Mit Pro­zent­an­gaben ist das so eine Sache. Nicht immer helfen sie bei der Wahr­heits­fin­dung. Ich habe mich im Ver­gleich zu meiner letzten Klausur um 100 Pro­zent gestei­gert!“, klingt besser als Ich habe zwei statt einem Punkt geholt!“ Durch­ge­fallen ist man trotzdem. Basis­ef­fekt nennen Sta­tis­tiker dieses Phä­nomen, nach dem ein Pro­zent­wert immer abhängig ist vom Aus­gangs­wert. 

Auch beim Fuß­ball ist dieses Phä­nomen gut bekannt. Wenn man Werder Bremen unter Inte­rims­coach Alex­ander Nouri nun also eine Stei­ge­rung um 100 Pro­zent beschei­nigt – wie groß war diese Stei­ge­rung wirk­lich? Oder anders gefragt: Wie niedrig hat Victor Skripnik die Mess­latte gelegt?

Sta­bi­lere Defen­sive

Schlechter kann es nicht werden“ ist eine über­stra­pa­zierte For­mu­lie­rung im Fuß­ball, doch betrachtet man die Defen­siv­leis­tungen von Werder Bremen beim 0:6 gegen die Bayern oder beim 1:4 gegen Glad­bach, kommt dieses Kli­schee der Wahr­heit recht nahe. Zu groß waren die Lücken nicht nur zwi­schen, son­dern auch inner­halb der Abwehr­ketten. Werder hatte fast alle Prin­zi­pien des modernen Ver­tei­di­gens ver­gessen: das Fal­len­lassen bei langen Bällen, das rich­tige Anlaufen des Geg­ners, das Über­geben der Gegen­spieler.

Nouris erste Auf­gabe als Inte­rims­coach war es fol­ge­richtig, die Defen­sive zu sta­bi­li­sieren. In den ersten beiden Spielen als Inte­rims­coach gelang ihm das ganz gut. Die Ketten ver­schoben besser, vor allem: geschlos­sener über den Platz. Im Mit­tel­feld agierten die Wer­de­raner eher man­n­ori­en­tiert, wäh­rend die Abwehr­kette dahinter absi­cherte. Die Flü­gel­stürmer ließen sich dabei auch schon einmal neben die Abwehr­kette fallen. 

In vielen Details war Werder ver­bes­sert. Tak­tisch war dies nicht die hohe Kunst des Ver­tei­di­gens, eher Stan­dard­werk. Aber Mit­telmaß ist eben eine Rie­sen­stei­ge­rung im Ver­gleich zu den Feh­lern, die Werder zu Sai­son­be­ginn aus­zeich­nete – und damit eine gute Bilanz nach nur einer Arbeits­woche.

Nouri würzte diese neue defen­sive Sta­bi­lität mit einigen Expe­ri­menten. Er gab Talenten wie Stürmer Ousman Manneh oder Innen­ver­tei­diger Milos Vel­j­kovic eine Chance und ver­lieh der Mann­schaft damit neue Impulse. Gegen den VfL Wolfs­burg am Wochen­ende änderte er sogar das System. Nouri setzte auf eine Mischung aus 4−3−3÷4−5−1.

Der Plan ging auf. Vor allem das Kon­ter­spiel funk­tio­niert mit der ver­jüngten Truppe besser. Die Wer­de­raner schal­teten schneller um, suchten direkt die ver­ti­kale Anspiel­sta­tion. Serge Gnabry darf eine zen­tra­lere Rolle ein­nehmen, kann dadurch öfter mit Geschwin­dig­keit auf die Abwehr zudrib­beln. Manneh ließ sich dafür am Wochen­ende häufig auf die Flügel fallen. Diese Wech­sel­spiel­chen ver­wirrten die Wolfs­burger Abwehr und taten der Bremer Mann­schaft gut. Nouri holte damit auch offensiv mehr aus dem Kader als Skripnik in seinen letzten Auf­tritten – zumin­dest im Umschalt­mo­ment.

Gekommen um zu bleiben?

Eine Frage lässt sich indes noch kaum beant­worten: Wird sich auch der Spiel­aufbau unter Nouri ver­bes­sern? Erste Ansätze gab es bereits zu erkennen. So waren die Lauf­wege im 4−3−3 gegen Wolfs­burg besser auf­ein­ander abge­stimmt und die ange­passten Rollen einiger Spieler wirkten pas­sender zu deren Stärken. So konnte Zlatko Junu­zuvic als ver­ti­kaler Achter seine Dynamik besser aus­spielen als zuletzt als Zehner.

Den­noch bleibt die Frage, ob Nouri die Bremer nicht nur defensiv besser ein­stellen kann. Gelingt es dem Trainer auch, die spie­le­ri­sche Misere der Bremer auf­zu­halten? Der Spiel­plan gibt Nouri die Chance, sich zu beweisen: Wel­cher Gegner eignet sich schließ­lich besser für dieses Vor­haben, als die noto­ri­schen Spiel­ver­wei­gerer aus Darm­stadt? 

Die Bremer Ver­ant­wort­li­chen wollen Nouri diese Chance wohl geben. Am kom­menden Wochen­ende wird sich zeigen, ob Nouri die Bremer nur in den Berei­chen ver­bes­sert hat, in denen sie vorher unter­ir­disch waren – oder ob er tat­säch­lich einen länger anhal­tenden Auf­wärts­trend starten kann.