Spiel­be­richt

Eine Auf­hol­jagd der Extra­klasse. Ein Bru­der­duell mit einem tra­gi­schen Ver­lierer. Ein Abend für die euro­päi­sche Fuß­ball­ge­schichte. In gut 30 Minuten fünf Tore zu schießen, um nicht aus­zu­scheiden, ist schon schwierig genug. Was die Uer­dinger dann zeigten, hatte es in bis dahin 30 Jahren Euro­pa­pokal noch nicht gegeben. Nicht wenige der ohnehin nur 18 000 Zuschauer hatten sich schon zur Halb­zeit auf den Heimweg gemacht. Und der ZDF-Reporter Rolf Kramer hatte den Dresd­nern in der bei deutsch-deut­schen Begeg­nungen damals übli­chen Fair­play-Hal­tung vor­eilig zum Errei­chen des Halb­fi­nales gra­tu­liert.



Denn nach dem 0:2 im Hin­spiel ließ der Pau­sen­stand von 1:3 keine Hoff­nung mehr. Doch dann geschah mit einem Anlauf von einer knappen Vier­tel­stunde Unfass­bares. Funkel traf in der 57. Minute per Foul­elf­meter, fünf Minuten später rutschte ein von Gud­mundsson getre­tener und von Minge abge­fälschter Frei­stoß in die Maschen. Dazu lupfte Wolf­gang Schäfer in der 66. Minute den Ball ins Netz. Begüns­tigt wurden die Tore aller­dings durch das Pech der Dresdner. In der Halb­zeit­pause mussten sie ihren vor­züg­li­chen Keeper Jaku­bowski gegen das nerv­lich über­for­derte Green­horn Jens Ramme ersetzen. Und spä­tes­tens nach diesen drei Toren machte den Dresd­nern sicher auch die Erin­ne­rung an das Euro­pa­pokal-Aus im Vor­jahr zu schaffen. Da näm­lich hatte Dynamo schon einmal tüchtig den Hin­tern ver­sohlt bekommen. Nach einem 3:0 daheim gegen Rapid Wien, hatten die Sachsen aus­wärts noch 0:5 ver­loren. Den Uer­din­gern waren derlei psy­cho­lo­gi­sche Erwä­gungen fremd. Nach wei­teren zwölf Minuten, in denen die ange­knockten Dresdner her­um­stol­perten als hätte man ihnen Catamin, jenes Betäu­bungs­mittel, mit dem man Schlacht­vieh ruhig stellt, ver­ab­reicht, folgte der ent­schei­dende Dop­pel­schlag inner­halb von 90 Sekunden. In der 78. Minute schoss Klinger flach von der Straf­raum­grenze, unmit­telbar darauf (die Ball­rück­er­obe­rung nach dem Anstoß dau­erte keine zehn Sekunden), wehrte Dörner einen Kopf­ball von Schäfer aus der Nah­di­stanz mit dem Arm ab. Funkel ver­wan­delte den fäl­ligen Straf­stoß eis­kalt. Sur­real wurde diese Partie nun, weil Dynamo urplötz­lich die letzten Kräfte mobi­li­sierte. Vollack ver­ei­telte in nur einer Minute drei Groß­chancen. Erst unmit­telbar danach legte Schäfer seinen aber­wit­zigen Solo­lauf über 80 Meter hin, der damit endete, dass er den Tor­wart anschoss, den Abpraller glück­lich vor die Brust bekam und zum End­stand ein­schob.

Die Uer­dinger wussten nicht, wie ihnen geschah: »Wir hatten in der Halb­zeit geschworen, uns mit Würde aus dem Wett­be­werb zu ver­ab­schieden«, sagte Trainer Feld­kamp kopf­schüt­telnd. So wenig war man auf Fei­er­lich­keiten ein­ge­stellt, dass der Mas­seur von einem Kiosk zwei Kisten Pils her­an­schleppte und Gud­mundsson sechs Fla­schen Sekt orga­ni­sierte. Die Dresdner zeigten sich als wür­dige Ver­lierer, obwohl sie schon ahnten, dass Köpfe rollen würden. So beant­wor­tete Trainer Klaus Sammer auch die sar­kas­tischsten Fragen der Pres­se­ver­treter höf­lich. Nörgler und Pedanten mögen nun viel­leicht ein­wenden, dass der Coup der Uer­dinger zu nichts führte, im Halb­fi­nale war gegen Atlé­tico Madrid Schluss. Und eine gewisse Ein­schrän­kung mag auch sein, dass beide Klubs nie wirk­lich zur euro­päi­schen Spitze gezählt haben, allen voran die »Zwei­jah­res­fliege« (Ulrich Hesse-Lich­ten­berger) Bayer Uer­dingen. Was aber den nahezu per­fekten Thrill, den die Zuschauer an diesem Abend am Fern­seher erlebten, in keiner Weise schmä­lert.


Auf­stel­lung

Bayer 05 Uer­dingen: Werner Vollack, Mat­thias Herget, Michael Dämgen, Wolf­gang Funkel, Werner Butt­ge­reit, Rudolf Bommer, Horst Feilzer, Fried­helm Funkel, Franz Raschid (52. Dietmar Klinger), Larus Gud­mundsson (72. Peter Loon­tiens), Wolf­gang Schäfer. Trainer: Karl-Heinz Feld­kamp

Dynamo Dresden: Bernd Jaku­bowski (46. Jens Ramme), Hans-Jürgen Dörner, Andreas Traut­mann, Mat­thias Döschner, Rein­hard Hafner, Ralf Minge, Jörg Stübner, Hans-Uwe Pilz, Ulf Kirsten, Mat­thias Sammer (28. Torsten Güt­schow), Frank Lipp­mann. Trainer: Klaus Sammer


Sta­tistik

0:1 Minge (1.), 1:1 W. Funkel (13.), 1:2 Lipp­mann (35.), 1:3 Bommer (42., Eigentor), 2:3 W. Funkel (58., Foul­elf­meter), 3:3 Gud­mundsson (63.), 4:3 Schäfer (65.), 5:3 Klinger (78.), 6:3 W. Funkel (79., Hand­elf­meter), 7:3 Schäfer (86.)

Schieds­richter: Lajos Nemeth (Ungarn)
Zuschauer: 18 000
Sta­dion: Gro­ten­burg Kre­feld
Datum: 19. März 1986
Wett­be­werb: Euro­pa­pokal der Pokal­sieger (Vier­tel­fi­nale)


Stimmen

»Daraus werden Legenden gestrickt.« (ZDF-Kom­men­tator Rolf Kramer)

»Wir waren total am Boden.« (Werner Vollack)

»Das ist wie ein Wunder!« (Wolf­gang Funkel)

»Das Spiel meines Lebens.« (Wolf­gang Funkel)

»Mir ist ganz schwin­delig vor Glück.« (Wolf­gang Funkel)

»Für mich war in der Halb­zeit­pause klar, wir sind geschlagen. Wir waren uns aber einig, uns noch gut aus dem Euro­pacup zu ver­ab­schieden. Des­halb haben wir mit voller Kraft wei­ter­ge­spielt. Erwarten Sie nicht, dass ich das, was in der zweiten Halb­zeit geschah, fuß­bal­le­risch erklären kann.« (Bayer-Trainer Karl­heinz Feld­kamp)

»Wenn man zur Halb­zeit 3:1 führt und zu Hause schon mit 2:0 gewonnen hat, dann ist das End­ergebnis extrem.« (Dynamo-Trainer Klaus Sammer)


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