Die Zukunft trägt einen Hah­nen­kamm aus Treibgas, zackig rasierte Schläfen und mit der Pin­zette gezupfte Augen­brauen. Man kann so jemanden einen eitlen Geck schimpfen, man könnte sich so einen auch leicht als Nagel­stu­dio­be­treiber vor­stellen. Aber auf Ste­phan Kareem El Shaarawy – jung, schnell, halb­stark – warten der­zeit trag­wei­tere Auf­gaben als nur Mani­küre: Erst muss er den großen FC Bar­ce­lona aus der Cham­pions League schießen, danach der Zei­ten­wende am Mila­nello weiter sein fri­siertes Gesicht leihen.

Im Wirbel um den Transfer von Mario Balo­telli zum AC Mai­land ging die Per­so­nalie Ste­phan El Shaarawy bei­nahe unter. Zu amü­sant die Anek­doten um Super-Mario, zu kon­tro­vers die Rück­kehr des Exi­lierten in die Mode­stadt. Wäh­rend Balo­telli das Image des Bad Boy lust­voll bedient, wirkt El Shaar­awys Kar­riere so gar nicht aus­er­zählt, auch weil der Rookie mit Skan­dalen geizt. Ein Web­clip, der ihn im Hotel­zimmer zeigt, seinen Mar­kens­neaker jon­glie­rend, gehört schon zu den auf­re­gen­deren Pri­vat­heiten. Ich möchte mich einzig und allein auf den Fuß­ball kon­zen­trieren. Ich gehe nicht in Clubs und habe keine Freundin“, soll der Angreifer gesagt haben. Dieser brave Ethos dürfte den Bou­le­vard ent­täu­schen, aber Sport­be­geis­terte freuen.

Vor zwei Jahren noch Serie B

Césare Pran­delli gehört bewie­se­ner­maßen zu den Sport­be­geis­terten. Nach seinem Amts­an­tritt als ita­lie­ni­scher Natio­nal­trainer im Herbst 2010 klagte er: Die Serie A ist für sich genommen eine reiche Liga, aber aus meiner Sicht ist sie arm. Ich finde dort keine drei starken 20-Jäh­rigen.“ El Shaarawy, exakt 20 Jahre alt, wider­legt die Unken­rufe des Maestro. Vier Län­der­spiele hat er unter Pran­delli absol­viert und mit dem unbe­re­chen­baren Balo­telli ein Duo geformt. Die Azzurri hoffen schon auf eine Adap­tion der gemelli del gol, der Torzwil­linge. So rief man einst die sowohl bei Sam­pdoria Genua als auch im Natio­nal­trikot gemeinsam stür­menden Roberto Man­cini und Gian­luca Vialli, deren Zusam­men­ar­beit ganze Abwehr­reihen zer­sägte.

Ste­phan El Shaarawy wurde in Savona geboren, als Sohn einer ita­lie­ni­schen Mutter und eines ägyp­ti­schen Vaters. Il Faraone nennen ihn die Fans, den Pharao. Er hätte auch für das Land der Pyra­miden spielen können, aber ent­schied sich für Ita­lien. Hier durch­lief er alle U‑Nationalmannschaften. Obwohl El Shaarawy dabei immer zu den Bes­seren seines Jahr­gangs zählte, war er doch kein Senk­recht­starter, kein Wun­der­kind à la Messi. In der Spiel­zeit 2010/11 wühlte sich der zier­liche Knabe noch für den AC Padova durch die Serie B. Der Durch­bruch in der aktu­ellen Saison ver­dankt sich auch güns­tigen Umständen.

Erst der dem Spar­kurs geschul­dete Weg­gang von Zlatan Ibra­hi­movic wurde zum Brust­löser für das Talent. Vorher hatte der Schwede die Offen­sive des Rekord­meis­ters mit der Atti­tüde eines Zere­mo­ni­en­meis­ters domi­niert. Als zweite Spitze durften dem Exzen­triker wech­sel­weise Robinho, Alex­andre Pato oder Antonio Cassano auf­legen. Für einen no name war kein Platz, Bega­bung hin, Hunger her. Und heute? Gegen­wärtig wiegt El Shaarawy die pro­mi­nenten Abgänge – Cassano zu Inter, Pato zu Corin­thians Sao Paulo, Robinho ins Form­tief – ganz alleine auf. Er ist an der Zäsur gereift. Für seinen Wer­de­gang scheint das gleiche wie für seinen Kopf­schmuck zu gelten: The sky is the limit.

