?In den 70ern erlebte der Fuß­ball in vie­lerlei Hin­sicht seine wil­deste Zeit: Lange Mähnen schmückten die Häupter der Glad­ba­cher Fohlen, Natio­nal­spieler Paul Breitner posierte im Afro-Look und mit Mao-Bibel, Tor­wart Sepp Maier ging im Straf­raum auf Enten­jagd. Selbst vor den Tri­kots eines dama­ligen Bun­des­li­gisten machte das Wild nicht halt. Günter Mast, der Kräu­ter­likör-Fabri­kant aus Wol­fen­büttel, nahm sich 1973 die Kicker von Ein­tracht Braun­schweig zur Brust und plat­zierte dort das bekannte Logo seines guten Trop­fens, den Huber­tus­hirsch mit Kru­zifix. Doch der Pio­nier der Kom­mer­zia­li­sie­rung bescherte der Bun­des­liga nicht nur das revo­lu­tio­näre Trikot-Spon­so­ring, son­dern auch einen der wil­desten Fuß­baller, die das Land bis dahin erlebt hatte.

Die Rede ist vom jugo­sla­wi­schen Außen­stürmer Danilo Popi­voda, der bei der WM 1974 in Deutsch­land die Abwehr­re­cken rei­hen­weise schwindlig gespielt und dadurch Ver­eine wie Schalke 04, Bayern Mün­chen und den 1. FC Köln auf sich auf­merksam gemacht hatte. Doch der Wir­bel­wind an der rechten Sei­ten­linie hatte es auch Braun­schweigs Trainer Branko Zebec angetan. Ohne zu zögern öff­nete der neue Klub­prä­si­dent und Groß­sponsor Mast seine Scha­tulle, um den gebür­tigen Mon­te­ne­griner nach Braun­schweig zu locken. Masts Spen­dier­hosen wie auch Zebecs jugo­sla­wi­sche Wur­zeln erwiesen sich als die ent­schei­denden Trümpfe im Poker um den begehrten Natio­nal­spieler, und so wech­selte der 28-Jäh­rige im Sommer 1975 von Olympia Ljub­ljana zur Ein­tracht.

Popi nie da“, raunzte man­cher Anhänger


Zunächst jedoch schien es, als sei der Transfer des tech­nisch ver­sierten Angrei­fers eher eine Schnaps­idee denn ein großer Coup. Noch bevor die Saison über­haupt begann, brach sich Popi­voda im Inter­to­to­spiel gegen das jugo­sla­wi­sche Novi Sad das Schlüs­sel­bein und fiel mona­te­lang aus. Popi nie da“, raunzte man­cher Anhänger schon auf den Rängen im Sta­dion an der Ham­burger Straße, doch der Ärger war schlag­artig ver­pufft, als der sehn­lichst erwar­tete Flü­gel­flitzer am 13. Spieltag gegen den Ham­burger SV end­lich sein Debüt geben konnte. Als wollte Popi­voda all das Ver­gnügen, das ihm wäh­rend seiner Absti­nenz ent­gangen war, auf einen Schlag nach­holen, ver­naschte er Ham­burgs Ver­tei­diger Peter Hidien 90 Minuten lang nach Strich und Faden. Als sein erstes Bun­des­li­ga­spiel abge­pfiffen wurde, hatten ihn die Braun­schweiger Fans längst zu ihrem neuen Lieb­ling gekürt.

Wie ein ver­füh­re­ri­scher Appe­tit­happen wirkten Popi­vodas Kunst­stück­chen auf die Zuschauer und machten Hunger auf mehr. Doch daraus wurde erst einmal nichts. Noch vor dem nächsten Spiel brach sich der Hoff­nungs­träger bei einem Trai­nings­un­fall mit Tor­hüter Bernd Franke erneut das Schlüs­sel­bein und musste aber­mals pau­sieren. Erst zu Beginn des Jahres 1976 stürmte er wieder los, und diesmal ließ er sich von keiner Ver­let­zung, geschweige denn von irgend­wel­chen Abwehr­spie­lern auf­halten. Er war eine Art Fuß­ball-Par­tisan, denn wie einst Titos Frei­heits­kämpfer ihre gefähr­lichsten Waffen unter der Zivil­klei­dung ver­steckt hielten, über­raschte auch Popi­voda mit plötz­li­chen Täu­schungs­ma­nö­vern seine Kon­tra­henten. Als einen der schwie­rigsten und inter­es­san­testen Gegner meiner Kar­riere“, bezeich­nete Berti Vogts den ebenso kraft­vollen wie trick­rei­chen Stürmer. Und nicht nur der Waden­beißer der Nation hatte mit Popi­voda seine liebe Mühe. Als der Jugo­slawe vor seinem Füh­rungs­treffer im EM-Halb­fi­nale 1976 gegen Deutsch­land mit einer geschickten Kör­per­dre­hung gar den großen Franz Becken­bauer ver­dutzt stehen ließ, schlot­terten auch dem letzten Ver­tei­diger beim Namen Popi­voda die Knie.

Dabei hatte der das Leder, bevor er es auf dem Fuß tanzen ließ, zunächst lieber in die Hände genommen. Erst wäh­rend des Besuchs der Hotel­fach­schule in Ljub­ljana ent­deckte der begeis­terte Hand­baller den Fuß­ball für sich und wurde prompt von den Talents­couts des ört­li­chen Erst­li­gisten Olympia ent­deckt. Um den stän­digen eth­ni­schen Kon­flikten im Viel­völ­ker­staat Jugo­sla­wien den Rücken zu kehren, folgte Popi­voda nach erfolg­rei­chen Jahren in Ljub­ljana den Spuren frü­herer jugo­sla­wi­scher Legio­näre wie Kölns Zlatko Tschik“ Caj­kovski und Josip Sko­blar, der in den 60ern bei Olym­pique Mar­seille gespielt hatte. Mit reifen 28 Jahren und einer Reihe Län­der­spiele auf dem Buckel kam Popi­voda nach Deutsch­land und gehörte fortan zu den neuen jugo­sla­wi­schen Stars der Bun­des­liga, neben seinem Braun­schweiger Mann­schafts­ka­me­raden Alek­sandar Ristic und dem begna­deten Linksfuß Branko Oblak, der bei Schalke 04 und Bayern Mün­chen für Furore sorgte.

Zwi­schen 1975 und 80 absol­vierte Danilo Popi­voda 126 Spiele für die Ein­tracht, schoss dabei 30 Tore und trug damit wesent­lich zu den guten Liga­plat­zie­rungen von 1976 (Platz 5) und 1977 (Platz 3) bei. Nach der über­ra­schenden Meis­ter­schaft 1966/67 waren es diese glanz­vollen Jahre, die als die zweiten Gol­denen Zeiten“ in die Braun­schweiger Ver­eins­chronik ein­gingen. Noch heute ver­kör­pert keiner diese Epoche besser als der 1,74 Meter kleine Fili­gran­tech­niker. In seiner letzten Bun­des­li­ga­saison begann Popi­voda an einer schweren Augen­er­kran­kung zu leiden, in deren Folge er im Laufe der Jahre fast voll­ständig erblin­dete. Den Blick für die Mit­spieler hat er damit leider ver­loren. An sein Ball­ge­fühl aber wird man sich nicht nur in Braun­schweig immer erin­nern.