Horst Ehr­man­traut, wie wohnt es sich in Einöd? 
Horst Ehr­man­traut: Ach, das war auch schon Thema, als ich damals zu Frank­furt kam (seufzt). Da fuhren Reporter von Frank­furt nach Einöd, um das Orts­schild hier zu filmen. Wie kann man bloß in Einöd wohnen, fragten alle. Ant­wort: sehr gut. Es ist keine Einöde im Wort­sinne, es gibt hier – ob Sie das glauben oder nicht – 3000 Ein­wohner. Einöd ist ein­ge­bunden in Hom­burg an der Saar. Es liegt also nicht alleine, es gibt Men­schen hier und meh­rere Häuser.

Einöd klingt nach Gemü­se­anbau und Schwei­ne­zucht.
Horst Ehr­man­traut: Einen Bau­ernhof habe ich hier schon. Ich betreibe hob­by­mäßig Land­wirt­schaft, aber nur Ackerbau. Dieses Jahr habe ich Mais ange­baut für die Bio­gas­an­lage. Nur Wei­ter­ver­kauf, kein Eigen­be­darf. Es macht Rie­sen­spaß, wenn es klappt. Manchmal ist es aller­dings, wie jetzt auch, ein­fach zu tro­cken. Die letzten Jahre waren die Erträge schlecht, da habe ich immer drauf­ge­zahlt. 

Sie sind in Einöd geboren, die dor­tige Spiel­ver­ei­ni­gung ist Ihr Jugend­verein. Zweimal spielten Sie für den FC 08 Hom­burg und jetzt also der Bau­ernhof. Sind Sie ein unwahr­schein­lich hei­mat­lie­bender Mensch?
Horst Ehr­man­traut: Auf jeden Fall. Meine Familie wohnt hier. Alle Ehr­man­trauts sind im Umkreis von 200 Meter bei­ein­ander. Auch meine Spie­ler­kar­riere passt zu diesem Bild der Hei­mat­liebe. Den Schritt von Einöd nach Hom­burg emp­fand ich 1975 als gigan­tisch, sport­lich wie per­sön­lich. Vier Kilo­meter Ent­fer­nung sollte ich über­brü­cken, noch dazu die Lücke zwi­schen Ama­teur­be­reich und Zweiter Bun­des­liga. Der zweite Wechsel dann von Hom­burg nach Frank­furt war wie der Schritt in eine neue Welt. Da habe ich mir einige Gedanken gemacht: Kommst du da zurecht? Passt du dahin? Ich war ja erst 19 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hatte ich, 17-jährig, noch gute Ange­bote aus­ge­schlagen, weil ich nicht weg wollte aus meiner Umge­bung. 

Welche Erin­ne­rungen haben Sie an Ihre Zeit als Spieler bei Ein­tracht Frank­furt? Mit den Hessen wurden Sie UEFA-Cup-Sieger.
Horst Ehr­man­traut: Es lief nicht sofort so glatt, der Anfang war pro­ble­ma­tisch. In Hom­burg hatte ich immer gespielt, bei der Ein­tracht plötz­lich gar nicht mehr. Ich wollte mich unbe­dingt beweisen, aber Friedel Rausch, unser Trainer, ließ mich nicht. Viel­leicht war ich ihm zu jung, viel­leicht hatte er kein Ver­trauen. In der Hin­serie saß ich jeden­falls nur einmal auf der Bank und war sonst nicht mal im Kader. Die Degra­die­rung kam für mich, einem unglaub­lich ehr­gei­zigen Men­schen, einem men­talen Nacken­schlag gleich. 

In der Rück­serie machten Sie dann plötz­lich fast alle Spiele. Was ist in der Win­ter­pause pas­siert, das die Wende zum Guten brachte?
Horst Ehr­man­traut: Ich habe mich wirk­lich nie hängen lassen und wir hatten in Frank­furt immer meh­rere hun­dert Zuschauer beim Trai­ning. Ende des Jahres, es muss im November gewesen sein, hatten die Rentner und Kie­bitze genug. Die haben den Trainer gerufen: Friedel, jetzt musst du den Ehr­man­traut aber mal bringen – der trai­niert doch genial!“ Zum Beginn der Rück­serie stand ich plötz­lich in der ersten Elf.