In der Serie A hat der Stürmer in 27 Par­tien 16 Treffer und 5 Assists gesam­melt, für die Cham­pions League stehen 7 Spiele bei 2 Toren und 2 Vor­lagen zu Buche. Ver­gli­chen mit der Vor­saison, als es gerade mal zu 2 Liga­toren (bei 6 Star­tel­fein­sätzen und 16 Ein­wechs­lungen) gereicht hatte, El Shaarawy sogar für Milans Reserve in der Cam­pio­nato Pri­ma­vera Girone B auf­laufen musste: ein Quan­ten­sprung!

Auch Trainer Mas­si­mi­liano Allegri scheint davon über­rascht:
Er ist ein total anderer Spieler. Seine Ent­wick­lung kam völlig uner­wartet.“ Im Derby gegen Stadt­ri­vale Inter war es El Shaarawy (und nicht der unter Schlag­zeilen zusam­men­bre­chende, etliche Chancen ver­ge­bende Balo­telli), der die Füh­rung besorgte. Per Außen­rist, aus vollem Lauf, bedrängt von zwei Ver­tei­di­gern. Es war ein Tor, in dem sich alle Talente des Pha­raos aus­drückten. Wie ein Puber­tie­render, der ohne Flaum zu Bett geht und am nächsten Morgen mit Ober­lip­pen­bart erwacht, kom­pen­siert El Shaarawy seit Sai­son­start viele Mängel einer Mann­schaft, die sich im Umbruch befindet. 

Jetzt ist uns El Shaarawy super­si­cher“

Nach völlig miss­ra­tenem Start düm­pelten die Lom­barden im Herbst 2012 noch der Abstiegs­re­gion ent­gegen, die Alarm­glo­cken schrillten – und El Shaarawy ret­tete Allegri den Job: Achtmal bescherten seine Tore dem AC Milan drei Punkte oder wenigs­tens ein Remis, oft traf er dabei in der finalen Vier­tel­stunde. Die Rot-Schwarzen klet­terten wieder im Tableau und Prä­si­dent Adriano Gal­liani schmet­terte trotz klammer Kassen eine 30-Mil­lionen-Offerte des SSC Neapel ab. Am 1. März 2013 ver­län­gerte Gal­liani das markt­wert­ex­plo­dierte Juwel bis 2018. Der offi­zi­elle Kom­mentar: Jetzt ist uns El Shaarawy super­si­cher.“

Ste­phan El Shaarawy gehört ab sofort zu den Bes­ser­ver­die­nern, er bekommt nun zwei Mil­lionen Euro pro Jahr. Es bleibt abzu­warten, wie der Hofierte die gestie­genen Erwar­tungen meis­tert, wie er reagiert, sollten ihn die Stol­per­steine des Jung­pro­fi­tums ins Strau­cheln bringen. Dass der Hah­nen­kamm Feu­er­werks­körper in seiner Woh­nung zün­delt oder Dart­pfeile nach Junioren wirft, wie es seinem berühmt-berüch­tigten Sturm­partner Balo­telli vor­ge­worfen wurde, ist aber eher nicht zu erwarten. El Shaarawy will Fuß­ball spielen. Mar­cello Lippi ver­glich ihn mit Ales­sandro Del Piero, José Alta­fini sah Par­al­lelen zu Neymar und Andrij Schewt­schenko, ganz uneitel, zu sich selbst. Heute muss El Shaarawy seine Klasse, Cle­ver­ness und Über­sicht, sein Tempo, Drive und Instinkt gegen den FC Bar­ce­lona beweisen. Ein Tor im Nou Camp würde sogar die Por­no­frisur ent­schul­digen. Naja, fast.