Seite 2: Niemand ist davor sicher, im Unfrieden mit sich und der Welt zu leben

Das Medi­en­echo, das diese Offen­ba­rungen her­vor­riefen, war weit­ge­hend positiv. Viele erkannten sich in den Schil­de­rungen der Stars wieder. Auch im Lichte des Schick­sals von Robert Enke ist es löb­lich, wenn Profis ihre wahren Emp­fin­dungen offen­legen, Miss­stände des Geschäfts anpran­gern und bereit sind, Zweifel zu offen­baren, die sonst durch Pres­se­ab­tei­lungen und Berater der Öffent­lich­keit gern vor­ent­halten werden. Die Geschichten von Höwedes, Schürrle und Mer­te­sa­cker (wohl auch die von WM-Tor­schütze Mario Götze) zeigen, dass trotz exor­bi­tanter Gehälter, glo­bus­um­span­nenden Ruhms und Ehre nie­mand davor sicher ist, im Unfrieden mit sich selbst und der Welt zu leben. Für den Betref­fenden nicht schön, für man­chen Otto Nor­mal­ver­brau­cher in pre­kären oder pro­blem­be­haf­teten Ver­hält­nissen aber irgendwie auch tröst­lich. Bleibt doch die Erkenntnis: Großer Erfolg im Fuß­ball macht nicht nur glück­lich, son­dern oft auch nach­denk­lich. Zumin­dest für den, der zu denken imstande ist.

Trotzdem über­rascht, wie wichtig es den Profis zu sein scheint, ihre Beweg­gründe für das Kar­rie­re­ende detail­liert offen zu legen. Es ist viel von Demut die Rede in den Geschichten. Von Sinn­suche und davon, dass Geld ihnen zwar die Frei­heit gebe, sich nun so zu ent­scheiden, ihnen ansonsten aber wenig bedeute. Man fragt sich beim Lesen unwei­ger­lich: Wie mag dieser See­len­strip­tease bei Leicht­ath­leten, Tur­nern oder Gewicht­he­bern ankommen? Bei Men­schen, die ohne großes Salär fast alles für ihren Sport opfern, die eben­falls ständig in Gefahr sind, den Anschluss zu ver­lieren, und in diesem Sommer sogar damit fertig werden müssen, dass ihr Traum von Olympia wie eine Sei­fen­blase platzt – und womög­lich für immer aus­ge­träumt ist?

Warum ist der Wunsch in der jüngsten Genera­tion von deut­schen Fuß­ball­welt­meis­tern so aus­ge­prägt, sich zu erklären? Fast scheint es, als dräue ihnen im Ange­sicht des nahenden Kar­rie­re­endes plötz­lich, dass sie sich selbst beim jah­re­langen Wett­ei­fern um den nächsten großen Ver­trag, den nächsten Titel irgendwo auf dem Weg ver­loren haben. Dass ihrem Per­sön­lich­keits­profil etwas Ent­schei­dendes fehlt. Dass sie mehr sein wollen als nur“ erfolg­reiche Hoch­leis­tungs­sportler.

Steht am Ende ein anderes Motiv hinter dem plötz­li­chen Sin­nes­wandel?

Und es drängt sich die Frage auf: Warum bringen Profis mit dieser Wahr­neh­mung nicht viel früher den Mut auf, zu ihren Zwei­feln zu stehen, Dinge anzu­pran­gern, Fehler zu zugeben? Würde ein Bekenntnis im Moment eines großen Erfolgs nicht eine ganz andere Wucht ent­falten? Oder steht am Ende ein ganz anderes Motiv hinter dem plötz­liche Sin­nes­wandel? Ist die Kritik an dem Geschäft, das sie jah­re­lang außer­or­dent­lich gut genährt hat, womög­lich eine Form, sich als den­kender Mensch zu prä­sen­tieren? Eine Art Eigen­mar­ke­ting, um sich als Geschäfts­mann neu zu erfinden? Als jemand, der den Fuß­ball in allen Schat­tie­rungen durch­drungen hat, große Erfolge gefeiert, aber auch tiefe Täler durch­schritten hat, um nun mit all den Brü­chen in der Bio­gra­phie beson­ders geeignet und wertig für eine Anschluss­ver­wen­dung zu erscheinen?

Bene­dikt Höwedes ver­säumte jeden­falls nicht, zum Shoo­ting mit dem Spiegel“ eine schicke Adidas-Trai­nings­jacke und ein Base­ballcap des Drei-Streifen-Kon­zerns zu tragen. Zum Abschluss des Gesprächs teilte noch mit, er wolle dem Fuß­ball treu bleiben und sich für Werte ein­setzen: Ich möchte gern etwas davon ein­bringen, wie ich den Sport sehe,“ so Höwedes. Was genau das bedeutet, ließ das Inter­view offen. Höwedes plant als Manage­ment-Trainee in der Firma von Raphael Brin­kert ein­zu­steigen. Der bekannte Werber war lange Jahre für die Groß­agentur Jung von Matt tätig. Kaum jemand kennt sich in diesem Land besser mit der Ver­mark­tung von Sport­lern aus als er.