Die Kon­fron­ta­tion mit Friedel Rausch haben Sie nie gesucht? 
Horst Ehr­man­traut: Wo denken Sie hin! Ich war ja noch ein Teen­ager, außerdem hatte man damals als Spieler zu warten, ob der Trainer auf einen zukommt. Mit Charly Körbel, Willi Neu­berger, Bernd Höl­zen­bein und Bum-Kun Cha spielten etliche Top-Spieler für die Ein­tracht. Daneben war ich doch ein kleines Licht (lacht).

Ein kleines Licht, das 1980 zu Hertha BSC Berlin wech­selte. Der Schritt dürfte für Kopf­schüt­teln gesorgt haben, immerhin hatten Sie am Main noch ein Jahr Ver­trag und gerade erst als Stamm­spieler den UEFA-Cup gewonnen.
Horst Ehr­man­traut: Genau das war der Haken. Ich hatte gleich im ersten Jahr all meine Ziele erreicht. Des­halb wollte ich unbe­dingt weg. Die Anfrage aus Berlin kam zum rich­tigen Zeit­punkt, auch wenn viele aus meinem Freun­des­kreis den Schritt nicht ver­standen.

Hertha BSC war aus der Bun­des­liga abge­stiegen.
Horst Ehr­man­traut: Ich brauchte diese Moti­va­tion, dieses Gefühl, irgendwo etwas auf­bauen zu können. Die Hertha war mir eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit, weil ich, obwohl im fernen Hessen ansässig, ihren Nie­der­gang sehr bedauert habe. Eine Stadt wie Berlin gehört in die 1. Liga, dachte ich. Als ich dann zu Ver­trags­ver­hand­lungen an die Spree fuhr, war das Wahn­sinn. Diese Größe, diese his­to­ri­sche Dimen­sion, eine Stadt, vor­mals geeint und jetzt plötz­lich durch eine Mauer getrennt – bei dem Wechsel haben Emo­tionen eine ganz wich­tige Rolle gespielt. Bis heute hält mich diese Fas­zi­na­tion gefangen, noch immer habe ich eine Woh­nung in Berlin.

Fünf Jahre blieben Sie in Berlin, bezeich­neten die Sta­tion als die schönste zu Spiel­er­zeiten. Wer hat Sie in der Haupt­stadt beson­ders geprägt?
Horst Ehr­man­traut: Wolf­gang Holst. Der wurde Zeit seines Lebens immer ein wenig ver­kannt, war für mich aber eine echte Vater­figur. Holst war ver­trau­ens­würdig, man konnte sich mit Pro­blemen und Nöten an ihn wenden. In seinem Büro wurden Spieler nie abge­wiesen. Für mich war das so über­ra­schend, weil Neu­land. Dass man mit einem Ver­eins­prä­si­denten so reden kann, kannte ich nicht. Natür­lich, manchmal wurde Holst auch wild und böse. Aber wenn man immer alles in die Waag­schale warf, stand keine Schelte zu befürchten.

Horst Ehr­man­traut, dieses Inter­view bietet Anlass, mit vielen Kli­schees, Anek­doten und Halb­wahr­heiten über Sie auf­zu­räumen. Lassen Sie uns über Ihre Trai­ner­lauf­bahn reden. 
Horst Ehr­mann­traut: Puh (holt Luft) … also gut, dann mal los (lacht)!

In den Medien hat sich das Bild vom selt­samen Kauz mani­fes­tiert. Sie sind der splee­nige Eigen­brötler. Aus der Ecke kommen Sie nicht raus.
Horst Ehr­man­traut: Eigen­brötler stimmt auch. Ich musste meinen eigenen Weg gehen, um mir Ver­trauen zu erar­beiten. Damals war ich einer der wenigen, wenn nicht der ein­zige Trainer, der am Tag nach dem Spiel schon eine Ein­zel­kritik durch­führte. Das war bei­leibe nicht üblich. Meine Nacht geriet dann auch sehr kurz. Nach dem Abpfiff schon aus­ge­laugt, habe ich die Rest­energie noch in die Spiel­ana­lyse gesteckt. So ein Per­fek­tio­nismus pro­vo­ziert dann natür­lich einen bestimmten Ruf. 

