Der 18. August 2004 war ein schwarzer Tag für den SV Union Neu­ruppin. Der kleine Verein aus der 32.000-Einwohnerstadt in Bran­den­burg verlor seinen Mit­tel­stürmer, er verlor seinen Prä­si­denten und schließ­lich auch seinen Mäzen – alle in einer Person. Olaf Kam­rath, der All-in-one-Unioner, wurde mor­gens um sechs in seinem Haus ver­haftet.

Die Razzia bei Tages­an­bruch ging in die Stadt­an­nalen ein. Nicht weniger als 400 Poli­zisten gegen eine Bande, die für Dro­gen­handel, Bestechung, ille­gales Glück­spiel, Pro­sti­tu­tion im großen Stil ver­ant­wort­lich gemacht wurde. Und Olaf Kam­rath war ihr Boss. Der Pate von Neu­ruppin.

Olaf war ein abso­luter Kum­peltyp“

Ich wollte es damals gar nicht glauben“, erzählt der Ü50-Unioner Haddel“ am Ver­eins­heim­t­resen, wo das Trai­nings­ge­kicke der Alten Herren in sämiger wer­denden Gesprä­chen austru­delt. Olaf war ein abso­luter Kum­peltyp, hat nicht geprotzt und immer viel für den Verein getan.“ So viel, dass ein paar Spieler den Klub nach dem Ban­den­crash gleich ver­lassen wollten, weil sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr bezahlt wurden. Nicht mal mehr Tor­prä­mien gab es. Gegangen ist dann nur einer – was nicht ver­hin­derte, dass dem Auf­stieg der Mann­schaft in die Lan­des­liga der sofor­tige Wie­der­ab­stieg folgte.

Der­weil führte der Weg des zwie­lich­tigen Prä­si­denten direkt ins Gefängnis. Wieder mal, könnte man sagen. Denn einige Zeit zuvor hatte er noch mit seinen Unio­nern gegen Häft­linge gespielt. Ein Angebot der JVA-Chefs, zur Inte­gra­tion der Gefan­genen, sagt Olaf Kam­rath. Skurril. Findet er auch, jetzt im Nach­hinein.

Wenn man ihn sieht, muss man an Axel Schulz denken

Kam­rath erlebte also sein per­sön­li­ches Som­mer­mär­chen im Knast. Die Erin­ne­rungen, die er an die WM 2006 hat, gehören zu seinen schönsten hinter Git­tern. Wir haben Fahnen raus­ge­hängt und getrötet“, erzählt der 42-Jäh­rige mit der Glatze. Außer Sport hast du da drin ja auch nichts weiter.“ Das Ergebnis ist ein Ober­körper, der unterm Sakko ziem­lich spannt. Man muss unwei­ger­lich an Axel Schulz denken. Wie der Kuschel­boxer duzt auch Olaf Kam­rath auf Anhieb – so unter Sports­leuten.“

Vom Richter wurde Sports­freund Kam­rath beschei­nigt, dass er vor allem durch sein Cha­risma zum Kopf der Bande auf­ge­stiegen sei. Heute gibt sich dieser Kopf geläu­tert. Das mit den Drogen war natür­lich scheiße, irgend­wann hat man sich das halt schön­ge­redet: Wenn wir den Markt kon­trol­lieren, ist der Stoff wenigs­tens sauber.“ Für solche Argu­men­ta­tion gibt es im Straf­recht keinen Rabatt: Zwölf Jahre lau­tete das Urteil. Sechs hat Kam­rath abge­sessen. Seit einem Jahr ist er im offenen Vollzug. Im Gefängnis hat er per Fern­stu­dium seinen Immo­bi­lien-Fach­wirt gemacht: Note 1.

