Schiff­bruch ist halt immer. Heute geht es um das Mann­schafts­hotel in Süd­afrika. Eine aus­län­di­sche Zei­tung meldet, das Quar­tier des Natio­nal­teams sei nicht sicher. Mög­lich, dass die Agen­turen das Thema auf­greifen. Harald Stenger sitzt in einem Eck­büro in der Frank­furter DFB-Zen­trale und blickt so gar nicht beun­ru­higt auf seinen Bild­schirm. An den Wänden Wer­be­pla­kate für Län­der­spiele frü­herer Jahre, eine Kari­katur von Charlie Chaplin und ein paar Fuß­ball­tri­kots, deren ide­ellen Wert der Pres­se­chef nur selbst kennt. Stenger flachst mit der Dame im Vor­zimmer, gibt iro­nisch den schnodd­rigen Chef. Man ist immer noch per Sie.



Beim Schreiben der Pres­se­mit­tei­lung zur Hotel­pro­ble­matik spricht er den Text laut mit. Es fällt ihm leicht. Was er dort am Rechner macht, erin­nert vom Prinzip her an die Auf­ga­ben­stel­lung beim Com­pu­ter­spiel Tetris“ – aller­dings mit Worten. Stenger gießt ein ver­bales Ant­wort­fun­da­ment auf mög­liche offene Fragen und umschifft geschickt Uneben­heiten und Miss­ver­ständ­nisse. Tak­ti­sche Ver­satz­stücke, Euphe­mismen, juris­tisch ein­wand­frei: „… wir gehen fest davon aus, dass in allen Punkten die Unklar­heiten mög­lichst schnell besei­tigt werden …“ Außer­halb des Pro­to­kolls rutscht ihm eine süf­fi­sante Bemer­kung über die offi­zi­elle Rei­se­agentur der FIFA heraus. Und schon jetzt weiß der DFB-Medi­en­di­rektor: Die Sache wird sich schnell abkühlen.“ Ein Frei­tag­vor­mittag in der Otto-Fleck-Schneise.

Ohne Gelas­sen­heit geht es im Vor­feld einer Welt­meis­ter­schaft eben nicht. Es ist die Zeit, in der Waden­ver­här­tungen zu natio­nalen Tra­gö­dien werden und Aus­wahl­spie­lern, die mit dem fal­schen Bein zuerst auf­stehen, plötz­lich dia­bo­li­sche Cha­rak­ter­ei­gen­schaften nach­ge­sagt werden. Harald Stenger ist der Mann, der dafür sorgt, dass die über­di­men­sio­nale öffent­liche Wahr­neh­mung des Kul­tur­gutes Natio­nalelf“ nicht ins Sur­reale abgleitet. Ein Cleaner. Einer, der dem Schieß­pulver des Bou­le­vards etwas von seiner ver­let­zenden Wir­kung nimmt, ohne es unbrauchbar zu machen.

WM 1974: Im feu­er­roten Opel Manta ins Ruhr­ge­biet

Stenger hat die Defor­ma­tion des Fuß­balls zum durch­kom­mer­zia­li­sierten Busi­ness in jeder neuen Schat­tie­rung mit­er­lebt. Alles hat sich ver­än­dert, seit der heute 59-Jäh­rige als Jungre­dak­teur der Frank­furter Rund­schau“ von der WM 1974 berich­tete. Damals brauste der Hesse mit seinem feu­er­roten Opel Manta ins Ruhr­ge­biet, um unter anderem über das hol­län­di­sche Team zu schreiben. Mit einer Hand­voll Kol­legen erlebte er vor der Sport­schule Kai­serau das Ein­treffen des deut­schen Mann­schafts­busses nach der Nie­der­lage gegen die DDR. Als sich die Tür öff­nete, wankte als Erster ein DFB-Spit­zen­funk­tionär heraus, für den der Tag offen­kundig schon feucht-fröh­lich begonnen hatte. Die mediale Nach­be­trach­tung des Vor­falls fiel aus – nie­mand schrieb oder zeigte etwas, weil es damals nicht so wichtig erschien.