Heute gibt es für die Spiel­ana­lyse eigene Trainer. Die Bun­des­li­gisten beschäf­tigen rie­sige Funk­ti­ons­teams. Jürgen Klins­mann, Joa­chim Löw, Ralf Rang­nick und Felix Magath stehen bei­spiel­haft dafür, Ver­ant­wor­tung und Kom­pe­tenzen zu dele­gieren.
Horst Ehr­man­traut: Damals war es anders. Da war man als Trainer noch Auto­krat und auf sich selbst gestellt. Das hat Kraft gekostet. Ich habe Tag und Nacht für den Fuß­ball gelebt.

Auch schon zu Ihrer Zeit müssen Sie aber Ver­än­de­rungen im Trai­nerjob bemerkt haben. 
Horst Ehr­man­traut: Klar, ich habe mich ja auch ver­än­dert. Ich musste mich ver­än­dern. Der Trai­nerjob hat eine Ent­wick­lung genommen, die nicht zu igno­rieren ist. Heute muss er, siehe Funk­ti­ons­team, viel mehr Team­mensch sein und auf einer Ebene mit den Spie­lern agieren.

Der moderne Fuß­ball­jargon spricht gerne von fla­chen Hier­ar­chien“.
Horst Ehr­man­traut: Als ich anfing, war der Trainer oben und die Spieler unten. Man befahl etwas, die Spieler gehorchten. Das geht heute nicht mehr. Trainer älteren Jahr­gangs, die sich nicht ver­än­dern wollen, sind chan­cenlos. Gucken Sie sich Louis van Gaal an: Sicher­lich ein bril­lanter Trainer mit großem Fach­wissen, aber eben einer, der nicht bereit war, seine Domi­nanz und Auto­rität auch nur in Maßen auf­zu­geben. Jupp Heny­ckes ist das Gegen­bei­spiel. Der kann sich auch noch mit über 60 Jahren umstellen. Des­halb hatte er in Lever­kusen Erfolg und heuert jetzt beim FC Bayern Mün­chen an.

Hat sich ein Trai­nertyp à la Chris­toph Daum ver­braucht? Er wurde als Moti­vator gepriesen, sein Effekt bei Ihrer alten Liebe Frank­furt war aber gleich null. 
Horst Ehr­man­traut: Frank­furt hat da den totalen Bruch ver­sucht. Erst gab es Michael Skibbe, total ruhig und zurück­ge­nommen – und dann eben Chris­toph Daum, offen, öffent­lich, laut, spaßig. Man muss sich vor jedem Trai­ner­wechsel die Frage stellen: Was passt – in dieser beson­deren Situa­tion? Wie stellt sich der Ist-Zustand da – und was braucht das Team? In Frank­furt wurden dies­be­züg­lich ganz offen­sicht­lich Ein­schät­zungen getroffen, die nicht kor­rekt waren.

Horst Ehr­man­traut, hätten Sie die Ein­tracht retten können?
Horst Ehr­man­traut: Natür­lich, gar keine Frage! (lacht)

In den Fan­foren kur­sierte Ihr Name. Sie wurden gefor­dert.
Horst Ehr­man­traut: Das macht mich unend­lich glück­lich. Dass sich die Fans noch heute, drei­zehn Jahre nach dem Auf­stieg, an mich erin­nern, dass ich heute noch in Frank­furt erkannt werde, ist unbe­schreib­lich.

Das gute Gedächtnis der Ein­tracht-Fans rührt viel­leicht auch von den vielen Anek­doten aus Ihrer Zeit her. So sollen Sie zum Bei­spiel 1997 Co-Trainer Bern­hard Lip­pert aus der Kabine geschmissen haben, weil der angeb­lich nega­tive Aura und Energie“ ver­strömte.
Horst Ehr­man­traut: Die Geschichte ver­hielt sich etwas anders. Wir spielten in Karls­ruhe und ich hatte den Ver­dacht, dass vom KSC einige Leute durch die Gänge schli­chen. Ich hatte ein komi­sches Gefühl. Was, wenn die an der Tür lau­schen und alle tak­ti­schen Über­le­gungen mit­kriegen? Also habe ich Bern­hard Lip­pert vor die Tür geschickt, damit er sich da mal umsieht und auf­passt.