1989 floh er über die Prager Bot­schaft in den Westen

Ein Neu­rup­piner Makler traute sich, ihm eine neue Chance zu geben. Nun sitzt Kam­rath in seinem win­zigen Büro in einer Ein­kaufs­pas­sage, umgeben von lauter Akten­ord­nern. Ab und zu orga­ni­siert er Woh­nungs­be­sich­ti­gungen oder berät ali­men­tie­rungs­be­rech­tigte Bürger, ob ihre gewünschte Woh­nung Hartz-IV-rege­lungs­kom­pa­tibel ist.

Schon vor seiner Ver­haf­tung hatte der gelernte Elek­triker mit Immo­bi­lien zu tun – als Besitzer. Nachdem er 1989 über die Prager Bot­schaft in den Westen geflohen war und mit einem Imbiss­wagen bald wieder in seiner Hei­mat­stadt ein­rollte, war er schnell zum per­so­nif­zierten Auf­schwung Ost geworden. Zunächst eröff­nete er ein Fit­ness­studio, dann eine Disco, Spie­lo­theken. Er kaufte Häuser und ließ sie sanieren. In den späten Neun­zi­gern begann er mit seinen Kum­pels mit Koks zu dealen – die Geburts­stunde der XY-Bande“. Der Name rührte von der Marotte der Mit­glieder her, als internes Erken­nungs­zei­chen ein XY“ auf Num­mern­schil­dern ihrer schwarzen Limou­sinen zu führen. Auf den Park­plätzen sah es nun plötz­lich aus wie in der Mafia-Hoch­burg Palermo.

Seine Spie­lo­the­ken­kette Monte Carlo“ war Haupt­sponsor

Den Ver­gleich mit Sizi­lien bestä­tigte indi­rekt sogar das Gericht. Es hatte dem Mafioso, der auch noch für die CDU im Finanz­aus­schuss der Stadt saß, beschei­nigt, mit seinen Machen­schaften ein wich­tiger lokaler Wirt­schafts­faktor gewesen zu sein. Dazu gehörte eben auch der Fuß­ball. In den Spielen half Kam­rath seinem Verein vorne als Knipser, als Prä­si­dent und Mäzen mit seinem finan­zi­ellen Back­ground. Seine Spie­lo­the­ken­kette Monte Carlo“ war Haupt­sponsor, gut sichtbar auf den Tri­kots auch der Union-Knirpse. Jähr­lich habe er rund 15000 Euro berappt, sagt Kam­rath, für Bälle, Bus­fahrten, ein Trai­nings­lager in Schweden. Der Verein habe ihm nun mal am Herzen gelegen.

Das Thema Fuß­ball spielte gleich­wohl nur eine Neben­rolle im 17-mona­tigen Pro­zess mit 150 Zeugen gegen neun Haupt­an­ge­klagte. Umso wich­tiger wurde es im Gefängnis erachtet, wo Kam­rath in einer JVA-Elf kickte. In seinem Voll­zugs­plan sei aus­drück­lich ver­merkt worden, dass er sich unbe­dingt wieder einem Verein anschließen solle, sagt er. Zur Reso­zia­li­sie­rung.

Glauben die, ich ver­kaufe Koks an Jugend­spieler?“

Als Frei­gänger spielt er nun bei den Maul­würfen Neu­ruppin. Lieber wären ihm die Alten Herren von Union gewesen. Dort wollten sie ihn aber nicht wieder haben, was Kam­rath, nur schwer ver­steht. Dass sie sich von Drogen distan­zieren, ist ja richtig. Aber glaubt jemand, ich ver­kaufe Koks an die Jugend­spieler?“ Er spricht von Dop­pel­moral, schließ­lich habe ein ver­ur­teilter Kom­plize zurück gedurft. In seinem Fall regiere wohl die Angst, durch öffent­liche Auf­merk­sam­keit Spon­soren zu ver­lieren. So ein Quatsch, das weiß Olaf auch, wir haben ja drüber gespro­chen“, sagt Markus Fetter in seinem Bau­pla­nungs­büro, das fast um die Ecke liegt. Den Prä­si­den­tenjob hat er 2005 über­nommen, seinen Vor­gänger kennt er aus dem Kin­der­garten. Rein mensch­lich“ habe man sich auf den Olaf immer ver­lassen können, sagt Fetter. Für den Verein hat er viel gemacht.“

