Eigent­lich ist diesem Hector Bel­lerin eine eher defen­sive Rolle zuge­dacht. Sein Job ist der des rechten Außen­ver­tei­di­gers beim FC Arsenal. Und Coach Unai Emery ver­langt zunächst einmal eines von Bel­lerin: dass die rechte Seite dicht ist. Abseits des Rasens aber befindet sich der 23-Jäh­rige schon seit Jahren in der Dauer-Offen­sive. Egal ob Kli­ma­wandel, Homo­phobie, Plas­tik­müll, Ras­sismus oder Brexit: Dem Spa­nier, der 2011 als 16-Jäh­riger aus der Barca-Jugend zu den Gun­ners“ wech­selte, ist kein gesell­schaft­li­ches Thema zu heiß. Vor einigen Tagen pos­tete Bel­lerin ein Foto von sich auf einem städ­ti­schen Lon­doner Leih-Fahrrad (land­läufig: Boris-Bike“). Dazu schrieb er an die Adresse des pro­mi­nenten Brexit-Befür­wor­ters Boris Johnson, der Draht­esel sei der ein­zige Boris, den ich mag“.

Debat­tier­freu­diger Bel­lerin

Der dar­auf­fol­gende Shit­s­torm war fürch­ter­lich: Was dieser Kon­ti­nental-Euro­päer sich ein­bilde, in ur-eng­li­sche Ange­le­gen­heiten hinein zu funken, ätzte einer der Kom­men­ta­toren. Ein anderer befand: Leider haben wir in der Schlacht von Tra­falgar nicht alle Spa­nier ver­senkt.“ Doch Bel­lerin erträgt den Hass, den er für seine kon­tro­versen Posts und Inter­views erntet, nicht nur tapfer. Er scheint diese Kon­fron­ta­tion mit dem Main­stream regel­recht zu suchen – nicht aus Spaß am Pro­vo­zieren, son­dern aus Lust am Ver­än­dern: Wenn wir nicht bereit sind, uns mit bestimmten Dingen argu­men­tativ aus­ein­an­der­zu­setzen“, sagt er, wird diese Welt nie­mals besser werden.“ Und den Brexit, von der Mehr­heit der Briten gewollt, findet Bel­lerin nun mal falsch – noch dazu in einer Zeit, in der Europa doch zusam­men­wachsen sollte.

Viel­leicht liegt es ja an seiner Her­kunft. Hector Bel­lerin stammt aus Kata­lo­nien – aus jener nach Unab­hän­gig­keit stre­benden Region in Nord­spa­nien, in der alles irgendwie poli­tisch ist. Auch und gerade der Fuß­ball. Wer dort in einer Bar sitzt und mit Ein­hei­mi­schen über Barca plau­dert, muss keine fünf Minuten warten, bis die Politik ins Spiel kommt. Dann ist von denen in Madrid“ die Rede. Von der Franco-Dik­tatur. Von poli­tisch ver­ord­neten Siegen für die Haupt­stadt“. Von der Arro­ganz der Zen­tral­re­gie­rung“, von der Benach­tei­li­gung Kata­lo­niens“, von Unter­drü­ckung“ und Frei­heit“. Dieses debat­tier­freu­dige Umfeld hat Hector Bel­lerin geprägt. Er hat früh gelernt, seine eigene Mei­nung zu äußern – auch und vor allem zu bri­santen Themen.

Nicht am Besitz gemessen

Wir Fuß­baller haben eine Platt­form, die wir nutzen müssen, um für eine bes­sere Welt zu kämpfen“, findet der Polit-Profi. Gerade wir sind es, die unsere expo­nierte Stel­lung nutzen und bestimmte Themen nicht nur anspre­chen, son­dern gera­dezu her­aus­schreien sollte, damit wir als Gesell­schaft uns weiter ent­wi­ckeln.“ Es sei doch kein befrie­di­gendes Leben, daheim zu sitzen und sein Geld und seine Autos zu zählen, pflegt Hector Bel­lerin zu pre­digen. Am Ende werde man nicht danach beur­teilt, wie viel man besitze, son­dern nach dem, was man für die Welt getan habe. Und Pro­bleme gibt es eben genug: Fein­staub und Treib­haus­gase, Into­le­ranz, poli­ti­sche Feind­se­lig­keiten, Armut, Hunger. Und natür­lich den bedroh­li­chen Plas­tik­tüten-Tep­pich auf den Welt­meeren: Wenn ich heute die ver­müllte Küste vor Bar­ce­lona sehe, die ich als Kind so geliebt habe, finde ich das traurig für kom­mende Genera­tionen“, sagt er.