Nicht zum Abschluss der Bun­des­li­ga­saison, son­dern im 32. Spiel noch ein 2:0‑Sieg gegen den 1. FC Nürn­berg. Keine Lauf­kund­schaft. Eine Mann­schaft, die gegen­halten kann. Aber wieder eine Mann­schaft, die aus­ge­spielt und aus­ge­kämpft wurde. Damit wurde der Titel zemen­tiert. Mit einem eigenen Erfolg. In Würde.

Borussia Dort­mund ist ein Meister, der sich die Schale ver­dient hat. Nicht nur, weil der BVB mehr Punkte für sein Konto sam­meln konnte als all die anderen Klubs, als der stän­dige Favorit, als all die Dau­er­am­bi­tio­nierten mit den prall gefüllten Börsen. Punkte, klar, sie können auch auf dem Teu­er­markt Star für Star zusam­men­ge­kauft werden. Sie können zusam­men­ge­mauert und zusam­men­ge­scha­chert werden. Sie können mit kaltem, mit berech­nendem, mit häss­li­chem Fuß­ball den Geg­nern abge­rungen, abge­zwungen werden. Am Ende gibt es dann eine Feier. Und gefeiert wird: der pure Erfolg.

Der BVB ist eine Gemein­schaft

Der Titel der Dort­munder Borussia aber ver­fügt über Strahl­kraft. Und nie­mand, der sich nicht selbst die Augen mit dem Ver­eins­schal ver­bunden hat, wird sich dieser Strahl­kraft ent­ziehen können. Die Mann­schaft in Schwarz und Gelb spielt mit­rei­ßenden, weil lei­den­schaft­li­chen Fuß­ball. Sie spielt begeis­ternd, weil drauf­gän­ge­risch. Sie behält die Kon­trolle, aber das tak­ti­sche Kor­sett schnürte ihr nicht Freude und Inspi­ra­tion ab. Und sie ist eine Gemein­schaft.

Gab es Momente, in denen Borussia Dort­mund nicht auf dem Rasen leuch­tete, son­dern in den Schlag­zeilen gewit­terte? Selten. Wenn Jürgen Klopp auf­drehte. Der Kloppo. Eine wilde Mischung aus ein­fühl­samer Päd­agogik, fuß­bal­le­ri­scher Kom­pe­tenz, stra­te­gi­scher Intel­li­genz und unver­stelltem Gefühl. Natür­lich konnte dieser Trainer nicht durch ein gewal­tiges Spiel­zeit­la­by­rinth hetzen, ohne hier und da anzu­ecken. Wenn er sich auf­regte, war das aller­dings: emp­fun­dene Auf­re­gung. Nicht vor­ge­kas­perte. Und wenn er selbst spürte, dass er zu heftig unter­wegs gewesen war, dann demons­trierte er ein im Geschäfts­be­reich der Supe­r­egos nicht zu unter­schät­zendes Talent: Klopp kann bedauern.

Händ­chen“ und Glück“

Und ansonsten? Ansonsten hat sich der BVB nach der fatalen Depres­sion, nach der Bei­nahe-Insol­venz 2005 nicht rund­erneuert. Der Cham­pions-League-Sieger und Welt­po­kal­ge­winner von 1997 hat sich auf dem Fun­da­ment der unzer­stör­baren Tra­di­tion neu errichtet. 2011 arbeitet der Verein unter einem Pro­gramm, das Prä­si­dent Rein­hard Rau­ball, Geschäfts­führer Hans-Joa­chim Watzke und Sport­di­rektor Michael Zorc in und nach den schlimmen Tagen selbst geschrieben haben. Das Wirt­schafts­pro­gramm lässt sich zusam­men­fassen: Erst retten, dann kon­so­li­dieren, dann mit genau abge­mes­senen Schritten die Lage weiter ver­bes­sern. Das sport­liche Pro­gramm hängt mit dem wirt­schaft­li­chen zusammen. An seiner Rea­li­sie­rung sind aller­dings die weniger kal­ku­lier­baren Größen Händ­chen“ und Glück“ stärker betei­ligt.

Wenn das Fest gerade durch die Adern rauscht, macht wahr­schein­lich nichts weniger Spaß, als das Erfolgs­puzzle wieder aus­ein­ander zu pflü­cken und die ein­zelnen Teile zu begut­achten. Die ein­zelnen Teile sind es aber, die den Fest­rausch ermög­licht haben. Mit Händ­chen“ und Glück“ wurde ein Shinji Kagawa aus dem Welt­spie­ler­meer gefischt. Für den eigenen Nach­wuchs wurden im BVB-Haus sinn­volle Struk­turen gezim­mert, die den Weg zur höheren Etage erleich­tern. Und dass sich (jetzt) heiß begehrte Profis für Dort­mund ent­scheiden, lang­fristig, hat damit zu tun, dass die öko­no­mi­sche Basis ihnen solide erscheint, dass sie sich wohl fühlen in einer Atmo­sphäre, die erzeugt werden muss, dass sie eine Per­spek­tive erkennen, eine reiz­volle.

Den Titel 2010/2011 hat sich der BVB also orga­ni­siert. Einer­seits. Wer nach­wiegen möchte, wie schwer diese Orga­ni­sa­tion gewesen sein muss, sollte andere Klubs zum Ver­gleich her­an­ziehen. Den rei­chen FC Bayern Mün­chen mit seinem selbst­ge­fäl­ligen und selbst­süch­tigen Bohei. Den betuchten und dau­er­ge­stressten Ham­burger SV. Was diesen Titel für die Borussia so wert­voll macht, ist aber ande­rer­seits: Er wurde trotz der vor­bild­li­chen Orga­ni­sa­tion gegen jede Chance erspielt. Dieser Titel war ja gar nicht erwartet worden. Er konnte ja gar nicht erwartet werden. Eine unglaub­lich junge und talen­tierte Mann­schaft hat unter beru­higter und cle­verer Füh­rung diesen Tri­umph für den Klub, für seine Fans, für Dort­mund, für das Revier auf letzt­lich ver­blüf­fende und des­halb irgendwie auch magi­sche Art und Weise besorgt.

Muss man gra­tu­lieren? Nein. Aber: man sollte. Es ist noch reich­lich Zeit. Zwei Spiel­tage stehen ja noch an.