Aber eine Wie­der­auf­nahme des Ex-Mafioso geht nicht so ein­fach. In der Öffent­lich­keit zieht man da schnell eine Ver­bin­dung zwi­schen Drogen und Jugend. Manche Eltern seien defi­nitiv gegen Kam­raths Come­back gewesen, auch Spon­soren, hinter vor­ge­hal­tener Hand, sagt Markus Fetter. Der Verein hat sich so eben erholt vom Unflat des orga­ni­sierten Ver­bre­chens. Man will keinen neuen Ärger.

Vor­bild­liche Inte­gra­ti­ons­ar­beit und für gute Nach­wuchs­ar­beit“

Zwei Pokale stehen auf dem Regal im Ver­eins­heim, ver­liehen vom Land­kreis für vor­bild­liche Inte­gra­ti­ons­ar­beit und für gute Nach­wuchs­ar­beit“. Sieben der elf Fuß­ball­mann­schaften des Ver­eins sind Jugend­teams. Seit dem XY-Pro­zess­jahr hat sich die Mit­glie­der­zahl auf knapp 400 ver­dop­pelt. Man ist sogar dem großen Lokal­kon­kur­renten MSV Neu­ruppin nahe gekommen.

Mög­lich, dass dabei eine Kor­rup­ti­ons­af­färe eine Rolle spielte – näm­lich die des MSV. Der zeit­wei­lige Ober­li­gist war jah­re­lang von den kom­mu­nalen Stadt­werken pro­te­giert worden, deren Geschäfts­führer zugleich Vize­prä­si­dent des Ver­eins war. Jeder wusste im Prinzip, dass die Stadt­werke Auf­träge nur an Firmen ver­gaben, die den MSV spon­serten. Bis sich mal einer auf­zu­mu­cken traute“, erzählt Fetter. Als 2007 alles auf­flog und der Vize zwei Jahren auf Bewäh­rung bekam, weil er illegal viel Geld zum MSV gelenkt hatte, nahm er sich 2009 das Leben. Der MSV war zu dem Zeit­punkt bereits pleite und in die Liga­nie­de­rungen abge­stiegen. Gefes­tigt war der Ruf der Stadt, der sich auf einem geg­ne­ri­sche Fan­trans­pa­rent so las: Bestechung, Schutz­geld, Kokain, ja so schreibt man Neu­ruppin“.

Das Erbe der XY-Bande ist ver­schwunden

Die Unioner waren also nicht die ein­zigen, der Ver­eins­ge­bare jus­tiabel wurde. Ein kleiner Trost? Ach“, sagt Markus Fetter. Wir haben uns ohnehin nie als schwarze Schafe im Neu­rup­piner Fuß­ball gesehen.“

Sechs Jahre, nachdem die Bombe platzte, gilt das bit­tere Erbe der XY-Bande als über­wunden. All das sei lange her, hört man in jedem zweiten Satz. Auch Ver­hältnis zum Lokal­ri­valen ist längst ent­spannt, und gal­lige Fan­pla­kate gibt es aus­wärts eben­falls nicht mehr zu sehen. 

Er trai­niert zweimal die Woche. Er will fit sein für den großen Tag.

Olaf Kam­rath, der ehe­ma­lige Pate von Neu­ruppin, freut sich der­weil auf die zweite Jah­res­hälfte, dann könnte er wegen guter Füh­rung ent­lassen werden. Er hat sogar schon eine Ein­la­dung zum EM-Gucken, von Freunden aus Polen. Aber da werde ich sicher noch nicht draußen sein.“

Immerhin: Beim Kreis­klassen-Lokal­derby Union II gegen Maul­würfe Neu­ruppin dürfte er dabei sein. Zweimal die Woche trai­niert er, er will fit sein für den großen Tag. Seine Bewäh­rungs­helfer wird das freuen.