Eine andere Epi­sode erzählt, Sie hätten bei Ein­tracht Frank­furt den Bus­fahrer ent­lassen, weil der für den Weg zum Sta­dion zu lange brauchte.
Horst Ehr­man­traut: Wenn meine Zeiten nicht ein­ge­halten wurden, konnte ich grantig werden. Ich habe den Mann aber nicht ent­lassen, das stand mir gar nicht zu. Ich habe Druck aus­geübt. Es gehört zur Arbeit eines Bus­fah­rers dazu, den Weg exakt zu kennen. Ich habe meine Fahrer immer genau­es­tens instru­iert. Es war minu­tiös aus­ge­ar­beitet, wann vor dem Hotel Abfahrt und am Sta­dion Ankunft sein sollte. An jenem Tag fingen wir mit der Mann­schafts­sit­zung an. Dem Bus­fahrer blieb also der ganze Morgen, die Strecke abzu­fahren, die Zeit zu stoppen und mir die Daten zu über­mit­teln.

Kommt es denn wirk­lich auf zehn Minuten an? Das klingt sehr penibel.
Horst Ehr­man­traut: Fuß­baller sind sehr aber­gläu­bisch, ergo brau­chen sie gleiche Abläufe. Stellen Sie sich die Spiel­vor­be­rei­tung vor wie einen Trichter: Montag ist noch locker, locker, locker. Dienstag und Mitt­woch kommt erster Ernst auf. Am Don­nerstag wird schon sehr tak­tisch trai­niert. Samstag, 15:30 Uhr, muss ich optimal bereit sein, mental wie kör­per­lich. Es geht darum, die Kon­zen­tra­tion zu zen­trieren – und das war damals nicht mög­lich, weil der Bus­fahrer geschlu­dert hatte.

Also sind Sie noch an der roten Ampel aus­ge­rastet und haben sich dann selbst ans Steuer gesetzt, um den Bus gen Sta­dion zu fahren?
Horst Ehr­man­traut: Richtig ist, dass ich sehr, sehr laut wurde. Ich habe geme­ckert (lacht). Der Bus­fahrer war aber nicht, wie überall behauptet, sofort weg vom Fenster, son­dern noch einige Zeit da.

Waren Sie schon mal im Ver­eins­mu­seum von Ein­tracht Frank­furt? Ihr weißer Plas­tik­stuhl hat da einen Ehren­platz in einer Vitrine. Er ist ein his­to­ri­sches Objekt.
Horst Ehr­man­traut: Ha! Der Plas­tik­stuhl! Natür­lich, ich wusste es. Eine wahre Geschichte, end­lich mal. Ich kam damals zur Frank­furter Ein­tracht und beauf­tragte Rainer Fal­ken­hain, unseren Lizenz­spiel­leiter, mir bitte im Bau­markt den bil­ligsten Stuhl zu kaufen, weil … (holt tief Luft, langes Schweigen) … Frank­furt, Ban­kerstadt, Den­ker­stadt. 

Das müssen Sie erklären.
Horst Ehr­man­traut: In Frank­furt gibt es mehr Banker als sonstwo in Deutsch­land. Nun sind diese Banker ja eli­täre Leute. Sie sitzen auf leder­ge­pols­terten Ses­seln, weich, gemüt­lich. Auch mir wurde dieser Kom­fort ange­boten. Ich lehnte ab. Ich wollte diesen bil­ligen, weißen Plas­tik­stuhl, um ein Zei­chen zu setzen. Frank­furt war abge­stiegen, runter, zweit­klassig. Da war nichts mehr mit Elite. Alle Frank­furter, auch die Banker, sollten begreifen, dass jetzt ange­packt und unten ange­fangen werden muss. Arbeit, Maloche. Der weiße Plas­tik­stuhl war hoch­gradig sym­bo­lisch.

