Dieser Text ist ein Auszug aus großem Por­trät über den VfB-Phy­sio­the­ra­peuten Ger­hard Wörn, das im aktu­ellen 11FREUNDE-Sonderheft#226 zur Bun­des­liga-Saison 2020/21 erschienen ist. 

Er war ein junger Wilder, lange bevor der Begriff beim VfB die Runde machte. Als die Stutt­garter 1975 erst­mals in der Liga­his­torie abstiegen, mussten der Klub umbauen, und aus der A‑Jugend, die gerade Deut­scher Meister geworden war, stießen Talente wie Karl­heinz Förster oder Hansi Müller zu den Profis. Die meisten Par­tien von den Jung­spunden in der Saison 1975/76 absol­vierte jedoch der 18-jäh­rige Ger­hard Wörn.

Ein feiner Tech­niker, sagen Weg­be­gleiter, einer der ebenso viel, wenn nicht mehr Finesse mit­brachte wie der junge Müller. In 21 Spielen hatte Wörn 19 Mal in der Startelf gestanden, der fast gleich­alt­rige Müller nur halb so oft. Doch wie begabte, junge Leute eben sind. Gesegnet mit viel Talent, gehen sie auch groß­zügig damit um. Als Jürgen Sun­dermann zur Spiel­zeit 76/77 das Zweit­li­ga­team über­nahm und den Ver­jün­gungs­kurs inten­si­vierte, geriet Wörn aus dem Blick­feld. Womög­lich war sein Ball­ge­fühl doch größer als sein Ehr­geiz. Ger­hard, hör auf zu schnip­peln“, soll Sun­dermann ihn im Trai­ning oft zur Ord­nung gerufen haben, spiel grad­linig.“

Das Leben hatte andere Pläne mit mir“

Als der VfB voller Verve in die Bun­des­liga zurück­kehrte, wurde der Hoff­nungs­träger zur zweiten Mann­schaft ver­setzt – und kehrte nie mehr in den bezahlten Fuß­ball zurück. Als Wörn mit den Schwaben 1980 Ama­teur­meister wurde, kamen Ange­bote vom 1. FC Köln und aus Aachen. Doch der Schnauz­bart­träger aus dem Land­kreis Böb­lingen mochte nicht weg aus dem Ländle. Er machte eine Aus­bil­dung zum Phy­sio­the­ra­peuten, fing als Mas­seur in der Klinik am Eichert in Göp­pingen an und kickte nebenher noch bis 1990 beim ört­li­chen Ober­li­gisten. Das Leben hatte andere Pläne mit mir“, sagt er.

Zur Saison 1990/91 holte ihn der VfB in neuer Rolle zurück zum Pro­fi­kader. Der berühm­teste Mas­seur im deut­schen Fuß­ball hieß damals Her­mann Rieger. Der ehe­ma­lige Ski­lehrer prägte beim HSV mit Eis­spray, Eimer und Schwamm das Image des wet­zenden Mus­kel­kne­ters. Einen Physio aber, der selbst mal auf dem Sprung zum Spit­zen­spieler gewesen war, hatte es in der Liga noch nicht gegeben. Einer, der sich dank seiner Erfah­rung in die Psyche der Profis ein­fühlen konnte. Dem es nicht nur um Mas­sage ging, son­dern der einen ganz­heit­li­chen Ansatz ver­folgte und ange­schla­gene Spieler durch sämt­liche Phasen der Reha begleiten wollte. Einer, der ein Phlegma erkannte, weil er es selbst als Aktiver gehabt hatte. Der genau wusste, wann ein Rekon­va­les­zent Ansprache braucht und wann es besser ist, nichts zu sagen.

Die Rück­kehr nach Hause

Wörn war zehn Jahre weg gewesen, doch es muss sich für ihn ange­fühlt haben, als käme er nach Hause. Prä­si­dent war wie zu Zweit­li­ga­zeiten Ger­hard Mayer-Vor­felder. Manager der ehe­ma­lige Team­kol­lege Dieter Hoeneß und auf der Bank saß Willi Enten­mann, mit dem er 1975 eben­falls noch zusam­men­ge­spielt hatte. Es gab noch mehr dieses spe­zi­elle Gefühl, das das Leben in einem Verein aus­macht“, erin­nert sich Wörn, auf der Geschäfts­stelle arbei­teten nur ein paar Leute. Wenn ich mor­gens kam, gab es mit jedem ein kurzes Hallo, man hielt sich gegen­seitig auf dem Lau­fenden, heute ist es viel weniger über­schaubar und dadurch unper­sön­li­cher.“