Frank Will­mann flüchte 1984 im zarten Alter von 20 Jahren aus der Zone, weil mir das Land zu eng war, weil mir die poli­ti­schen Ver­hält­nisse nicht gepasst haben und weil ich Aben­teuer gesucht habe.“ Die ehe­ma­lige DDR war für den ein­ge­fleischten Jena-Fan ein klein­bür­ger­li­ches Scheiß-Land, in dem ich nicht mehr leben wollte.“ Das aktive Mit­glied der ehren­werten Autoren-Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft ver­öf­fent­lichte unter anderem die emp­feh­lens­werten Bücher Sta­di­on­par­ti­sanen – Fans und Hoo­li­gans in der DDR“, Fuß­ball­land DDR – Anstoß, Abpfiff, Aus“ und gemeinsam mit Harald Haus­wald Ultras, Kutten, Hoo­li­gans“. Sein neu­estes Werk heißt Zonen­fuß­ball“ und ist hier zu bestellen »> LINK.

Frank Will­mann, aktuell spielt nicht ein Verein aus der ehe­ma­ligen DDR-Ober­liga im gesamt­deut­schen Ober­haus Bun­des­liga. Was sind die Ursa­chen?

Die Gründe für die aktu­elle Situa­tion liegen im Ver­sagen des DFB und der west­deut­schen Ver­eine. Die Klubs hat das Schicksal der Ost-Mann­schaften nicht inter­es­siert, die wollten so schnell wie mög­lich an bil­lige Fuß­baller. Die haben sich ver­halten, wie Heu­schre­cken. Der DFB hat die ersten Jahre damit ver­bracht per­sön­liche Ani­mo­si­täten mit dem ehe­ma­ligen DDR-Ver­band aus­zu­fechten und dafür zu sorgen, dass die Ost-Funk­tio­näre in der Ver­sen­kung ver­schwinden. 

Können Sie das kon­kre­ti­sieren?

Dazu muss man noch daran erin­nern, dass die DFB-Spitze von lauter Flach­pfeifen besetzt war, wie den unsäg­li­chen Meyer-Vor­felder, oder davor Egi­dius Braun und Her­mann Neu­berger. Das waren Men­schen, die über­haupt nicht stra­te­gisch denken konnten. Die der Auf­fas­sung waren, dass alles, was aus dem Unrechts­staat DDR kam, auch nur Unrecht sein konnte. Sprich, die Funk­tio­näre und Ver­ant­wort­li­chen. Diese wurden – teil­weise zu Recht – fallen gelassen, wie heiße Kar­tof­feln. Man hat ein­fach nicht ver­sucht gemeinsam an einem Strang zu ziehen. 

Aus wel­chen Gründen?

Aus Igno­ranz, Arro­ganz, Des­in­ter­esse und Über­heb­lich­keit. Man hat sich wie ein Sieger ver­halten, nicht wie ein gleich­be­rech­tigter Partner. Ich will nicht behaupten, dass sich die Ost-Funk­tio­näre anders ver­halten hätten. Ganz sicher nicht. 

Was hätte man besser machen können, besser machen müssen?

Man hätte sich ein­fach ernster nehmen sollen. Die Bun­des­li­ga­ver­eine hätten in den ehe­ma­ligen Ober­liga-Klubs nicht nur Frisch­fleisch­lie­fe­ranten sehen dürfen, son­dern ver­su­chen müssen gemeinsam etwas auf­zu­bauen. Die Ost­ver­eine waren und sind schon immer als Bitt­steller behan­delt worden – diesen Bitt­stel­lern hätte man nicht nur ein paar Brot­krumen vom gedeckten Tisch vor die Füße werfen dürfen. 

Und der DFB?

Der hätte erkennen müssen, welche Zustände in den Ver­einen herrschten. In den Klubs wurden kurz vor dem Ende der DDR noch schnell die alten Zöpfe abge­schnitten, heißt: die Ver­eins­bosse aus dem Amt ent­fernt. Es gab keinen Klub in der ehe­ma­ligen DDR, der nicht von der Regie­rung gesteuert war, die Ver­eine waren quasi gleich­ge­schaltet, da gab es kein freies Denken und Han­deln. Diese Schwäche hätte der DFB erkennen müssen. Statt­dessen hat man zuge­schaut, wie die Klubs rei­hen­weise in die Hände von Bau­löwen fielen. 