Der Bou­le­vard schrieb, der Stuhl diene allein dem Zweck, Ihre Spieler besser fixieren und aus expo­nierter Posi­tion Ener­gie­felder und nega­tive Auren erspüren zu können.
Horst Ehr­man­traut: Es ist kurios, welche Unwahr­heiten da rein­ge­deutet werden. Ich habe den Stuhl sehr weit nach vorne gestellt, ja. Aber doch nur, weil ich mich im Spiel voll kon­zen­trieren können wollte. Wenn ich da die ganze Zeit die Gespräche der Bank­spieler im Ohr habe, drehe ich durch. Ein Co-Trainer neben mir war manchmal noch okay, aber am liebsten blieb ich allein und für mich. Das soll nicht abwer­tend gegen­über den anderen Leuten klingen. Ich brauchte es ein­fach so. 

Wie unbe­quem war der Ver­zicht auf feines Frank­furter Leder?
Horst Ehr­man­traut: Der Stuhl war nicht gemüt­lich, aber immerhin sehr rus­tikal. Er hat ja dann auch einiges mit­ma­chen müssen, der arme Kerl. Ich habe den Stuhl getreten, umge­worfen, gestoßen – das tat mir manchmal schon fast leid.

So oft kann es nicht Grund zum Aus­rasten gegeben haben. Am Ende der Saison 1997/98 stieg Ein­tracht Frank­furt in die Bun­des­liga auf. Der Tri­umph war ein kleines Wunder, weil Sie ihn mit lauter Aus­sor­tierten und Abge­schrie­benen schafften.
Horst Ehr­man­traut: Es gab nach den fetten Jahren des Erfolgs nur noch ganz geringe Mittel. Also habe ich impro­vi­siert. Thomas Epp, Alex­ander Kut­schera und Ansgar Brink­mann sind Bei­spiele für Spieler, die erst bei uns auf­blühten. Woan­ders waren sie außen vor. Das war natür­lich auch keine totale Wun­der­tüte. Wir konnten nicht ein­fach nur Risiko gehen. Wir wollten Typen holen, die zum Verein und zur Ziel­set­zung passen. Hinter die Aus­wahl von Spie­lern habe ich mich mit Akribie geklemmt. Ich wollte die Psyche der Spieler bewerten. Will der kämpfen, sich auf­reiben und den Weg mit­gehen oder nur leichtes Geld abgreifen? Die Ant­wort auf solche Fragen kriegst du nur in per­sön­li­chen Gesprä­chen und über ein dichtes Kon­takt­netz. 

Ihre Ent­las­sung bei Ein­tracht Frank­furt emp­fanden viele als unrühm­lich. Sie wurden nur ein halbes Jahr nach dem Auf­stieg vom Hof gejagt. Bei der Ver­ab­schie­dung in der Kabine sollen Tränen geflossen sein.
Horst Ehr­man­traut: Auch ich habe später geweint. Frank­furt war eine ganz beson­dere Auf­gabe für mich. Ich wurde ent­lassen, obwohl ich nicht mal auf einem Abstiegs­platz stand, und das mit einem Kader, den wir nach dem Auf­stieg nur punk­tuell ver­stärkt hatten. Heute weiß ich, dass mein Stan­ding beim Prä­si­dium nicht das beste war.

Sie gingen 1999 zu Han­nover 96. Bei den Nie­der­sachsen setzten Sie durch, dass keine Auf­lauf­prämie mehr gezahlt wird, nur noch Punk­te­prämie.
Horst Ehr­man­traut: Im Fuß­ball zählt der Erfolg. Wenn ein Spieler schon Geld dafür bekommt, dass er über­haupt auf­läuft, ist der Sieg plötz­lich nur noch ein kleiner Bonus. So kann man nie­manden moti­vieren.

2002 heu­erten Sie im Saar­land an. Beim 1. FC Saar­brü­cken soll es sehr oft Mei­nungs­ver­schie­den­heiten mit dem Prä­si­denten, Hartmut Oster­mann, gegeben haben.
Horst Ehr­man­traut: Es wird immer gesagt, der hätte sich ins Trai­ning und in die Auf­stel­lung ein­ge­mischt. Alles Kappes! Kein Trainer lässt sich sowas bieten – es sei denn, er ist so schwach, dass er sich über die Hilfe des Prä­si­denten auch noch freut. Ich bin dafür mit Sicher­heit zu kernig. Wer diese Mär glaubt, kennt Horst Ehr­man­traut nicht (lacht).