Suk­zes­sive ver­grö­ßerte sich die Distanz zwi­schen Spie­lern und Jour­na­listen: Bei der WM 1982 in Spa­nien wurde der Pres­se­tross im deut­schen Lager noch unge­fil­tert Zeuge des aus­ge­tra­genen Dis­puts zwi­schen Uli Stie­like und Karl-Heinz Rum­me­nigge nach dem Ban­kett im Hotel. Als Stenger DFB-Prä­si­dent Her­mann Neu­berger in Rom vor dem WM-Tri­umph 1990 im Hotel inter­viewte, tütete nebenbei dessen Gattin noch eigen­händig Auto­gramm­karten der Natio­nal­mann­schaft mit Briefen an Freunde des Ver­bandes ein. Doch 1990 mar­kierte eine Zei­ten­wende im Jour­na­lismus. Erst­mals durften die Reporter nicht mehr ohne Erlaubnis ins Mann­schafts­hotel. Eine Ent­wick­lung, die 1986 in Mexiko begonnen hatte, als durch die Erfin­dung des Fax die Eli­te­ki­cker plötz­lich in der Lage waren, Nega­tiv­mel­dungen von der Hei­mat­front auch in der Ferne zu lesen.

Stenger erlebte hautnah, wie an die Stelle der reinen Spiel­nach­lese all­mäh­lich eine Kom­ple­men­tär­be­richt­erstat­tung trat. Nicht mehr das Match selbst, son­dern das Drum­herum geriet in den Fokus der Wahr­neh­mung. Die Ran“-Generation machte den Fuß­ball zur Show. Und Stenger mischte mit. Als gern gese­hener Kri­tiker nahm er regel­mäßig in einem der roten Sessel in der DSF-Talk­runde Dop­pel­pass“ Platz, bis er im Sommer 2001 nach mehr als 31 Jahren seinen Job bei der Rund­schau“ an den Nagel hängte.

Kenner der Ama­teur­szene

Jahr­zehn­te­lang hatte er sich als Reporter bei Län­der­spielen, in Bun­des­li­ga­sta­dien, aber auch als Kenner der Ama­teur­szene auf den hes­si­schen Pro­vinz­plätzen her­um­ge­trieben. Er war der ein­zige Sport­be­rich­ter­erstatter, der 1977 am Frank­furter Flug­hafen auf die Rück­kehr der Landshut“ war­tete: Der ehe­ma­lige Prä­si­dent der Offen­ba­cher Kickers, Horst-Gre­gorio Canellas, war an Bord der von Ter­ro­risten ent­führten Luft­han­sa­ma­schine und fiel dem war­tenden Jour­na­listen nach dem Aus­stieg erleich­tert in die Arme.

Einen späten Scoop lan­dete er am Abend des 8. Sep­tember 1998, als die TV-Jour­na­listen von der DFB-Zen­trale abrückten, weil sie die Hoff­nung auf­ge­geben hatten, noch den Namen des neuen Bun­des­trai­ners zu erfahren. Der­weil druckte die FR“ bereits Sten­gers Recher­che­er­gebnis, dass Erich Rib­beck inthro­ni­siert würde. Schmun­zelnd ver­weist er bis heute darauf, dass ein guter Jour­na­list seinen Infor­manten nie­mals preis­gibt.


Am 1. Juli 2001 wech­selte Harald Stenger die Seiten. Nicht nur Jens Jere­mies und Dietmar Hamann staunten nicht schlecht, wer da als neuer Medi­en­di­rektor des DFB vor­ge­stellt wurde. Das war doch, Moment mal, aber ja: der Kol­lege, der sonn­tags im Dop­pel­pass“ den Bun­des­li­ga­prot­ago­nisten im hes­si­schen Idiom gern mal einen mitgab. Und aus­ge­rechnet der sollte ihnen zukünftig bei den Medien den Rücken frei­halten? Die beiden Aus­wahl­ki­cker emp­fingen Stenger mit einer satten Por­tion Miss­trauen zur ersten Län­der­spiel­reise: Hast du im TV nicht oft schlecht über uns geredet?“

Fuß­baller neigen im Zeit­alter der Kom­mer­zia­li­sie­rung zur Dünn­häu­tig­keit. Jedes Wort wird auf die Gold­waage gelegt, jeder Fehl­tritt öffent­lich ver­han­delt. Kein Wunder, dass Sten­gers Grenz­gang aus der Zei­tungs­re­dak­tion in die DFB-Zen­trale man­chem ver­dächtig erschien. An der breiten Brust des Mannes aus Frank­furt-Born­heim aber prallte das Miss­trauen ab. Der Ver­band befand sich 2001 nicht unbe­dingt auf dem Zenit seines Ruhms. Stenger war als Mittler gekommen, und er tat von Anfang an, was man von ihm erwar­tete: Er kochte die Hitze runter, so weit es mög­lich war.