Bau­löwen?


Nach nicht mal einem Jahr saßen in fast jedem Ost-Klub Bau­un­ter­nehmer in der Füh­rungs­spitze. Warum haben die das gemacht? Natür­lich um Geschäfte zu machen. Die haben die Fuß­ball-Klubs benutzt um an die ent­spre­chende Kli­entel in den Städten ran­zu­kommen und ent­spre­chend Auf­träge zu bekommen. Nega­tiv­bei­spiel ist unter anderem Rolf-Jürgen Otto, der später auch ver­ur­teilt wurde. Bei Union Berlin gab es zu Beginn in kür­zester Zeit gleich drei sol­cher Unter­nehmer, die über den Verein ver­sucht haben rie­sen­große Flä­chen zu pachten. Das alles hat den DFB nicht inter­es­siert. Der hat die Ost-Ver­eine an der aus­ge­streckten Hand ver­hun­gern lassen. 

Nun wieder die Frage: was hätte man dies­be­züg­lich unter­nehmen müssen? Willi Lemke hat seinen Kol­legen aus dem Osten mal Nach­hil­fe­un­ter­richt in Sachen Mar­ke­ting und freie Markt­wirt­schaft gegeben. Das war doch nicht mehr, als ein Tropfen auf den heißen Stein?

Sicher­lich. Es hätte lang­fris­tige Kon­zepte geben müssen. Die Ost-Ver­eine haben ja durchaus auch inter­na­tio­nale Erfolge auf­weisen können, aber als es zum Zusam­men­schluss zwi­schen dem DFV und DFB kam, wurden ledig­lich zwei Teams aus der ehe­ma­ligen DDR-Ober­liga in die 1. Bun­des­liga auf­ge­nommen. Sechs Teams durften in die 2. Liga. Die übrigen sechs Mann­schaften sind also gleich kom­plett in der Ver­sen­kung ver­schwunden! Inklu­sive aller DDR-Zwei­li­gaklubs. Das hat die eta­blierten Bun­des­li­ga­klubs über­haupt nicht gejuckt. Kurz­fristig wurden aus 18 eben 20 Mann­schaften, das war´s. Der Ost-Fuß­ball ist also von Beginn an nicht gleich­be­rech­tigt behan­delt worden. Meiner Mei­nung nach ein absolut unfaires Ver­halten. Wenn man einen starken Ost-Fuß­ball hätte auf­bauen wollen, hätte man sich ganz anders ver­halten müssen, wesent­lich soli­da­ri­scher. Man hätte den Teams unter die Arme greifen und erklären müssen, wie kon­kur­renz­fä­higer Fuß­ball funk­tio­niert.

Ein anderes Pro­blem, Sie haben es bereits ange­spro­chen: das große Aus­wan­dern der besten Spieler.

Allein den BFC Dynamo haben damals im ersten Jahr 17 Spieler ver­lassen. Dafür hat der Verein zwar Geld bekommen, aber in was für einem Ver­hältnis!? Bayer Lever­kusen hat Andreas Thom für einen Appel und ein Ei bekommen. Lever­kusen war der abso­lute Vor­reiter im Abziehen der DDR-Klubs. Cal­mund und Co. haben ja auch nicht viel mehr machen müssen, als mit Hun­dert-Mark-Scheinen wedelnd vor den Spie­lern und Funk­tio­nären zu erscheinen. Als Thom wech­selte, wurde ein Teil der Ablöse sogar in Natu­ra­lien bezahlt. 

Mit was genau?

Cal­mund hat dem BFC ein­fach 500 asia­ti­sche Motor­räder auf das Ver­eins­ge­lände gestellt. Da hat er wahr­schein­lich noch ordent­lich mit abkas­siert. Er ist nicht ohne Grund bei Bayer gegangen worden“, auch wenn ihm noch nichts nach­ge­wiesen wurde. Im Fuß­ball wurden immer faule Geschäfte gemacht, das früher so und ist heute noch so. Da bin ich mir sicher. 