Viele kennen den Horst Ehr­man­traut aus Saar­brü­ckener Zeiten vor allem aus den Weiten des Web 2.0. Mit Ihrem Wut­in­ter­view nach dem Spiel gegen 1860 Mün­chen wurden Sie zum You­Tube-Hit.
Horst Ehr­man­traut: Heute ist mir das pein­lich. In dem Inter­view kriege ich ja fünfmal die Krise und rege mich auf über eine Schieds­rich­ter­leis­tung, die zum Himmel schreit“ und jeder Beschrei­bung spottet.“ Das war nicht sou­verän. Heute würde ich mich nicht so gehen lassen, auch wenn ich echauf­fiert wäre.

Solche Zor­nes­aus­brüche sind sehr selten geworden im TV. Die Trainer werden in den DFB-Lehr­gängen bis ins Letzte medi­en­ge­schult. 
Horst Ehr­man­traut: Sehe ich heute die Gelas­sen­heit anderer Trainer, beneide und bewun­dere ich sie manchmal. Die halten Kopf und Gefühl aus­ein­ander und können im Inter­view noch ganz cool von ihren Hobbys erzählen. Das kenne ich gar nicht! Aber ich finde auch, ein Trainer sollte Ecken und Kanten haben. Rei­bung ist gut, Rei­bung bringt Erfolg. Regt mich etwas auf, muss es raus. Ich sage meine Mei­nung. 

Sie sagen, Sie standen damals unter Strom. Sie kennen Situa­tionen der Anspan­nung also gut. Trotzdem regten Sie sich in einem Inter­view 2008 über Joa­chim Löw auf, als der für das EM-Spiel gegen Por­tugal gesperrt war und hinter einer Glas­scheibe seine Ner­vo­sität mit Ziga­retten zu bekämpfen ver­suchte.
Horst Ehr­man­traut: Das war mir ein rotes Tuch. Ich hätte den sofort ent­lassen nach der Aktion, ware ich DFB-Prä­si­dent gewesen. Natür­lich ver­stehe ich, dass der Bun­des­trainer unter immensem Druck steht – das tun wir Ver­ein­trainer aber auch. Und wir stellen uns eben nicht hinter Glas, rau­chen und trinken Rot­wein.

Ver­eins­trainer waren Sie nicht mehr, seit es beim 1.FC Saar­brü­cken zu Ende ging. Sechs Jahre ist das her – im Fuß­ball­ge­schäft, auch wenn es platt klingt, eine halbe Ewig­keit. 

Horst Ehr­man­traut: Es kommt der Moment, da man merkt, wie das Alter vor­an­schreitet. Die Zeit rinnt und rennt davon. Tage sind gar nichts mehr, Wochen ganz wenig, Monate gerade noch eine Klei­nig­keit. Man fängt an, nur noch in Jahren zu zählen. Alles kehrt sich um. Der Tag, als die 50 auf dem Kuchen thronte, schockte mich. Früher, als kleiner Steppke, erschienen mir Sech­zig­jäh­rige immer unend­lich alt. Ich hielt die für ver­braucht, vom Kopf und vom Körper her. Und jetzt sollte ich davon nur noch zehn Jahre ent­fernt sein? Da habe ich beschlossen, mehr auf mich zu achten. 

Das klingt, als hätten Sie mit dem Fuß­ball abge­schlossen.
Horst Ehr­man­traut: Nein, gar nicht. Der Ein­druck soll nicht ent­stehen. Ich freue mich über die Ange­bote, die bei mir ein­gehen, und es kann durchaus sein, dass man mich wieder auf der Trai­ner­bank sieht. Aber ich war drei­zehn Jahre als Spieler und sech­zehn Jahre als Trainer aktiv. Ent­weder mache ich ich etwas ganz – oder gar nicht. 

Wer wollte Sie haben?
Horst Ehr­man­traut: Seit Saar­brü­cken hatte ich elf kon­krete Ange­bote. Die erste Liga war nicht dabei, dafür zweite, dritte und Regio­nal­liga, auch das Aus­land. Ginge es mir ums Geld, hätte ich annehmen müssen. Aber ich habe zu aktiven Zeiten immer sehr kon­ser­vativ gehaus­haltet. Wenn ich dann eins­tige Mit­spieler von mir sehe, die damals so viel mehr ver­dienten und jetzt hän­de­rin­gend einen Job suchen, kann ich das kaum begreifen. Das macht mich traurig.

