auch privat, auf der Straße, die Leute sind ganz ruhig, bewegen sich gar nicht aggressiv oder schnell. Die Eng­länder sind sehr offen und ich habe dort viele Freunde gefunden. Die fünf Jahre waren über­ra­gend, obwohl ich vorher ein biss­chen Angst hatte vor dem Schritt, nach Eng­land zu gehen.

In der WM-Qua­li­fi­ka­tion steht Ungarn sen­sa­tio­nell vor Por­tugal und Schweden, der­zeit auf Rang 2. Wollten Sie auch mit Blick auf die WM in Süd­afrika wieder Stamm­keeper bei einem nam­haften Klub werden?

Ich habe meine Kar­riere immer bewusst geplant, das muss man so machen, gerade als Tor­hüter. Die letzten drei Jahre habe ich nicht mehr für die Natio­nal­mann­schaft gespielt, die ersten beiden Jahre war ich die Nummer 1 im Verein, habe trotzdem keine Ein­la­dung bekommen. Ich bin ein großer Fan der unga­ri­schen Natio­nal­mann­schaft, es war ein Wunder, dass ich acht Jahre dort die Nummer 1 geblieben bin. Das ist unglaub­lich und sehr selten. Ich habe 16 Jahre ohne Pause gespielt, musste dann aber im letzten Jahr eine Pause machen, mir neue Kraft und Moti­va­tion holen. Des­wegen bin ich nach Lever­kusen, dort war ich sicher die Nummer 2, konnte mich in Ruhe wieder auf den deut­schen Fuß­ball umstellen. Ich wusste, ich würde zurück­kommen. Leider dauert unsere Kar­riere nur 20 Jahre, nicht 40 oder 50, des­halb müssen wir wirk­lich bewusst leben.

Warum haben Sie sich für 1860 ent­schieden?


Gegen 1860 habe ich damals mit Hertha gespielt, das war eine Super­mann­schaft, Super­fans. In Eng­land habe ich auch den deut­schen Fuß­ball ver­folgt, mir alle Ver­eine ange­schaut. Das ist nun eine neue Her­aus­for­de­rung und auch eine Mög­lich­keit für die Natio­nal­mann­schaft. Unser Natio­nal­trainer Erwin Koeman war in Mün­chen. Er hat mir gesagt, dass ich 70 Spiele für Ungarn gemacht habe und hat mich gefragt, warum ich der Natio­nal­mann­schaft keine Absage erteile. Ich habe ihm gesagt, dass ich nie­mals zurück­trete, ich fahre auch als Zeug­wart oder als dritter Tor­wart mit zur WM. Die Natio­nal­mann­schaft ist die Spitze der Pyra­mide für mich.

Als ich nicht die Nummer 1 war, habe ich bei jedem Spiel vor dem Fern­seher gesessen. Ich war ein rich­tiger Fan. Als junger Spieler hatte ich viele Erfolge, des­wegen hatte ich mit 30 keinen Druck mehr. Ich will mich auch bei der Natio­nal­mann­schaft bedanken und etwas zurück­geben von dem, was ich bekommen habe. Mein Hobby ist mein Leben geworden. Ich habe alles mit Freude und Spaß getan, werde nie­mals belei­digt sein. In Burnley hatte ich Super­jahre, wurde immer respek­tiert und gut behan­delt. Egal ob erste oder zweite Liga: Wir sind Fuß­ball­spieler und müssen uns der Situa­tion anpassen.

Wollten Sie eigent­lich schon immer Tor­hüter werden oder haben Sie in der Jugend auch im Feld gespielt? Gab es ein Vor­bild?

Mein Vater war 19 Jahre lang Profi, seit ich drei Jahre alt war, war ich mit meiner Mutti bei jedem Trai­ning, nach dem Trai­ning haben wir auf dem Platz gespielt. Da war man natür­lich sofort begeis­tert. Der dama­lige Tor­wart, Peter Hegedüs, hat den Lat­ten­wurf und auch sonst viele Faxen gemacht.

Sie haben den Abwurf an die eigene Latte ange­spro­chen – haben Sie schon mit Ewald Lienen gespro­chen, ob sie den mal im Spiel bringen dürfen?

Ach, den habe ich lange nicht mehr gemacht. Ich kon­zen­triere mich jetzt auf meine Auf­gabe. Wenn man jung ist, denkt man immer an Risiko und noch mehr Risiko. Ich habe den Lat­ten­wurf so oft geübt. Das haben damals aber die Medien hoch­ge­bauscht, ich wollte das eigent­lich nie im Spiel machen. Ich habe nur erzählt, dass Hegedüs das damals bei meinem ersten Verein Haladás gemacht hat, als ich klein war. Am nächsten Tag stand in der Zei­tung, dass ich den Ball an die eigene Latte werfen will. Dann habe ich es gelassen. Man kann das sowieso nicht vor­be­reiten, wenn ich will, mache ich es sowieso.

Ihr Vater war aber kein Tor­wart?

Nein, der war Stürmer und hat seine Kar­riere als Libero beendet. Er war sehr gut, weil er wusste, wie die Stürmer denken.

Letzte Frage: Sie sind 33 – wie lange wollen Sie noch aktiv im Tor stehen?

Mit 21 habe ich gesagt, dass ich mit 30 zurück nach Ungarn gehen will. Aber jetzt plane ich noch fünf Jahre im Aus­land und dann natür­lich noch eine Zeit in Ungarn. Alles ist mög­lich. Seit ich fünf bin, spiele ich Fuß­ball und trai­niere regel­mäßig. Ich habe den Fuß­ball im Blut, des­wegen habe ich auch schon mein Sport­zen­trum in meinem Geburtsort Szom­ba­thely auf­ge­baut. Seit sechs Jahren gibt es das nun schon. Der Geruch des Rasens ist wie eine Droge für mich, eine posi­tive Droge. Des­wegen will ich auch nach der Kar­riere in der Nähe des Rasens sein… Es gibt ein langes Leben nach der Kar­riere, ich will nicht mit 42 im Roll­stuhl sitzen.