Kann man den Spie­lern auch einen Vor­wurf machen?

Nein, das nicht. Schuld an der Misere sind die Ver­eine. Warum hat man bei­spiels­weise nicht als Gegen­leis­tung einige gute Spieler an die Ost-Ver­eine abge­geben, statt sie aus­bluten zu lassen? 

Aber es gab doch Spieler, die in den Osten gewech­selt sind?

Aber was für welche? Der abso­lute Schrott. Das war bei den Trai­nern genauso. Wenn ich an Jimmy Hartwig denke, klappen sich jetzt noch meine Fuß­nägel hoch. Der hat Sachsen Leipzig zu Grund gerichtet. Es gab Berater, die haben mit den jewei­ligen Prä­si­denten rich­tige Per­so­nal­pa­kete geschnürt. Und da ging es nicht darum, die Klubs kon­kur­renz­fähig zu machen, son­dern eine schnelle Mark im wilden Osten zu machen. 

Wie viel Schuld haben die Ost-Funk­tio­näre?

Natür­lich einen bedeu­tenden Anteil. Denen muss man ihr Ver­sagen auch aufs Brot schmieren. Die waren unfähig eigen­stän­dige Idee zu ent­werfen, geschweige denn Wün­sche zu äußern oder For­de­rungen zu stellen. Viele hat es nicht inter­es­siert, was mit ihren Ver­einen geschieht, die haben bei den Trans­fers sicher­lich auch ein paar Mark mit­ver­dient. Eigen­stän­diges Denken war in der DDR auch nicht so ange­sagt. Alles was im Sport oder in der Kultur etwas zu sagen hatte, war mit dem Regime ver­ban­delt. Eigen­in­itia­tive gab es nicht. 

Wel­chen Chancen geben Sie dem Ost-Fuß­ball?

Über­haupt keine. Die ein­zige Mög­lich­keit besteht darin, dass irgendein Dummer auf­taucht und sein Geld in die Ost-Ver­eine pumpt. Die Men­schen sind aber auch selber Schuld: Es hat ihnen völlig gereicht, als Kohl damals das Begrü­ßungs­geld ver­teilt hat, eine echte Umstruk­tu­rie­rung hat nicht statt­ge­funden. Sehen sie sich Meck­len­burg-Vor­pom­mern an, das ist tot. Inzwi­schen gibt es die zarte Ten­denz, dass ehe­ma­lige ver­diente Spieler wieder in den Osten kommen, um Auf­bau­ar­beit bei den Ver­einen zu leisten.

Muss man von ehe­ma­ligen DDR-Spie­lern, die im Westen Kar­riere gemacht haben – wie Sammer, Thom, Kirsten usw. – ver­langen, dass sie jetzt Auf­bau­ar­beit in der Heimat leisten?


Man kann den Men­schen ja keine mora­li­sche Ver­ant­wor­tung unter­ju­beln. Ent­weder man hat die, oder nicht. Wenn jemand als junger Mann bei einem Klub jah­re­lang aus­ge­bildet und geför­dert wurde, würde ich erwarten, dass er dem Verein später etwas zurück gibt. Wenn jemand aber nur an seinen per­sön­li­chen Vor­teil und an seine Steu­er­erklä­rung denkt, wird er das natür­lich nicht machen. Dafür muss man inner­liche Größe besitzen und die meisten haben die nicht. 

Wer fällt Ihnen da ein?

Rico Stein­mann ist ein posi­tives Bei­spiel, Ralf Minge haben wir schon genannt. Thomas Doll ist jemand, der zu seiner BFC-Ver­gan­gen­heit steht. Was mich wütend macht, ist, dass Leute, wie Ulf Kirsten, in der Bun­des­liga Kar­riere gemacht haben, ohne für die Spit­zel­tä­tig­keit bei der Stasi belangt zu werden. Wenn er sich nach der Wende dafür ent­schieden hätte Poli­zei­be­amter zu werden, hätte nie­mals einen Job bekommen. Selbst wenn du damals beim BFC Dynamo Sekre­tärin gewesen bist, hast du später nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen. Weil du eben vom Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit bezahlt wur­dest.