Sie laufen Gefahr, bald keine Ange­bote mehr zu kriegen, wenn sich die Inter­es­sierten nur Absagen ein­han­deln. Irgend­wann ver­schwindet ein Trainer vom Radar, weil es heißt: Der will ja doch nicht.
Horst Ehr­man­traut: Der Gefahr bin ich mir bewusst. Damit muss ich leben – und ich lebe gut damit. Noch ist es ja nicht so, dass gar nichts mehr kommt. Erst im Winter hatte ich eine Anfrage aus China. Cheng Yang, mein ehe­ma­liger Spieler aus Frank­furter Zeiten, ist jetzt Sport­di­rektor bei einem Erst­li­gisten. Der hat Ver­mittler beauf­tragt, um mich auf­zu­spüren. Leider war China nicht das, was ich brauche. Das Land hat sich sicher­lich geöffnet, aber ich passe nicht in dieses System.

A propos System: Wie wollten Sie Fuß­ball spielen lassen? Wie sah die Ehr­man­traut­sche Phi­lo­so­phie aus? 
Horst Ehr­man­traut: Da muss ich einen Bogen in die Ver­gan­gen­heit schlagen, denn die Ein­füh­rung der Drei-Punkte-Regel ist in diesem Zusam­men­hang ganz wichtig. Vorher war ein Remis ja schon die halbe Ernte. Die Null musste stehen. Nach der Ände­rung ließen die Trainer offen­siver spielen. Wer die Drei-Punkte-Regel erdacht hat, ver­dient ein großes Kom­pli­ment. Es war der ent­schei­dende Impuls, um dem Fuß­ball jenen Stel­len­wert zu ver­leihen, den er heute hat. Du kannst in eine Kneipe gehen oder in ein feines Restau­rant, überall rollt der Ball. Fuß­ball bringt den ein­fa­chen Arbeiter von den Stadt­werken in Kon­takt mit dem Pro­fessor von der Uni.

Und Ihr System war dann …
Horst Ehr­man­traut: … erst ein defen­sives und nach Ein­füh­rung der Drei-Punkte-Regel musste auch ich umstellen und offen­siver spielen lassen.

Kon­trolle und Strin­genz schienen Ihnen trotzdem wichtig zu sein. Bei Han­nover 96 wech­selten Sie mal den Stürmer Sherif Touré aus, weil der einen Über­steiger ver­sucht hatte. Für den Togo­lesen die Höchst­strafe, immerhin lief schon die 90. Minute, er war erst vier­zehn Minuten vorher ins Spiel gekommen und: Sie führten mit 4:2 gegen Arminia Bie­le­feld!
Horst Ehr­man­traut: Das habe ich gemacht, weil Touré in der Halb­zeit noch den Pau­sen­clown gegeben und nur den Ball jon­gliert hatte. Das geht nicht. Ich will meinen Spie­lern ja auch Ernst­haf­tig­keit ver­mit­teln. Inso­fern war dieser Wechsel zwar hart, aber eigent­lich nur eine Erzie­hungs­maß­nahme. Dass die bei Sherif, einem begna­deten Fuß­baller, nicht gegriffen hat, ist schade. Er hat den ganz großen Sprung nie geschafft. 

Wie viel Fuß­ball ver­folgen Sie noch? 
Horst Ehr­mann­traut: Sehr viel. Ich reise überall hin, Bun­des­liga, Ama­teur­fuß­ball. Wenn ein viel­ver­spre­chender, junger Spieler auf­taucht, will ich den sofort sehen.

Dabei könnten Sie ihn für keinen Verein ver­pflichten.
Horst Ehr­man­traut: Ich mache das aus Liebe zum Fuß­ball. Dieser Sport hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich war nie ein begna­deter Tech­niker, kein großer Zau­berer. Trotzdem habe ich es bis zum Pro­fi­spieler gebracht und saß auch auf der Trai­ner­bank. Ich will dem Fuß­ball Danke sagen.