Am Samstag erschien im Spiegel“ ein Inter­view, in dem Bene­dikt Höwedes seinen Rück­tritt vom Pro­fi­fuß­ball ver­kün­dete. Das Auf­ma­cher­foto prä­sen­tierte den Ex-Schalker unter glei­ßendem Flut­licht auf dem Platz seiner Jugend in Hal­tern am See. Ein alternder Profi, der seine Fuß­ball­schuhe in der Hand trägt und nach­denk­lich auf den Rasen seiner Kind­heit blickt. Kein Sieger mehr, ein Gezeich­neter.

Das Gespräch spie­gelte den ersten Ein­druck wider. Höwedes spricht über die Mühlen des Pro­fi­ge­schäfts. Den bizarren Luxus, mit dem er nie etwas anfangen konnte. Den Ver­fall von Werten, an die er fest geglaubt habe. Die ständig größer wer­dende Distanz zwi­schen treuen Anhän­gern und Klubs. Der Fuß­ball hat sich brutal ent­wi­ckelt“, sagt er. Er beklagt sich über seinen Her­zens­klub Schalke, für den er sich jah­re­lang krumm gemacht hatte, sich in seiner letzten Saison im Pott sogar ständig fit­spritzen ließ, um dann mit­zu­er­leben, wie der neue Coach, Dome­nico Tedesco, ihn sang- und klanglos aus­mus­terte.

Das Inter­view eröffnet einen intimen Blick hinter die schil­lernde Fas­sade des Fuß­balls, wo ein stän­diges Aus­le­se­ver­fahren tobt, dem früher oder später selbst große Stars und Welt­meister, Helden dieses Spiels, zum Opfer fallen. Höwedes ist 32 Jahre alt und hat genug. Im Urlaub in Süd­frank­reich am Steuer seines Cam­ping­busses, sagt er, sei er zur Erkenntnis gelangt, dass der Fuß­ball ihm inzwi­schen viel weniger wichtig sei als das Leben mit seinem 21 Monate alten Sohn.

Mer­te­sa­cker war am Kar­rie­re­ende von einer Last befreit

Zwei Wochen zuvor hatte bereits André Schürrle – noch ein Welt­meister von 2014 – im Spiegel“ sein Kar­rie­re­ende öffent­lich gemacht. Auch seine Bilanz fiel ernüch­ternd aus. Das Auf­ma­cher­bild zeigte den 29-jäh­rigen in grob­kör­niger Schwarz-Weiß-Optik. Einen Mann, dem die Jahre auf dem Rasen sichtbar zuge­setzt haben. Dazu die Zeile: Ich brauche keinen Bei­fall mehr.“ Fast wie ein Kriegs­heim­kehrer schil­dert Schürrle in der Story das Brennen seiner Mus­keln bei Sprints, die großen Belas­tungen einer Saison in der Pre­mier League, wo es keine Win­ter­pause gibt, die Erwar­tungs­hal­tung der Öffent­lich­keit und seine Jahre in der Ein­sam­keit von Chelsea und Moskau, wohin ihn sein Erfolgs­willen ver­schlagen hatte. Die Repor­tage liest sich wie die Geschichte eines von Depres­sionen geplagten Mannes, der viel Pech gehabt hat und in eine Sack­gasse des Lebens gelangt war.

Nur im Neben­satz wird deut­lich, dass Schürrle auch zur Stur­heit neigt. Dass er trotz erfolg­rei­cher Phasen in Lever­kusen und Wolfs­burg alles dafür tat, um bei Chelsea oder später beim BVB einen Ver­trag zu bekommen – und dort unsanft schei­terte. Schürrle sagt in der Geschichte Sätze, die aus dem Mund eines Profis Ende zwanzig ziem­lich traurig klingen. Etwa: Ich wollte nicht mehr Fuß­ball spielen, ich war total am Ende.“ Es spricht übers Medi­tieren, dar­über, dass er seine Gedanken redu­zieren muss und anfangen muss, seinen Lebens­sinn nicht mehr im Fuß­ball zu sehen.

Bereits im Früh­jahr 2018 hatte mit Per Mer­te­sa­cker – noch so ein Profi aus der großen Löw-Ära – seinen Unmut über die Ver­hält­nisse im Pro­fi­ge­schäft Kund getan. Auch er hatte mit seinen Bekennt­nissen gewartet, bis das Kar­rie­re­ende beschlos­sene Sache war. Eben­falls in dem bekannten Ham­burger Nach­rich­ten­ma­gazin erzählte er von seiner Ner­vo­sität vor dem Gang ins Sta­dion, die bei ihm regel­mäßig einen Brech­reiz her­vor­ge­rufen habe. Und dass er sich nach dem Halb­final-Aus gegen Ita­lien beim Som­mer­mär­chen“ 2006 nicht etwa tief ent­täuscht, son­dern ein­fach nur befreit gefühlt habe. Auch sein Fazit warf einen langen Schatten auf das ver­meint­lich gla­mou­röse Leben als Natio­nal­spieler. Mer­te­sa­cker schien nicht von Melan­cholie befallen ange­sichts des nahenden Endes seiner aktiven Zeit, son­dern eher von einer großen Last befreit.