Am ver­gan­genen Don­nerstag knallte Nicolas Gétaz in der zweiten Minute der Nach­spiel­zeit den Ball aus rund zehn Metern Tor­ent­fer­nung per Direkt­ab­nahme in die Maschen. Er traf für seinen FC Lau­sanne-Sport zum 4:0 im Stadt­derby gegen den FC Stade-Lau­sanne-Ouchy. Der Sieg am vor­letzten Spieltag bescherte dem Verein aus dem Schweizer Kanton Waadt nach zwei Jahren die Rück­kehr in die Super League.

Mit ähn­li­cher Wucht wie der des Vol­ley­schusses von Gétaz war Lau­sanne-Sport durch die Chal­lenge League mar­schiert, die zweite Liga der Schweiz. Seit dem fünften Spieltag Tabel­len­führer schwankte Lau­sanne nur nach der Rück­kehr aus der Corona-Pause ein wenig. Das Polster auf die Ver­folger FC Vaduz und Gras­shopper Club Zürich war aber groß genug. Mit neun Punkten Vor­sprung wurde Lau­sanne Meister. 

Hinter dem Erfolg steckt das Unter­nehmen Ineos, das mehr und mehr den Sport als Markt für sich ent­deckt und ganz nach dem Vor­bild von Red Bull zu agieren scheint. Geschäfts­führer James Arthur Jim“ Rat­cliffe mimt dabei die Rolle des Diet­rich Mate­schitz.

FC Lau­sanne-Sport als erster Bau­stein eines Sport­im­pe­riums

Ende des Jahres 2017 hatte Ineos den Verein über­nommen. Damals lebte der Gründer und Vor­stands­vor­sit­zende Jim Rat­cliffe im schwei­ze­ri­schen Rolle. Es war das erste Enga­ge­ment in den Sport und sollte nicht das letzte bleiben. Neben Lau­sanne besitzt der Che­mie­kon­zern seit einem Jahr auch den OGC Nizza zu 100 Pro­zent.

Außer­halb des Fuß­balls hat Ineos mit Egal Bernal den Sieger der Tour de France 2019 in seinem Team und im Oktober bei der Ineos 1:59 Chal­lenge“ unter anderem mit einer kom­plett neuen Asphal­tie­rung maß­geb­lich dazu bei­getragen, dass Eliud Kip­choge als erster Mensch einen Mara­thon in unter zwei Stunden absol­vieren konnte. In der Formel 1 ist das Unter­nehmen zudem Haupt­partner des Mer­cedes-Teams.

Ich kenne nicht alle Pläne, ich weiß aber, dass Ineos ein Pro­jekt vor­an­treibt, das jenem von Red Bull ähnelt.“

Stefan Nellen, Vizepräsident FC Lausanne-Sport

Wie ambi­tio­niert das Pro­jekt FC Lau­sanne-Sport tat­säch­lich ist, wurde zuletzt im Juni wieder deut­lich, als die beiden Ein­hei­mi­schen Pablo Igle­sias (Sport­chef) und Léo­nard Thurre (Scout) ent­lassen wurden. Es kam Sou­ley­mane Cissé, der zuvor für den Nach­wuchs von Girondins Bor­deaux zuständig gewesen war. Da wurde mir richtig bewusst, dass ich Teil eines Groß­kon­zerns bin, der gerade dabei ist, sich neue Struk­turen zu geben“, sagte Trainer Giorgio Con­tini dar­aufhin der Aar­gauer Zei­tung

Jim Rat­cliffes Bruder Bob ist der Prä­si­dent des Klubs. Der schaut aller­dings nur alle zwei Wochen nach dem Rechten. Also lenkt Vize­prä­si­dent Stefan Nellen die Geschicke des Klubs. Doch der ist offenbar längst nicht über alle Vor­gänge infor­miert: Ich kenne nicht alle Pläne“, sagte Nellen der Aar­gauer Zei­tung. Ich weiß aber, dass Ineos ein Pro­jekt vor­an­treibt, das jenem von Red Bull ähnelt.“

Die engen Netz­werke der Ineos-Klubs zeigen auch die regel­mä­ßigen Treffen von Auf­stiegs­trainer Con­tini mit seinem Niz­zaer Amts­kol­legen Patrick Vieira, bei denen sie sich sich fach­lich aus­tau­schen. Vor dem Aus­bruch des Corona-Virus habe Con­tini, wie er erzählt, zudem mit den beiden Brü­dern Jim und Bob Rat­cliffe bei einem Mee­ting an der Côte d’Azur über best­mög­liche Syn­er­gien mit Ineos-Teams aus anderen Sport­arten dis­ku­tiert.

Das erin­nert schon sehr an die Vor­ge­hens­weise im Red-Bull-Kon­zern, bei dem etwa die Fuß­ball­klubs aus Salz­burg und Leipzig oder die Schwes­tern­teams Scu­deria AlphaTauri und Red Bull Racing in der Formel 1 eng zusam­men­ar­beiten. Im Ineos-Kon­glo­merat geht man sogar noch einen Schritt weiter. Um die Syn­er­gien per­fekt zu nutzen, trai­nieren die Rad­fahrer und die Fuß­baller in Nizza und bekommen Daten zur Aero­dy­namik aus der Formel 1 und der Mara­thon­läufer Kip­choge bekommt Unter­stüt­zung von den Meteo­ro­logen der Segler.