1:5 gegen Eng­land – Mund abputzen, weiter

1:5 ging das Team bei seinem ersten Ein­satz als Medi­en­chef bei einem Län­der­spiel in Deutsch­land unter – in der WM-Qua­li­fi­ka­tion gegen Eng­land in Mün­chen. Doch auch für Pres­se­spre­cher gilt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und an diesem 1. Sep­tember 2001 war diese Weis­heit aus­nahms­weise eine tröst­liche. Mund abputzen, weiter. Sten­gers beson­nene Medi­en­ar­beit, die sach­lich geführten Pres­se­kon­fe­renzen, die Defi­ni­tion seines Jobs unter Dienst­leis­tungs­maß­stäben schufen schnell Ver­trauen – auch in den eigenen Reihen. Als am 14. November 2001 Deutsch­land im Ent­schei­dungs­spiel über die Ukraine 4:1 tri­um­phierte und das WM-Ticket löste, waren die Spieler und ihr Schat­ten­mann längst eine ver­schwo­rene Ein­heit. Bei einem Glas Wein nach dem über­stan­denen Trom­mel­feuer durch die Bou­le­vard­me­dien hatten auch Hamann und Jere­mies die Skepsis abge­legt: Harry, jetzt biste einer von uns.“

Im Pri­vat­leben war er lange Jahre im Kir­chen­vor­stand enga­giert. Bei Frei­zeiten machte er Jugend­liche für Berg­touren fit, oft ging es hoch auf über 4000 Meter. Orga­ni­sa­tion und Team­work gingen ihm in Fleisch und Blut über, denn da oben muss man sich auf­ein­ander ver­lassen können. Der Medi­en­di­rektor lernte ent­spre­chend schnell umzu­gehen mit den Eigen­heiten der Natio­nal­spieler, über die er sagt: Die Spieler sind sen­si­bler geworden, weil sie wissen, wie Geschichten aus ihren Aus­sagen gemacht werden.“

Für Stenger ver­schob der Kicker“ sogar seinen Druck­termin

Michael Bal­lack ist bekannt dafür, dass er beim DFB-Team jedes seiner gedruckten Inter­views gemeinsam mit Stenger noch einmal per­sön­lich mit Argus­augen gegen­liest. Ein Redak­teur einer großen Tages­zei­tung ließ einmal sogar über den Pres­se­spre­cher nach einer Frei­gabe aus­richten: Wenn der Bal­lack seine Kar­riere beendet, kann er bei uns gerne als Redak­teur anfangen, durch seine Ände­rungen ist das Inter­view besser geworden.“ Jens Leh­mann, der auf Nach­frage gern Klar­text sprach, setzte in der Auto­ri­sie­rung gerne das Skal­pell an. Für ihn ver­schob der Kicker“ einst sogar seinen Druck­termin. An diesem Tag stand Harald Stenger beim Trai­ning hinter Leh­manns Tor und war­tete bis zum letzten Schuss, um noch auf dem Rasen mit der dama­ligen Nummer zwei dem Manu­skript den letzten Schliff zu ver­passen. Oder Philipp Lahm, der im Herbst 2009 auf Län­der­spiel­reise plötz­lich zu Stenger sagte: Nimm dir nachher mal für andert­halb Stunden nichts vor.“

Die Frei­gabe für das Gespräch mit der Süd­deut­schen Zei­tung“ – mit einem Rück­blick auf die Tur­bu­lenzen beim FC Bayern – bescherte beiden Schwerst­ar­beit. Es wurde dis­ku­tiert, gefeilt, gestri­chen, ergänzt oder prä­zi­siert. Doch der Spieler wollte bewusst das eine oder andere Kri­ti­sche über die Situa­tion bei seinem Klub sagen. Stenger machte Lahm auf mög­liche Folgen seiner Aus­sagen auf­merksam, ver­hin­derte aber keines seiner State­ments: Ich ver­trete die Inter­essen der Mann­schaft und Spieler, ohne den jour­na­lis­ti­schen Blick außer Acht zu lassen. Auto­ri­sieren kann nicht Zen­sieren bedeuten. Am Ende muss immer der Spieler wissen, was er sagt und ganz bewusst öffent­lich machen will. Natür­lich darf es nie belei­digen oder dif­fa­mieren.“


Eine unver­gess­liche Peti­tesse in Sten­gers Amts­zeit wird der 6. Sep­tember 2003 bleiben. Beim Vor­bei­gehen am ARD-Studio in Island machte er sich gar keine Gedanken, als er Team­chef Rudi Völler mit Wal­demar Hart­mann schimpfen hörte. Aus­raster in der Öffent­lich­keit kamen bei Ruuuuuudi“ nicht vor. Stenger nahm an, dass das Live-Inter­view noch nicht begonnen hatte und der Team­chef vorab mit der Duz-Maschine der ARD im Clinch lag. Vor­sichts­halber schaute er aber ins Studio und stellte ver­wun­dert fest, dass das rote Lämp­chen vorne an der Kamera bereits leuch­tete. Jemand flüs­terte, er solle dazwi­schen gehen und die Schimpf­ka­no­nade des Team­chefs beenden. Stenger ent­schied anders und hörte dann aus nächster Nähe Völ­lers Hin­weis, Hart­mann habe vor der Sen­dung drei Wei­zen­bier getrunken. Stenger: Rudi lebt als Everybody’s Dar­ling. Im Nach­hinein war es aber durchaus gut für ihn, mal zu zeigen, dass das auch Grenzen hat und er klar Posi­tion beziehen kann, wenn er sich fach­lich unge­recht beur­teilt fühlt.“

Über­haupt ist das Ver­hältnis des Pres­se­spre­chers zu den ver­schie­denen Übungs­lei­tern der Natio­nal­mann­schaft seit jeher von einem boden­stän­digen Umgang mit­ein­ander geprägt. Womög­lich liegt es daran, dass der Stein­metz­sohn in seiner Amts­zeit aus­schließ­lich mit Hand­wer­ker­söhnen zu tun hatte: dem Spross eines Dre­hers, Rudi Völler, dem Bäcker­kind Jürgen Klins­mann und Jogi Löw, dessen Vater Ofen­setzer war. Zumin­dest was das Wer­te­ver­ständnis betrifft, gab es Par­al­lelen, die bei allen Höhen und Tiefen letzt­lich in gegen­sei­tiger Sym­pa­thie mün­deten.

Spä­tes­tens als Neben­dar­steller in Sönke Wort­manns Som­mer­mär­chen“ bekam auch der PR-Boss vor vier Jahren seinen Platz in den Geschichts­bü­chern des DFB. Das Tur­nier defi­nierte die gesell­schaft­liche Wahr­neh­mung des Teams neu: Als Stenger vor dem Vier­tel­fi­nal­spiel gegen Argen­ti­nien 700 Jour­na­listen bei der Pres­se­kon­fe­renz begrüßen konnte, hatte die DFB-Aus­wahl eine neue Stufe ihrer Popu­la­rität erreicht. Für ihn kein Grund, sich von alten Gewohn­heiten zu ver­ab­schieden. Ein eisernes Gesetz, das Stenger auch in den epo­chalen Tagen des Hei­mat­tur­niers nie brach: genug Schlaf.

Sie gucken immer so ernst, Herr Stenger“

Wäh­rend der WM 2006 machte er es sich zur Regel, den Tag um 7 Uhr mit einem Früh­stück zu beginnen und, zumin­dest wenn das DFB-Team nicht spielte, spä­tes­tens um 20.30 Uhr als Sauna-Freak zwei, drei Gänge zu schwitzen. Die zweite Halb­zeit des Abend­spiels erlebte er dann bei einem Glas Wein vor dem Fern­seher und ging anschlie­ßend ins Bett. So will er es auch in Süd­afrika halten – wenn­gleich er ahnt, dass auf dem schwarzen Kon­ti­nent weitaus mehr Impro­vi­sa­tion gefragt sein wird als zuletzt in Deutsch­land.

Sie gucken immer so ernst, Herr Stenger“, sagte ein Kol­lege mal zu ihm. Nicht ernst,“ ant­wor­tete der stäm­mige Hesse, kon­zen­triert.“ Im Januar 2010 bekam Harald Stenger von der DFB-Spitze mit­ge­teilt, dass der Ver­band die Medi­en­di­rek­tion neu ordnen will und dies somit seine letzte WM als Pres­se­chef sei. Insider ver­muten die Intrige einiger Funk­tio­näre, die Pro­bleme mit Sten­gers mit­unter prin­zi­pi­en­treuer Gerad­li­nig­keit hätten.

Nur durch die Über­zeu­gungs­ar­beit von Jogi Löw und Oliver Bier­hoff bei den DFB-Granden – so wird kol­por­tiert – gelang es, dass Stenger in Süd­afrika noch dabei und für das Natio­nal­team zuständig ist. Jeden Tag wird er also auch von dort mit­tags gegen 12.30 Uhr ein, zwei Natio­nal­spieler bei der täg­li­chen WM-Pres­se­kon­fe­renz der deut­schen Öffent­lich­keit prä­sen­tieren. Was nach dem Tur­nier pas­siert, ist offen. Stenger ist ent­täuscht über die Ent­wick­lung, sieht’s aber gelassen. Ein biss­chen Schiff­bruch ist halt immer.