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Die Ent­las­sungen von Sport­chef Igle­sias und Scout Thurre machten Auf­stiegs­trainer Giorgio Con­tini klar, dass er Teil eines Groß­kon­zerns ist.

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Auch die Stra­tegie hinter den Inves­ti­tionen von meh­reren Hun­dert Mil­lionen Euro scheint nach dem Vor­bild des Ener­gy­drink-Riesen zu funk­tio­nieren. Denn Red Bull hat es geschafft, dass die Marke zwar stets prä­sent ist, dabei aber explizit nicht das Pro­dukt an sich im Vor­der­grund steht. So will auch Ineos erfolg­reich sein, denn ein Auf­po­lieren des eigenen Images hat der Che­mie­kon­zern drin­gend nötig.

Das Unter­nehmen steht seit Jahren heftig in der Kritik. Es ent­stand aus einem Manage­ment-Buyout beim Ölkon­zerns BP und erwei­tert die Pro­dukt­pa­lette stetig. Welt­weit beschäf­tigt das Unter­nehmen rund 22.000 Mit­ar­beiter und macht rund 51 Mil­li­arden Euro Umsatz im Jahr. Zu den Geschäfts­fel­dern gehören unter anderem die Her­stel­lung von Plastik aus Roh­stoffen, die durch das umstrit­tene Fracking gewonnen werden.

Brexit-Befür­worter und Steu­er­flücht­ling Jim Rat­cliffe

Wir erleben ein hyper­ka­pi­ta­lis­ti­sches Unter­nehmen, das mit Schulden ein ris­kantes Geschäft finan­zieren will“, kri­ti­sierte Thomas Gorden von der bel­gi­schen Bür­ger­be­we­gung StRaten-Generaal gegen­über der Münchner Denk­fa­brik 1E9 die Errich­tung einer Ineos-Fabrik in Ant­werpen. Dabei liegt der Fokus kom­plett auf fos­silen Brenn­stoffen. Die werden aus­ge­rechnet durch Fracking gewonnen. Und damit soll Plastik her­ge­stellt werden, das irgend­wann in den Welt­meeren landet oder ver­brannt wird. Alles, was man falsch machen kann, wird hier falsch gemacht.“

Und auch Ineos-Gründer Jim Rat­cliffe, der 2018 zum Sir geschlagen wurde, wird auf­grund der Dis­kre­panz zwi­schen seinen Aus­sagen und Taten immer wieder kri­ti­siert. Der von der Zeit­schrift Forbes erst im März als reichster Brite beti­telte Mil­li­ardär sprach sich vehe­ment für den Brexit aus, zog aller­dings Anfang 2019 nach Monaco. Den Sitz von Ineos ver­legte er zwi­schen­zeit­lich in die Schweiz, um Steuern zu sparen.

Die sport­li­chen Groß­pro­jekte sollen wohl als Pro­pa­gan­da­in­stru­mente gegen schlechte Presse dienen. Und dabei war der größte Coup im Pro­fi­fuß­ball zuletzt noch geschei­tert. Glaubt man Lau­sannes Vize­prä­si­dent Nellen, dann hat Jim Rat­cliffe 1,2 Mil­li­arden Euro geboten, um den FC Chelsea zu kaufen. Besitzer Roman Abra­mo­witsch habe aller­dings abge­lehnt. Das Netz­werk muss vor­erst also ander­weitig wachsen. Es werden noch zwei Klubs dazu­kommen“, sagte Nellen ohne zu ver­raten, um welche Ver­eine es sich dabei han­deln soll. Aber ich befürchte nicht, dass Lau­sanne dann nur noch das dritte Rad am Wagen sein wird.“

Denn zuletzt inves­tierte Ineos in ein neues Sta­dion, in das der Klub noch dieses Jahr ein­ziehen soll. Außerdem sei gut mög­lich, dass wie Red Bull bis zuletzt mit Ralf Rang­nick auch das Ineos-Netz­werk einen Gene­ral­di­rektor für alle Klubs instal­liere – das solle nach Wunsch dann auch einer vom Kaliber Arsène Wenger sein. Nellen ist zudem damit beauf­tragt, Bau­grund für einen meh­rere Mil­lionen Euro teuren neuen Trai­nings­campus auf­zu­treiben.

Die Hoff­nung auf junge Talente aus Nizza

Wie sich durch­schnitt­liche Klubs in den euro­päi­schen Ligen mit inten­siver Zusam­men­ar­beit unter einem Dach gegen­seitig aus­helfen können, zeigen Udi­nese Calcio und der FC Wat­ford. Die Inves­to­ren­fa­milie Pozzo lenkt die Geschicke beider Klubs und schiebt deren Spieler scheinbar nach Belieben hin und her. 32 Spieler wech­selten seit 2012 zwi­schen den beiden Ver­einen. Den­noch war Wat­ford nicht gegen den Abstieg aus der Pre­mier League gefeit.

Um in der Schweizer Super League kon­kur­renz­fähig zu sein, hoffen die Lau­sanner, dass sie talen­tierte Spieler aus Nizza aus­leihen können, die sich in der Ligue 1 noch nicht durch­setzen können. Ande­rer­seits müssen die Schweizer befürchten, ihre besten Talente in die stär­kere Liga in Frank­reich zu ver­lieren. So wie zuletzt der Schweizer U21-Natio­nal­spieler Dan Ndoye, der fünf Tore und acht Assists zum Auf­stieg bei­trug, und jetzt nach Nizza wech­selt.